Kult-Interviewer Moritz von Uslar Die Kurzatmigkeit der Fragen

Starschreiber, Szenekenner, Dandy: Moritz von Uslar, 34, gilt als Vorzeige-Journalist der "SZ" und Held des deutschen Literatur-Pop. Berühmt sind seine "100 Fragen an ...", mit denen er Prominente und Medienprofis in die Mangel nimmt. Jetzt ist eine Auswahl der legendären Interviews als Buch erschienen.

Von Max Dax


 Journalist von Uslar: Mal Prolet, mal Homme de lettres
DPA

Journalist von Uslar: Mal Prolet, mal Homme de lettres

Dem aus München stammenden Wahlberliner Moritz von Uslar, Jahrgang 1970, eilt der wohl gepflegte Ruf eines Poltergeists voraus. Der langjährige Autor des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" hat seine Ausbildung im Elite-Internat Salem am Bodensee gereicht bekommen, aber wenn alle zugucken, benimmt er sich gerne mal wie ein Prolet. Um nicht als "Edelfeder" tituliert zu werden, brüskiert er die etablierten Schreiber mit gewollt radikalem Satzbau, inszenierter Lässigkeit und provozierend in Szene gesetztem Verständnis für das, was in den Köpfen der Reichen und Berühmten vor sich geht - vielleicht auch, weil er im täglichen Leben stets mit solchen zu tun hat.

Er ist der Freund von Nicolette Krebitz und hebt gerne mal einen mit Alexander Hacke, dem Bassisten der Einstürzenden Neubauten. Für Christoph Roths RAF-Road-Movie "Baader" schrieb von Uslar das Drehbuch. Im Fernsehen schwadronierte er über die Macht der Bilder am Beispiel der einstürzenden Zwillingstürme. In seinen Designeranzügen erscheint von Uslar manchmal als das, was die australische Pop-Band INXS in einem ihrer alten Hits als "elegantly wasted" - geschmackvoll verwahrlost - bezeichnete. Oder anders formuliert: als perfekter Bewohner des Planeten Berlin-Mitte. Wer den hoch gewachsenen Journalisten zum ersten Mal trifft, könnte auf den Gedanken kommen, von Uslar sei einer Fotografie von Wolfgang Tillmans entstiegen.

"100 Fragen an ...": Amphetamingetriebenes Stakkato

"100 Fragen an ...": Amphetamingetriebenes Stakkato

So sehr von Uslar darum bemüht scheint, in den Clubs und auf dem bedruckten Papier als Rebell zu punkten, so professionell, stetig und geradlinig hat der im aristokratischen Leben Hans Moritz Walther Freiher von Uslar Gerufene seine Autorenkarriere vorangetrieben. Nach den journalistisch-literarischen Erfolgen von Kollegen und Freunden wie Christian Kracht ("Der gelbe Bleistift"), Dr. Ulf Poschardt ("DJ Culture") oder von Uslars Ex-Lebensgefährtin Rebecca Casati ("Hey Hey Hey"), mit der er bereits 1999 die gesammelten, zuvor im "SZ-Magazin" über die Jahre erschienenen Stilkritiken "Wie sehen Sie denn aus?" in Buchform veröffentlichte, musste definitiv ein ganz und gar eigenes Buch her.

Das ist jetzt bei Kiepenheuer & Witsch, dem Verlag der deutschen Pop-Literaten, unter dem Titel "100 Fragen an ..." erschienen und ist eine Sammlung von 25 von-Uslar-Interviews mit Medienprofis, Stars und Megastars. Diese, jubelt Christian Kämmerling, von Uslars ehemaliger Chef beim "SZ-Magazin", im Vorwort des Buches, "haben die journalistische Form des Interviews revolutioniert, sie sind wirklich innovativ und stilprägend - bis heute." "100 Fragen an ..." soll nun den Ausnahmestatus des "Muhammad Ali des Interviews" (Kämmerling) für die Ewigkeit dokumentieren.

