Literatur im norwegischen Wald "Wie wird im Jahr 2114 gelesen?"

100 Bücher, gedruckt in 100 Jahren: Bei Oslo wachsen die Bäume für das Projekt der Künstlerin Katie Paterson. Hier erzählt sie, was ihre "Future Library" mit Kathedralen und dem Klimawandel zu tun hat.

Giorgia Polizzi

Ein Interview von


Zur Person
  • Giorgia Polizzi
    Katie Paterson (Jahrgang 1981) ist eine schottische Künstlerin, die in ihren Werken thematisiert, wie Zeit in der Natur gespeichert wird. Ihre "Future Library" entsteht seit 2014 in Oslo, Jahr für Jahr kommt bis 2114 ein Manuskript dazu. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
  • katiepaterson.org

SPIEGEL ONLINE: Ms Paterson, wie oft checken Sie die Wettervorhersage für Oslo?

Katie Paterson: Jeden Morgen - momentan sieht es danach aus, dass bei der Zeremonie zur Abwechslung mal die Sonne scheinen wird. Aber in Norwegen weiß man das nie so genau.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Zeremonie am Freitag wird der isländische Schriftsteller Sjón sein Manuskript für Ihr auf 100 Jahre angelegtes Projekt "Future Library" übergeben: Nach Margaret Atwood und David Mitchell ist er der dritte Autor, dessen Text erst 2114 gedruckt werden wird. Das klingt nach Empfang mit Abendgarderobe - doch Sie stehen mit Wanderklamotten im Nordmarka-Wald nördlich von Oslo.

Paterson: Ja, mit der Norm brechen wir definitiv. Jeder kann kommen, wir treffen uns mittags um halb 12 an der T-Bane-Station Frognerseteren, laufen dann 30, 40 Minuten in den Wald bis zu unserer kleinen Lichtung, wo alle, die eine Tasse mitgebracht haben, Kaffee oder heiße Schokolade bekommen. Und dann hält dieses Jahr Sjón eine Rede, seine Frau, eine Opernsängerin, wird singen, er übergibt das geheime Manuskript dem Bürgermeister, der es im Anschluss sofort im Stadtarchiv wegschließt; in ein paar Jahren werden die Texte in einen eigenen Raum in der gerade entstehenden Deichmanske-Bibliothek umziehen. Es macht keinen Sinn, im Wald irgendwas fancy zu machen - der Wald ist, was er ist. Und für die Norweger ist er sowieso ein alltäglicher Ort. Es ist magisch, jedes Jahr zur gleichen Zeit dort zu sein und zu sehen, wie die 1000 Sprösslinge, die wir gepflanzt haben, gewachsen sind, aus denen in 100 - nein, nur noch 97 Jahren, Bücher gedruckt werden.

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Kunstprojekt: Pinien für die Literatur der Zukunft

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie wirklich, dann werden Bücher noch auf Holzmedien erscheinen? Wissen ist heute schließlich unmittelbar verfügbar.

Paterson: Stimmt, alles ist nur einen Klick entfernt. Wie im Jahr 2114 gelesen und gelebt werden wird, ist ein großes Rätsel. Aber genau da liegt mein Interesse. Und auch das der Autoren: Sie haben ja nicht die Leserschaft von heute vor Augen, sondern die der Zukunft. Es ist geradezu verrückt, etwas zu schreiben, das während ihrer Lebenszeit nicht gelesen wird. Die "Future Library" ist ein Kunstwerk, das einer Generation gehören wird, die noch nicht mal geboren ist. Mehr werde ich selbst ja nie wissen!

SPIEGEL ONLINE: Wir auch nicht - die Autoren verraten nichts außer dem Titel ihrer Werke. Aber was erzählten sie über ihre Herangehensweise?

Paterson: Margaret Atwood hat jedenfalls viel geschrieben, das Gewicht konnte ich in der Schachtel bei der Übergabe fühlen. Sie erwähnte, dass sie sich im Text damit beschäftigt hat, wie sich Sprache und Begriffe über die Zeit verändern werden: Wird man 2114 noch wissen, was ein Toaster ist? David Mitchell hat nicht viel erzählt, aber ich weiß, dass er, der sonst an seinen Werken jahrelang feilt und sie überarbeitet, geschrieben hat, bis sein Taxi zum Flughafen kam. Und Sjón, der monatelang darüber nachgedacht und dann alles in einem Rutsch in seiner Hütte in Island runtergeschrieben hat, verriet nur: Sein Text verweist auf den Wald selbst.

