Kultbuch "I Love Dick" Alternative Literatur-Fakten

Das eigene Leben in literarischen Stoff zu verwandeln, hat gerade Konjunktur. Doch niemandem gelingt das so radikal und raffiniert wie der US-Autorin Chris Kraus, deren erstes Buch "I Love Dick" nun endlich auf Deutsch erscheint.

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Mein Leben als Mann. Vor diesem Schreibauftrag an sich selbst schreckte Max Frisch zunächst zurück. Er hatte ihn von Philip Roth übernommen, der 1974 ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht hat. Frisch setzte den Schreibauftrag schließlich vier Jahre später in der Erzählung "Montauk" um. Darin hält er ein Wochenende mit einer jungen Geliebten auf Long Island fest: "autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen auf Erfindungen."

In wenigen Tagen feiert Volker Schlöndorffs lose Filmadaption dieser Erzählung, "Rückkehr nach Montauk", auf der Berlinale ihre Weltpremiere, und das fügt sich in so viele aktuell diskutierte Perspektiven auf das AutorInnen-Ego und den kreativen Prozess ein, dass einem fast schwindelig werden könnte. Denn nicht nur ist die deutsche Literaturkritik gerade von einer Debatte über die besonderen Qualitäten autobiografisch gefärbten Schreibens erfasst - wichtige Referenzpunkte sind dabei Thomas Melle, Benjamin von Stuckrad-Barre und Karl-Ove Knausgård. Sondern es erscheint in diesen Tagen auch die deutsche Übersetzung des Buchs, das genau dieses Schreiben "als Mann" vor zwanzig Jahren so radikal unterlaufen hat, dass sich daraus eine alternative literarische Realität abgezweigt hat mit eigenen, weiblichen Referenzpunkten wie Sheila Heti und Emily Gould und eigenen Adaptionen - für die mediale Gegenwart allerdings passgenauer als Serie statt als Film.

Chris Kraus
Caro/ Christoph Eckelt

Chris Kraus

"I Love Dick" heißt dieses Buch, verfasst von der amerikanisch-neuseeländischen Filmemacherin und Kritikerin Chris Kraus. Es ist ihr Debütroman, und sie findet mit und in diesem Buch erst zu ihrer eigenen literarischen Stimme. Genau das Prozesshafte und Unperfekte macht aber die Brillanz des Buchs aus: "I Love Dick" ist die Geschichte einer Emanzipation, die sich durch eine Unterwerfung vollzieht, das Festhalten eines Scheiterns, das sich dadurch in einen Erfolg verkehrt, das Zeugnis einer Selbstentblößung, die das Spiel mit Alter Egos ermöglicht.

Die Hauptfiguren aus "I Love Dick" heißen wie Kraus und ihr damaliger Ehemann Sylvère Lotringer. Sie ist eine 39-jährige Regisseurin, deren neuester Film "Gravity & Grace" von allen Festivals, auf denen sie ihn eingereicht hat, abgelehnt wurde; er ist ein 56-jähriger Literaturprofessor an der Columbia University, der mit den wichtigsten poststrukturalistischen Theoretikern seiner Zeit befreundet ist.

Henry James und Rolling Stones

Auf einer Reise durch Kalifornien werden sie eines Abends von einem befreundeten Soziologen namens Dick zum Essen eingeladen. Chris deutet Dicks Verhalten an diesem Abend als Flirt, was ihr sehr gefällt, und teilt es Sylvère mit. "Weil die beiden nicht mehr miteinander schlafen, erhalten sie ihre Intimität via Dekonstruktion aufrecht, das heißt sie erzählen einander alles", benennt Kraus ihr Arrangement.

Das scheint zunächst belastbar zu sein. Weil Chris in Gedanken nicht von dem Abend bei Dick und einem anschließenden, uneindeutigen Telefonat mit ihm ablassen kann, ermuntert Sylvère sie, Dick einen Brief zu schreiben. Doch sie schämt sich, woraufhin Sylvère den ersten Brief aufsetzt. Er ist kurz, und die homoerotischen Töne, die Sylvère anschlägt, klingen unernst.

Aber er ermutigt Chris, ihrerseits an Dick zu schreiben. Ihr Brief wird drei Mal so lang, sie erwähnt Henry James und eine Rolling-Stones-Platte, schreibt über ihre Selbstzweifel, was ihr Äußeres betrifft, und ihre Ängste vor dem Alter und über Sylvères Kritik an eben diesem Brief: "Er denkt, dass der Brief zu literarisch sei, zu baudrillardisch. (...) Doch Dick, ich weiß, dass du, während du das hier liest, begreifen wirst, dass alles wahr ist. Du verstehst, dass das Spiel reale Realität ist (...)." Sie beendet den Brief mit den Worten: "Ich liebe dich, Dick."

Wie Sylvère versteht man als Leserin zunächst nicht, was in diesem ersten Brief bereits enthalten ist. Chris' intellektuelle Versiertheit, ihr Wille zur harten Selbstreflexion, ihre literarische Ambition und nicht zuletzt: ihre Hingabe an Dick. All das wird mit jedem Brief an Dick, den Chris aufsetzt und nicht abschickt, immer prononcierter, immer drängender, immer wilder und immer freier. Es ist eine Autorinnenwerdung in real time und damit ein doppelt literarisches Erlebnis.

