SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. August 2017, 13:37 Uhr

Prostitutionsgeschichte "Kukolka"

Dreizehn Jahre alt, drei Freier täglich

Von Jana Felgenhauer

In der Ukraine lebt sie auf der Straße, muss betteln, später in Deutschland anschaffen gehen. Lana Lux schreibt in ihrem Debüt über Menschenhandel und Zwangsprostitution - so real, dass es schmerzt.

In den Metallbetten im Heim müssen alle Kinder auf der rechten Seite schlafen - damit ihre Herzen nicht zerquetschen. Als ob es wichtig wäre, ein Herz zu schonen, in einer Umgebung, in der sowieso niemand etwas wert ist, am wenigsten Samira, mit den grünen Augen und der dunklen Hautfarbe, die alle "Zigeunerin" rufen.

Die Erzieherin schlägt sie, lässt sie nächtelang im Waschraum auf kalten Fliesenboden schlafen. Als sie die Schikanen und Grausamkeiten nicht mehr erträgt, flieht Samira. Nach ein paar Stunden auf der Straße rennt sie in Rocky, einem schwabbelbäuchigen Mann, der nach Zigarettenrauch und Zwiebeln stinkt. Er ist Retter und Peiniger zugleich.

Am Anfang ist es noch eine Oliver-Twist-Story: Rocky gibt Straßenkindern ein Zuhause, sie gehen für ihn betteln und klauen. Aus Samira wird "Kukolka", Püppchen. Ihre Ersatzfamilie besteht aus Klebstoff schnüffelnden Jungs, dem Mädchen Dascha, das sie "Zombie" nennen, weil sie weder tot noch lebendig ist, und Lydia, die sich für Rockys Geliebte hält. Sie leben in einem Haus ohne Strom und warmes Wasser. Rocky trinkt, schlägt und missbraucht, doch keiner wagt es, abzuhauen. Die Kinder haben nur ihn und überhaupt: Wohin sollten sie auch gehen?

Gemeinsam sind sie wie eine Horde Straßenhunde, auf die Welt geschmissen und ihrem Schicksal überlassen. Es ist ein Dasein im Überlebensmodus. Jahre gehen ineinander über, Erinnerungen, in denen immer Winter ist. Und dann ist da noch die Kälte der Menschen: Passanten ohne Mitgefühl, Bettler, die für sich alleine kämpfen, Männer, für die Frauen nichts als Fleisch sind.

Autorin Lana Lux wurde 1986 in der Ukraine, geboren, sie zog mit ihren Eltern als Zehnjährige nach Deutschland. "Kukolka" ist ihr erstes Buch, die Figur Samira fiel ihr ausgerechnet während eines VHS-Kurses zum Thema "Kinderbuch" ein. Über ihr eigenes Buch sagt sie: "Am Anfang ist dieser Mensch ein kleines nacktes Baby. Doch was passiert mit ihm? Niemand wird als Kanzlerin geboren und auch nicht als Prostituierte. Es sind viele kleine Schritte, die man geht, oder man wird geschubst."

Lana Lux fühlt sich mit viel Empathie in ihre Protagonistin. Was "Kukolka" an vielen Stellen so traurig macht, ist die Nüchternheit, mit der Lana Lux die Abgründe beschreibt - aus der Sicht eines Kindes, das bereits völlig abgestumpft ist von der ganzen Gewalt, dem sexuellen Missbrauch, vom Tod. Denn auch er ist allgegenwärtig. Immer wenn Kukolka eine Beziehung zu einem Mädchen aus der Gruppe aufbaut, stirbt es oder wird ermordet. "Ich wusste, dass jeder irgendwann dran ist. Und das irgendwann in Wirklichkeit jederzeit bedeutet."

Zu schön, um wahr zu sein

Dann tritt Dima in ihr Leben, ein schöner Mann mit roten Rosen und vielen Versprechen. Ein Wunder, denkt sie. Zu schön, um wahr zu sein, denkt der Leser. Bald schon lebt sie mit ihm in Berlin. Deutschland ist das Land ihrer Träume, und sie ist so verliebt, dass sie nicht merkt, wie er sie benutzt. Es ist nicht schwer, sie zu beeindrucken, ist sie doch in Armut aufgewachsen. So staunt sie über eine Mikrowelle, eingeschweißten Käse, Kartoffelchips. Was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, ist für Kukolka sehr besonders: der Apfelduft eines Duschgels, das Schäumen von Zahnpasta oder "Erdbeergeschmack im Winter".

Doch Dima ein Zuhälter, der junge Frauen manipuliert, richtet sie allmählich als Prostituierte zu. Als Kukolka dreizehn Jahre alt ist, hat sie bereits drei Freier täglich, ihr vierzehntes Lebensjahr wird von Tabletten vernebelt. Ihre vielen bildhaften Beschreibungen hämmern sich in den Kopf des Lesers: "Ich wurde so ein bisschen wie unsere Waschmaschine. Ganz viele Programme, alle laufen automatisch ab." Doch die Frage ist: "Wo kommt der ganze Dreck hin?"

Die Antwort ist simpel. Während sich Männer an ihr aufgeilen, abreagieren und bereichern, zerstört "der Dreck" ihren Körper und ihre Psyche. Er macht Mädchen wie Kukolka kaputt, stößt sie über den Rand der Gesellschaft, wo sie als Drogenwracks, Zukunftslose enden - wenn Ihnen niemand hilft. Die Mädchen haben keine Pässe, kein Geld, keine Kontakte zur Außenwelt. Sie sind anonyme Frauen hinter Autoscheiben oder Fensterglas, Bestellware im Internet. "Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken", sagt Kukolka. "Niemand weiß, wo die herkommen. Niemand braucht sie."

Mehr Maschine als Mensch

Im dritten Teil verkauft Dima sie an eine "Agentur". Lana Lux schildert jetzt nicht mehr einzelne Szenen - denn es wären einfach zu viele. Alles wird abstrakter: Männer sind "brutale Monster", die mit Kukolka "machen, was sie wollen", ihr ganzer Körper, ein Schmerz. Damit zwingt sie den Leser, die offenen Stellen mit Fantasie aufzufüllen. Wer sind diese Seelenzerstörer, die anderen so etwas antun?

Als Prostituierte in Deutschland hat Kukolka zehn bis zwanzig Männer pro Tag, ist nun mehr Maschine als Mensch. Nach ein paar Monaten kann sie nicht mehr sitzen, weil ihr Unterleib zerfetzt ist, bekommt Panikattacken von den vielen Drogen. Sie ist jetzt fünfzehn Jahre alt. "Dieser furchtbare Körper mit zu vielen Öffnungen. Ich wollte meinen Körper in eine unzerstörbare Plastikfolie einschweißen, so wie alles Wertvolle in Deutschland eingeschweißt wird."

An ein gutes Ende der Geschichte glaubt man da längst nicht mehr. Der Lichtstrahl am Ende des Tunnels wird kleiner und kleiner, Dunkelheit. Fast.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH