Roman über kaputte Kindheit Werd bloß nicht der Arsch der Nation

Ein Roman wie ein Rap: Antonia Baum erzählt in "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf" ohne Pathos oder Anklage vom Aufwachsen zwischen Drogendealern und Möchtergern-Gangstern - toughe Wortwahl inklusive.

Autorin Antonia Baum: Text mit Flow und Witz
Mathias Bothor/ photoselection

Autorin Antonia Baum: Text mit Flow und Witz

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Sei nicht borniert. Ja, du darfst klauen, solange dich keiner erwischt. Putzen wird überbewertet. Anarchie ist gut, die Kirche schlecht. Vereine sind scheiße. Werd bloß nicht der Arsch der Nation. Oder eine dumme Bach-Gans, nur weil irgendwo steht, dass Bach ein Genie war. Guck, dass du schnell dein eigenes Geld verdienst. Von der Schule zu fliegen, ist nicht so tragisch. Du kannst dich selbst großziehen. Hab ich genauso gemacht. Und du siehst ja, was aus mir geworden ist. Jeder ist seines Glückes Schmied. Punktum.

Das ist kein Auszug aus einem Ratgeber für Gangsta-Rapper. Das ist ein Resümee der pädagogischen Grundsätze von Theodor, Protagonist in Antonia Baums neuem Roman "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren".

Theodor ist kein Gangster, er ist alleinerziehender Vater. Er arbeitet als Arzt, hat aber Gefallen an dubiosen Geschäften. Seine kleinen Kinder leiden unter seinen Erziehungsmethoden, er kümmert sich kaum um sie, Besuche vom Jugendamt sind Normalität. Romy, Clint und Jonny haben Eselsohren in ihren Hausaufgabenheften, Flecken auf ihren Pullis und vergessen ihre Turnbeutel. Sie verbringen ihre Kindheit fern ab der Spielplätze: in Wettbüros, auf Schrottplätzen. Dank Theodor.

Auf Schimpfworte folgt Poesie

Baums Buch liest sich stellenweise wie ein Rap auf Romanlänge. Ohne fette Rhymes, dafür mit Flow und Witz. Derb, doch klug. Auf Schimpfworte folgt Poesie: Hier ein Rant gegen Bitches, da Sätze wie "[Die Bäume] greifen mit ihren verknorpelten Händen in den Himmel, dem man nicht ins Gesicht spucken kann, man kommt einfach nicht ran".

Baums Mix aus Fantasie und tougher Wortwahl erinnert an smart gestrickte HipHop-Zeilen. Der Titel ihres zweiten Romans deutet das schon an: Er ist die Abwandlung eines Songausschnitts der Berliner Crew Masters of Rap, zu deren Gründungsmitgliedern Kool Savas gehört.

Manchmal meint man, Baum habe Rap-Fetzen in Thomas Bernhards Nachlass entdeckt. Mammutsätze, die an Schnappatmung leiden. Etwa, als Theodors Sohn Jonny, inzwischen erwachsen, über die Autobahn rast: "Bei Jonny ist es genau das Gleiche, der muss so fahren und die Straße vor sich kaputt machen, denn wenn man einen Vater wie Theodor hat und man ist zugleich so ein kluger Mensch, wie Jonny einer ist, mit einem Gesicht aus zarten Bleistiftstrichen, dann kann man nur zerstört werden von so einem wie Theodor, den man liebt und den man besiegen muss, indem man noch irrer und betrunkener Auto fährt als er, denke ich und schwitze." Wie bei Bernhard macht bei Baum der Rhythmus den Text. Naturgemäß, yo.

Umringt von unfähigen Männern

Diese Geschichte ist dreckig wie die Straße, vollgepumpt mit Drogen, handelt am Ende aber von Liebe. Von der, die ein Elternhaus einem gibt oder eben nicht. Einer Liebe, die man ein Leben lang vermissen kann. Baum berichtet von ihr frei von Pathos oder Anklage. Ihr Text ist keine Sozialstudie und auch kein Protokoll einer RTL2-Sendung; eher eine zeitgemäße Tragikomödie in Prosa, ähnlich Wolfgang Herrndorfs großem Roman "Tschick", in dem ein Kind umgeben ist von unvernünftigen Erwachsenen.

Theodors Tochter Romy erzählt diese Geschichte. Romy ist der einzige halbwegs vernünftige Mensch im Buch, umringt von unfähigen Männern: Alkoholiker, Drogendealer, Möchtegern-Gangster. Ohne dass sie es weiß oder dafür Anerkennung bekommt, ist Romy schon im Grundschulalter eine starke Frau.

Baum, die sich als Journalistin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor allem mit HipHop und Feminismus befasst, hat ein vom Rap geprägtes Hohelied auf jene starken Frauen geschrieben, die unbemerkt bleiben. Solche Lieder sollten wir öfter hören.

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GinaBe 08.04.2015
1. Merci
Das ist eine vielversprechend lebhafte und angenehme Rezension, die tatsächlich Lust erregt, dieses Buch zu lesen. Kein Trübsal wird geblasen, sondern Heiteres an Tragisches gereiht, der sprachliche Tanz verstanden zwischen den Extremen, dem Witz und dem verbo(r)gen Humorvollen einer Weltsicht und eines Lebensentwurfes, der jenseits einer konservativen Denkweise geboren wird und real äußerst Lebendiges entwirft, pulsierenden Hunger, der gesättigt wird.
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