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Kubanischer Krimi: Ein Antiquar auf Höllenfahrt

Von Tobias Gohlis

Ein kubanischer Antiquar als Verbrecherjäger? In Leonardo Paduras exzellentem Kriminalroman "Der Nebel von gestern" werden alle Zweifel ausgeräumt: Auch ein Bücherwurm kann für Hochspannung sorgen.

Ein Antiquar als Ermittler, das verspricht nichts Gutes. Diese liebenswürdigen Bücherwürmer sind verschroben, weltfremd und damit prächtig geeignet als Hätschelkinder eines Lesepublikums, das sich irgendwelchen höheren Werten verpflichtet fühlt, die in der realen Welt keinen Platz haben. Von dieser realen, eher versifften als hehren Welt handeln aber die guten Krimis, und so ist es schon eines der vielen kleinen Wunder von Leonardo Paduras "Der Nebel von gestern", dass ausgerechnet ein Antiquar darin ermittelt.

Krimiautor Padura: Sprachrohr der "verborgenen Generation"
Unionsverlag

Krimiautor Padura: Sprachrohr der "verborgenen Generation"

Aber was für ein Antiquar. Mario Conde hat lange für die kubanische Kriminalpolizei gearbeitet, ist berühmt für seine Pfiffigkeit und seine Ahnungen. Bis zum Ende seines 35. Lebensjahrs war Conde ein mustergültiger Kriminalist. Mit "unbestechlicher Ethik" hatte er die unsichtbaren Verbrecher aufgespürt, die geschützt durch das System des kubanischen Sozialismus am Werk waren.

Als sein Chef einer Säuberungsaktion zum Opfer fiel, kehrte Conde der Polizei den Rücken, in der Hoffnung, jetzt endlich den Roman seiner Generation schreiben zu können. Der Brotberuf des Buchhändlers sollte ihn an sein Ziel bringen. Doch markiert die Existenz als Antiquar das, was ihn noch davon trennt: Er handelt mit den geliebten Büchern - und schreibt sie nicht. So entspricht Condes Leben dem seiner Landsleute: ewig unerfüllte Hoffnungen.

Leonardo Padura, der mit seinem Ermittler das Geburtsjahr 1955 teilt, hat seine Altersgenossen die "verborgene Generation" ("la generación escondida") genannt. Geboren kurz vor der Revolution 1959, aufgewachsen unter heroischen Anstrengungen, später belastet von Mangel, bürokratischer Erstarrung und leeren Versprechungen.

Verbrecherischer Sozialismus

Im "Havanna-Quartett", das Padura weltberühmt gemacht hat, bilden vier Freunde die vier Bezugspunkte des Zusammenhalts und der Hoffnung. Die liegt in der Vergangenheit. Mehr als die Geschichten von früher, die sie sich erzählen, haben sie nicht. Erinnerungen an große Jugendträume. Jetzt, in "Nebel von gestern", dem Roman, der zwölf Jahre später spielt, reicht es schon, sich endlich mal wieder richtig satt zu essen.

Conde wittert eine ganz große Geschichte, als er in einem Kochbuch mit längst nicht mehr herstellbaren kubanischen Spezialitäten einen Zeitungsausschnitt von 1960 entdeckt. "Vanidades" (Nichtigkeiten) heißt die Zeitschrift und berichtet, Violeta del Río, der aufstrebende Star am Bolero-Himmel, wolle das Singen aufgeben. Nur wenige Monate nach der Ankündigung ihres Rückzugs verstarb die Sängerin, zu den Akten gelegt als Selbstmord.

Kritisch statt nostalgisch

Fasziniert von ihrer Schönheit, angestachelt durch eine uralte Plattenaufnahme, die er im Nachlassgerümpel seines Vaters findet, beginnt Mario Conde mit Nachforschungen bei den wenigen noch lebenden Zeugen jener Zeit. Dazu sucht der Bücherspezialist die Fast-schon-Toten auf: den damals berühmten Musikjournalisten, einen ausgemergelten Greis mit zerschossener Hand. Die Sängerin und Puffmutter Flor de Loto, die nichts mehr von einer Lotosblume an sich hat, aber immer noch vor denjenigen zittert, die vierzig Jahre zuvor eine Mauer des Schweigens um den Tod Violetas errichteten.

Zur grandios mit allen Schauer- und Ekel-Registern beschriebenen Höllenfahrt – Conde erinnert sich an Célines "Reise ans Ende der Nacht" – wird die Recherche im Altstadtviertel Atarés.

Der Gangster Meyer Lansky taucht am Horizont auf, das alte Havanna, ausgeplündert von Batista und zugleich eine Metropole, neben der New York und Paris verblassten. Padura hält die Ebenen traumhaft in der Waage: Die Erinnerung ist sehnsüchtig, nie nostalgisch verklärt. Die Gegenwart schwer erträglich und vom Vergangenen infiziert, aber immer das einzige, das real ist.

Obwohl Padura immer reklamiert hat, der Krimi diene ihm nur als Mittel zur Erzählung, behandelt "Der Nebel von gestern" auch einen veritablen Kriminalfall. Mord soll verhindern, dass die Wunden der Vergangenheit erneut aufbrechen. Am Ende: Irrsinn. All das, was schon die vier Bände des Havanna-Quartetts auszeichnete, ist in diesem Meisterwerk des Kubaners zusammengeführt: große Melancholie, Aufbegehren, die Liebe zu einer wunderbaren Insel.


Leonardo Padura: "Der Nebel von gestern". Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein, Metro im Unionsverlag, 368 Seiten, 19,90 Euro

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