Das Prinzip der "100 Fragen an ..." ist den Lesern bekannt und wird in einer Art Hassliebe verehrt. Die Methode ist stets die gleiche: Frager und Antwortender sind beide abgebrühte Medienprofis, und für ihr Gespräch haben sie die branchenüblichen 15 bis 30 Minuten zur Verfügung. Eine undankbare Konstellation, wie man an den vielen stereotypen Interviews ablesen kann, die tagtäglich von Agenturen in die deutsche Print-Landschaft promoted werden. Moritz von Uslar erinnerte sich an die alte Regel, wonach gute Ideen einfache Ideen sind und glänzte im SZ-Magazin mit atemlos schneller Fragetechnik, indem er seine Gesprächspartner in immer exakt 100 Fragen alles fragte - nur nicht das Erwartete, das angeblich Wichtige, das Aktuelle.

Unter seinen Opfern befanden sich so unterschiedliche Prominente wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, der Schauspieler George Clooney, Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister oder der Modeschöpfer Karl Lagerfeld. Mit seinen Interviews half von Uslar der letzten in dieser Form verbliebenen Tageszeitungsbeilage Deutschlands ein wenig über die Identitätskrise hinweg, in die Tom Kummer und dessen gefälschte Interviews die "SZ" vor vier Jahren gestürzt hatten.

 Darsteller Sharif: "Die Leser verabscheuen diese Sorte Interview"
REUTERS

Darsteller Sharif: "Die Leser verabscheuen diese Sorte Interview"

Interessant ist, wie kurzweilig dieses Format auch heute noch daher kommt, Jahre nach dem Abdruck des ersten verbalen Schlagabtauschs von 1999. Frage an den Bundesfinanzminister Hans Eichel: "Sie reden nie schlecht über Kollegen, stimmt's?" Eichel: "Stimmt, ungern." Von Uslar: "Und wer ist nun die schlimmste Schnapsdrossel im Bundestag?" Keine Antwort, nur Lachen und Gegröle von Eichel, seinen Leibwächtern und dem Pressereferenten. Von Uslar: "Kann ein Finanzminister rot werden?" Eichel: "Ich bin's." Von Uslar: "Ihr Lieblingsphilosoph?" Eichel: "Am Ende immer Kant." So geht das 313 Seiten lang.

Von Uslar fragt Rockstar Tommy Lee, wie Pamela Anderson im Bett sei ("Oh. Fucking unglaublich.") und Harald Schmidt, damals noch der Überbau der Spaßgesellschaft, nach dessen fundamentaler Frage an die Menschheit ("Eigentlich: Wie war dein Urlaub?"). Kursiv gedruckt der erläuternde Kommentar von Uslars: "Sagenhaft. Schmidt: Sie! Vollprofi!" Angemessen beendet von Uslar das Buch mit einem Interview mit Omar Sharif; die Schauspiellegende muss sich nach dem lustigsten Vorurteil gegen das heutige Russland fragen lassen. Sharif, sichtlich genervt: "Die Leser Ihrer Zeitschrift verabscheuen diese Sorte Interview! Ich kenne die Leser! Sie verachten die Leere, die Kurzatmigkeit Ihrer Fragen."

Der animierte Hase Roger Rabbit sagte einmal bewundernd über Goofys schwarzweiße Zeichentrickfilme: "Er ist der Größte! Sein Timing - einfach perfekt." Man könnte von Uslar das gleiche Kompliment machen. Sein Timing ist in der Tat perfekt, und seine beobachtenden Kommentare das, was man gemeinhin als gut beobachtet und schneidend in Worte gefasst bezeichnet. Die überlegene Geistesgegenwart dieses Interviewers, das manchmal wie amphetamingetrieben wirkende Stakkato der Fragen gleichen jedoch in der 25-fachen Überdosis einem Eiweißschock nach dem Verzehr von zu vielen Austern. So ist das mit auf Romanlänge gebrachten Wiederholungen, mit zur Serie erhobenen Unikaten: Am Stück gelesen wirken sie ermüdend, weil die Methode transparent wird, in Zwischensituationen hingegen sind sie zum Wiehern - beim Warten auf den Sushi-Lieferservice, auf dem Klo.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, bekommt der Untertitel der Sammlung einen bezeichnenden Nebensinn: "So schnell wie möglich, denn wir haben ja nicht ewig Zeit." Wohl auch deshalb wählten Autor und Verlag für das übrigens vom einstigen "Tempo"-Art-Director Walter Schönauer geschmackvoll gestaltete Paperback das 16 x 21 cm große King-Size-Format - die Mindestgröße, um auf dem Coffeetable, im Stapel zwischen Versace-Mode-Portfolios, der neuesten Ausgabe von "Wallpaper" und edel gedruckten Kunstbüchern, zu bestehen.



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