Kult-Comic "The Spirit" Wer zur Hölle ist schon Batman?

Trenchcoat-Cop jagt Terroristen: Der Comic-Klassiker "The Spirit" ist zurück. Der wiederauferstandene Detektiv mit Maske und Mantel kämpft in der Gegenwart gegen Punk-Musiker, Copyright-Verbrecher, Attentäter - und gegen die ein oder andere Femme fatale.

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Wie ein Käfer in den Fußstapfen eines Riesen habe sich Darwyn Cooke gefühlt, als er den Auftrag - nein, die Erlaubnis! - bekam, neue Abenteuer des "Spirit" zu zeichnen. Die Anfrage für so ein Projekt sei, sagt Cooke, "vermutlich die einzige Frage, von der man ausschließt, sie jemals gestellt zu bekommen".

Unter Comic-Fans ist der vom amerikanischen Übervater Will Eisner 1939 erfundene Ermittler eine Legende. Mehr als 50 Jahre nach der letzten regulären Episode sind die Comics weiterhin im Druck - seit 2007 gibt es sogar regelmäßig neue "Spirit"-Geschichten aus dem Hause DC Comics, die jetzt erstmals auf Deutsch erscheinen. Frank Miller ("Sin City", "300") dreht einen Film mit ihm und einige der Größten der US-Comic-Szene haben "Spirit"-Hommagen geschaffen.

Was ist dran an diesem Detektiv?

Auf den ersten Blick wirkt er mit blauem Hut und Trenchcoat wie ein in den Farbtopf gefallener Privatschnüffler, der auch noch eine blaue Zorro-Maske über den Augen trägt. Auf den zweiten Blick ist "The Spirit" ein zünftiger Crime-Noir-Comic, wie sie in den dreißiger und vierziger Jahren à la mode waren. Darin löst Denny Colt, ein für tot erklärter junger Polizist, seine Fälle unter der Maske der Anonymität - eben als Geist.

Der Titel der Serie ist durchaus doppeldeutig gemeint. Denn in seinen besten Momenten war der "Spirit" gerade mal das auslösende Element für überaus reale Großstadtgeschichten, in denen Eisner und seine Assistenten dem Geist der US-amerikanischen Gesellschaft nachspürten.

Das gilt insbesondere für jene Episoden, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war "The Spirit" kein simpler Gangsterkrimi mehr, sondern ein sozialer Kommentar zum Zustand des Landes, jede Woche auf sieben Comic-Seiten ausgebreitet, angereichert mit ein wenig Action und ein paar Femmes fatales. Vor allem diese Geschichten begründeten den bis heute anhaltenden Ruhm der Serie.

Auch Cooke beruft sich auf die soziale Komponente als Kern der "Spirit"-Geschichten und hat darum die Serie komplett modernisiert. "Ich kann nicht toppen, was Eisner getan hat, weshalb sollte ich es also versuchen", sagt er. Statt Eisners alte Plots und Szenarien aufzuwärmen, versetzte er den Helden in die Gegenwart, wo dieser sich nun mit Terroristen, Punk-Musikern und Copyright-Verbrechern herumschlagen darf.

Seine Inspiration holt der Zeichner sich dabei aus den Nachrichten. "Ich brauche nur fünf Minuten lang Fox News sehen, und schon bin ich so sauer, dass ich eine weitere Episode schreiben muss", schildert er den kreativen Entstehungsprozess der Comics.

Damit würdige er den Geist des Originals. Immerhin habe auch Eisner sich bei den Nachrichten bedient: "Er schaute nicht zurück auf die guten alten Zeiten, er hantierte mit dem Hier und Jetzt."

Cooke ist nicht der erste, der neue Abenteuer des Spirit gestaltet. Nach dem Ende der Originalserie im Jahr 1952 ließ die Figur vor allem ihren Schöpfer Will Eisner nicht los. Alle Jahre wieder gestaltete er kurze "Spirit"-Episoden. Sogar noch 2004, wenige Wochen vor seinem Tod, gestaltete er als allerletzten Comic seines Lebens eine kurze "Spirit"-Episode. Denny Colt trifft darin auf die Comic-Figur Escapist aus Michael Chabons Pulitzer-prämierten Roman "Die Abenteuer von Kavallier & Clay".

1997 veröffentlichte Eisners Hausverlag Kitchen Sink Press unter dem Titel "The Spirit - The New Adventures" sieben Hefte, in denen Künstler wie Neil Gaiman oder das "Watchmen"-Duo Alan Moore und Dave Gibbons Denny Colt ein Denkmal setzten. Ein weiteres Mal kehrte Alan Moore von 1999 bis 2002 zur Figur zurück, diesmal in Form von zwölf Episoden um einen Ermittler namens Greyshirt - eine "Spirit"-Hommage. Nahezu zeitgleich zum Start von Cookes neuer "Spirit"-Serie 2007 erschien ein Einzelabenteuer, in dem Colt auf Batman trifft, gezeichnet von Cooke, geschrieben von Jeph Loeb ("Heroes", "Smallville").

Optimistischer Comic

Der letzte in der Reihe der langen Reihe der Verehrer ist Frank Miller. Dessen Version von Eisners Figur soll Ende 2008 in die Kinos kommen. Millers Ansatz sei es, wie er in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview sagte, "den Zuschauern einen Film zu präsentieren, der für sich steht, für den man Will Eisner nicht zu kennen braucht".

Dazu hat er allerdings den Helden verändert, tauschte etwa das leuchtend blaue Kostüm gegen ein schwarzes aus. Erste Trailer vermitteln zudem den Eindruck, dass Millers "Spirit" dunkler ist und ruppiger. Unter Fans ist der Ansatz bereits jetzt umstritten.

Auch Cooke zeigt sich skeptisch. "Mir erscheint diese Interpretation etwas einseitig. Er (Miller - d. Red.) scheint sich auf den Sex und die Gewalt zu konzentrieren. Diese Elemente kamen zwar in vielen der Geschichten vor. Aber ich glaube nicht, dass es darum in der Serie geht. Der Comic war letztlich optimistisch - egal was für dreckige Dinge dem Spirit darin geschahen."

Elf Hefte lang konnte Cooke von seinem optimistischen Spirit erzählen, davon, wie er sich mit charmantem Lächeln durch unsere Gegenwart schlägt. Dann verabschiedete sich Cooke wegen personeller Umbauten bei DC Comics von der Serie.

Es war genug Zeit für den Käfer Cooke, um ein wenig in die Fußstapfen des Riesen Eisner hineinzuwachsen - das zeigt die erste Hälfte der Geschichten, die nun auf Deutsch vorliegt.



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