Kurzgeschichten aus dem Irak Nicht mal die Toten geben Ruhe

Der irakische Schriftsteller Hassan Blasim erzählt in "Der Verrückte vom Freiheitsplatz" aus einem Land, das seit 35 Jahren im Krieg ist. Er vermählt Reportage und Märchen, mischt Wirklichkeit und Wahn, Alltag und Albtraum.

Hassan Blasim: Nach vierjähriger Odyssee in Finnland Asyl erhalten
Katya Bohm

Hassan Blasim: Nach vierjähriger Odyssee in Finnland Asyl erhalten

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Wenn man im Westen eine Kamera auf die Straße stelle, gehe jeder daran vorbei, hat Hassan Blasim mal in einem Interview gesagt. Wenn man dasselbe in Bagdad mache, wolle jeder sofort seine Geschichte erzählen. "Jeder Iraker trägt fünf schreckliche Geschichten in sich, und wir sind 30 Millionen."

In seinem Kurzgeschichtenband "Der Verrückte vom Freiheitsplatz", der soeben bei Kunstmann auf Deutsch erschienen ist, erzählt Blasim daher nicht nur vom Alltag eines Landes, das sich seit 35 Jahren im Krieg befindet. Nicht nur von den Traumata, die die Menschen in diesem Land plagen. Nicht nur von den Albträumen, die ihre Geschichten beherrschen. Blasim erzählt auch vom Geschichtenerzählen selbst.

In der ersten Kurzgeschichte des Bandes, "Das Land der Ziegen", stehen die Menschen Schlange vor dem Funkhaus von Radio al-Dhakira, dem Erinnerungssender, der keine Nachrichten und keine Lieder im Programm hat, sondern nur Berichte über die Vergangenheit des Landes. Der Sender, so heißt es, ist "nach dem Sturz des Diktators" gegründet worden und hat nun zu einem hochdotierten Wettbewerb aufgerufen: "Ihre Geschichten - in Ihren Worten". Und so strömen die Menschen herbei und wetteifern um die schmerzlichste Erinnerung. "Wir wurden von überall her bombardiert", heißt es einmal. "Selbst die Toten bombardierten uns mit Qualen."

Alle wollen reden, reden, reden

In der Kurzgeschichte "Truppenzeitung" steht ein Redakteur vor Gericht, der längst verstorben ist, und erzählt, wie er einst die eingesandten Fronterzählungen eines Soldaten als seine eigenen ausgegeben habe. Er sei sehr erleichtert gewesen, als der Soldat gefallen sei, bis plötzlich immer neue und immer mehr Erzählungen eben jenes Soldaten in der Redaktion eingetroffen seien. Er habe daraufhin das Grab des Soldaten gesucht und geöffnet - und tatsächlich seine Leiche darin gefunden. So ist das in Blasims Kurzgeschichten: Alle wollen reden, reden, reden, nicht mal die Toten geben Ruhe. Und auch nicht die Gespenster im eigenen Kopf.

"Ich habe mir oft vorgestellt, mein Leben damit zu verbringen, all die skurrilen Geschichten niederzuschreiben, die ich auf den geheimen Pfaden der Emigration erlebt habe. Das ist mein Krebs, von dem ich nicht weiß, wie ich von ihm geheilt werden kann", sagt der Erzähler in der Kurzgeschichte "Alis Tasche", in der ein Flüchtling seine tote Mutter mit sich herumträgt. Dann berichtet der Erzähler davon, sich einmal mit einem jungen deutschen Romanautor unterhalten zu haben: "Ich hatte das Gefühl, er beneide mich um all meine seltsamen und schmerzhaften Lebenserfahrungen."

Gut möglich, dass der Autor Blasim hier selbst spricht. Geboren 1973 in Bagdad, studierte er an der dortigen Filmhochschule und drehte sozialkritische Dokumentarfilme, bis er Todesdrohungen erhielt und Bagdad 1998 verließ. Er zog in den kurdischen Teil des Irak, in dem er sich sicherer fühlte vor den Häschern Saddam Husseins, und drehte seine Filme fortan nur noch unter dem Pseudonym Ouzad Osman. Als auch das im Jahr 2000 zu gefährlich wurde, floh er in einer vierjährigen Odyssee über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn nach Finnland, wo er Asyl erhielt und heute noch lebt.

Aufwachen aus unruhiger Nacht

Blasims Kurzgeschichten sind der Realität abgelauscht, realistisch sind sie nicht: Er vermählt Reportage und Märchen, mischt Wirklichkeit und Wahn, Alltag und Albtraum. Viele der Texte sind nicht kohärent, sie fallen auseinander und enden abrupt, oft auch absurd. Die Logik ist außer Kraft gesetzt. Als Leser fühlt man sich nach der Lektüre wie nach dem Aufwachen aus unruhiger Nacht: Die Versatzstücke eines Albtraums spuken einem noch einen Moment lang durch den Kopf, zusammengepuzzelt bekommt man sie nicht mehr. Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl.

Blasim ist von Roberto Bolaño beeinflusst, von Jorge Luis Borges und Carlos Fuentes, dessen Namen sich der Protagonist einer seiner Kurzgeschichten, ein irakischer Asylbewerber, interessanterweise zur Tarnung zulegt. Noch größer aber ist der Einfluss Franz Kafkas. Blasim erzählt in mehreren Kurzgeschichten von Menschen, die obskuren Organisationen gegenüberstehen oder anonymen Mächten ausgeliefert sind.

In "Archiv und Wirklichkeit" wird ein Entführter von einer militanten Gruppe zur nächsten weitergereicht, um in ihren Bekennervideos immer andere Schlächter zu spielen. Er versteht nicht, wie ihm geschieht.

Blasim schreibt in einer Sprache, in die der Krieg mit seinen Metaphern eingesickert ist: Ein Mensch beobachtet den anderen aufmerksam "wie ein Scharfschütze", ein Leben "platzt wie Feuerblasen", jemand kriecht "auf einem Teppich aus Messern herum". Es ist die Sprache eines Landes, in dem ein Kellner in einem Restaurant mit deftigen Gerichten schon mal deftig daherredet - und "Aufschlitzereintopf" serviert oder "Granatenreis mit Bohnen".

Blasims Kurzgeschichten sind rau und roh, und vielleicht wären sie noch besser, wenn ein Lektor kräftiger drüberpoliert hätte. Andererseits: Ein Albtraum glänzt nicht.

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Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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