Liebe, Lust und Selbstbezichtigung

Am Ende erscheint die Trennung von Sylvère nur mehr wie ein Nachgedanke zu diesem ersten Brief. Schließlich ist für Chris' Wandel nicht die tatsächliche Begegnung mit Dick entscheidend, sondern ihre intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung damit, die mit diesem Brief begann. Dick ist aber keine rein abstrakte Präsenz in dem Roman. Wie die anderen Figuren auch hat er ein reales Vorbild, den britischen Kulturwissenschaftler Dick Hebdige, der von seinem unfreiwilligen Auftritt im Buch so entsetzt war, dass er es bei Erscheinen als "der Verachtung nicht würdig" bezeichnete.

Zudem hat die Figur einen sprechenden Namen: "dick" bezeichnet im Englischen umgangssprachlich sowohl das männliche Geschlecht als auch einen Mann, der sich rücksichtslos verhält. Wenn die Romanfigur und der Roman selbst "I Love Dick" postulieren, ist deshalb nicht nur ein Liebes- und Lustbekenntnis abgelegt, sondern auch eine Selbstbezichtigung gemacht. Als Dick am Ende des Romans Chris' gesammelte Briefe zu lesen bekommt, könnte seine Reaktion nicht härter und verachtender ausfallen.

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Chris Kraus:
I Love Dick

Übersetzung: Kevin Vennemann

Matthes & Seitz Berlin, 296 Seiten, 22 Euro

Doch Kraus ist nicht an Romantisierung gelegen, Dicks Verletzungen reihen sich vielmehr in die schonungslosen Bemerkungen ein, die sie über sich selbst macht, über fehlende Schönheit, fehlende intellektuelle Anerkennung und vor allem fehlenden beruflichen Erfolg. Fast noch bemerkenswerter als diese Offenheit ist dabei, dass Kraus eine Art des Produktivmachens dafür findet: Sie entdeckt in ihren Defiziten komisches Potenzial und steuert ihre Figur in Situationen, in denen diese umso deutlicher hervortreten.

Filmstill aus "Broad City"
Comedy Central/ Walter Thompson

Filmstill aus "Broad City"

In der Romanfigur Chris Kraus kann man deshalb auch die Vorläuferin für die vielen Antiheldinnen des jüngeren Serienfernsehens sehen, den unsicheren und gleichzeitig selbstherrlichen Frauen aus "Broad City" und "Search Party", besonders aber aus "Girls", wo Lena Dunham die fehlende Liebenswürdigkeit und Erfolglosigkeit ihrer Figuren zu den Pfeilern ihrer Komik gemacht hat. Nur konsequent erscheint es, dass es bald auch eine Serienadaption von "I Love Dick" geben wird. Im Herbst war bereits die Pilotfolge der von Jill Soloway ("Transparent") verantworteten Comedy zu sehen, am 12. Mai folgt nun die gesamte Staffel.

Soloway hat für ihre Adaption das Setting von Los Angeles und New York in die texanische Künstlerkolonnie Marfa verlegt, vor allem aber hat sie sich in der Tonalität bei Chris Kraus' dritten Buch "Torpor" bedient. Das Projekt des autobiografischen Schreibens hat Kraus nämlich in einer Trilogie weitergeführt, die das Potenzial ihres Ansatzes über drei sehr verschiedene Bücher hinweg erforscht und sich dabei eine ganz eigene timeline erfindet.

Die Slapstick-Variante eine Paares

Der zweite Band "Aliens & Anorexia" (2000) ist gleichermaßen Vorgeschichte wie Produkt von "I Love Dick": Kraus testet ihre neue erzählerische Souveränität aus und räumt sich selbst als Kulturkritikerin vor allem in der Auseinandersetzung mit der Philosophin und Aktivistin Simone Weil viel mehr Platz ein als zuvor. Gleichzeitig ist sie sich selbst Protagonistin genug und erzählt von ihren einsamen Anfängen in New York und davon, wie ihr Film "Gravity & Grace" entstand und so grundlegend in allem scheiterte, dass er zu ihrem unwiderruflich letzten wurde. Die Geschichte des Films ist schließlich in einer Nacherzählung, die selbst als brillante Kurzgeschichte funktioniert, als Kodex des Buches angefügt.

Im Abschlussband "Torpor" (2006) fokussiert Kraus schließlich wieder auf eine Mann/Frau-Konstellation anhand eines unglücklichen Paares, das sehr an das aus "I Love Dick" erinnert, allerdings in dessen Slapstick-Variante: Das Buchprojekt des Mannes ist noch absurder, die Verzweiflung der Frau noch rasender, eine gemeinsame Reise durch Europa unmittelbar nach Ende des Warschauer Blocks noch haltloser. Auch persönliche Geschichte, so legt es Kraus nah, kann sich, wenn überhaupt, nur als Farce wiederholen und damit zu ihrem Ende finden.

Dass ausgerechnet "Torpor" 2015 als erstes Buch von Chris Kraus ins Deutsche übersetzt wurde, macht das zeitliche Chaos rund um "I Love Dick" perfekt: Längst sind wir von den Ausläufern dieses Buchs umgeben, ohne dass es selber verfügbar war. Mit der hervorragenden Übersetzung von Kevin Vennemann ist dieses Defizit nun behoben, und auf die Frage, ob autobiografisch gefärbte Literatur die interessantere sei, lässt sich zumindest mit den Büchern von Chris Kraus eine Antwort geben: ja, Besseres kriegt man zurzeit nicht zu lesen.

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