SPIEGEL ONLINE: In dem Video, das Sie extra gedreht haben, sagt er, dass die "Future Library" für ihn als Vorbild taugt, um unser aller Denken zu ändern in Zeiten des Klimawandels. Sehen Sie das auch so?

Paterson: Ich denke, dass das auf verschiedene Facetten zutreffen kann. Zum einen ist es eine Kollaboration verschiedener Gewerke: Die Autoren, die Förster, die Projektleiter, die Bibliothekare arbeiten transdisziplinär zusammen, was viele wichtige Perspektiven zusammenbringt. Vor allem aber ist es ein Projekt, das sehr langsam voranschreitet und eine riesige Zeitspanne umfasst. Wir denken mit der "Future Library" weit über unseren Horizont hinweg, es geht um die kommenden Generationen. Mir scheint, dass heute viele nur noch in kurzfristigen Etappen denken, sogar wenn es um unseren Planeten geht. Dabei müssten wir zurückkommen zu etwas, das man "Cathedral Thinking" nennt. Früher pflanzte man extra Bäume, damit daraus in ferner Zukunft Balken für den Bau von Kathedralen werden konnten. Für dieses Nach-vorne-Denken steht die "Future Library", sie ist ein Funken Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Sjón, auch viele Texte von Atwood und Mitchell thematisieren das Verhältnis von Menschheit und Natur. Wie wichtig ist Ihnen das, wenn Sie jedes Jahr einen Autor auswählen?

Paterson: Ich fand, gerade in den Anfangsjahren des Projekts sollten die Texte und die Idee der "Future Library" einander inhaltlich befruchten. Sonst geben wir nur zwei Begriffe vor: "Fantasie" und "Zeit". Ich will keine Regeln aufstellen. Ihre Texte werden so oder so etwas über das jeweilige Hier und Jetzt aussagen. Es wird interessant sein, wie zukünftige Leser so Kapitel für Kapitel in der Zeit zurückgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Ihre eigenen Werke beschäftigen sich damit, wie kulturelle, kosmische und geologische Zeit archiviert wird. Wieso nun Literatur?

Paterson: Mich interessieren Speicherformate und Momente, in denen Zeit und Raum in eins fallen. Ich habe schon eine Perlenkette aus Fossilien gemacht, die Welt zuhören lassen, wie ein Gletscher schmilzt. Irgendwann hatte ich die Idee, in einer Arbeit die Jahresringe von Bäumen mit dem Konzept von Buchkapiteln zusammenzubringen. Als ich für eine Konferenz in Oslo ein Werk einreichen durfte, schlug ich die "Future Library" vor: Dieses wachsende Archiv geht zugleich vorwärts und rückwärts in der Zeit, bis zur Erfindung von Papier und Buchdruck.

SPIEGEL ONLINE: Für die künftigen Bücher haben Sie zusammen mit Förstern Pinien und Birken-Schösslinge gepflanzt. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie erstmals an der Stelle des heutigen "Future Library"-Waldes standen?

Paterson: Es regnete in Strömen, und auch wenn es wie ein Klischee klingt: Es fühlte sich an als seien wir aus der Zeit gefallen. Wir übernachteten in einer Hütte ohne fließend Wasser oder Strom, in totaler Stille, nirgends eine Menschenseele. Und als das Licht durch die Bäume drang, erinnerte es mich daran, wie alt der Wald ist und wie er weiter wachsen wird, jenseits meiner Lebzeit. Wie abgelegen er ist, trotz der Nähe zu Oslo, merkten wir übrigens, als Margaret Atwood vorschlug, die Zeremonie live im Internet zu streamen, was wir nun jedes Jahr machen: Wir mussten Satelliten im Wald aufstellen lassen - es gab einfach keinen Empfang.

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Tumtumo 02.06.2017
1. 100 Jahre später
werden wir wieder Höhlenmalerei betreiben. So dumm wie die Menschheit ist, dezimiert sie sich wieder, aussterben werden wir nie. Auch wenn 1% an dem Leid schuld ist, haben es 99% zugelassen. Ja dieses Leid male ich am besten am Wochenende in die Alpen, vielleicht liest das jemand in 100Jahre ?
haresu 02.06.2017
2. Wenn Stephen Hawking Recht hat ...
... wird die Menscheit ja in Hundert Jahren gezwungen sein die Erde zu verlassen. Dann können sich die Bäume Geschichten erzählen über uns Idioten.
rudolfo.karl.von.wetterst 03.06.2017
3. Unter Wasser
Es wird vor allen Dingen nur noch unter Wasser gelesen Menschen haben Kiemen und Schwimmhäute zwischen den Fingern, was das Blättern schwieriger macht
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