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Kulturmanager Schindhelm über Dubai: "Ein modernes Babylon"

So versacken Träume im Wüstensand: Zwei Jahre lang versuchte der Deutsche Michael Schindhelm, aus der Boomtown Dubai eine Kulturmetropole zu machen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum seine Pläne scheiterten - und die Stadt trotzdem eine Zelle der Zuversicht in der islamischen Welt ist.

Schindhelms Dubai: Boomtown und Babylon Fotos
AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Schindhelm, Ihr neues Buch "Dubai Speed" über Ihre Zeit in der arabischen Metropole nimmt ein trauriges Ende. Die Finanzkrise bricht über die Stadt herein. An jener Stelle, an der Sie eine Oper errichten wollten, wird ein Parkhaus gebaut. Wer ist gescheitert: Sie oder Dubai?

Schindhelm: Es ist wohl ein Scheitern und ein Erfolg zugleich, auf beiden Seiten. Das Buch endet mit dem Jahr 2008, und auch wenn sich da dunkle Wolken über Dubai auftürmen, ist der Schluss des Buches offen. Immerhin wird am Ende ein Kulturpavillon errichtet, unten am Strand. Das ist zwar eine Erfindung, aber sie steht für das, was jetzt noch kommt: Dubai wird sich mit der Krise neu erfinden, und die Kunst wird dazugehören.

SPIEGEL ONLINE: Was genau war eigentlich Ihr Plan, als Sie vor zwei Jahren kamen?

Schindhelm: Ich sollte dabei helfen, hier ein Opernhaus zu bauen, und obwohl sich gleich weitere Projekte abzeichneten, habe ich diesen Auftrag anfangs sehr eng gesehen, wie ein Ingenieur, der rein technisch, organisatorisch arbeitet. Die Provokationen des Unvorhersehbaren würden dann schon von selbst kommen, das wusste ich.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sind Sie weggegangen?

Schindhelm: Weil die Kultur als Marketinginstrument der Immobilienindustrie eingesetzt wurde. Die Oper, die Museen, die Theater - das ganze Kulturprojekt am Dubai Creek sollte letztlich dabei helfen, ein riesiges Bauprojekt zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Golf-Araber wollen mit Kultur nur Geld verdienen?

Schindhelm: Kultur in Dubai kommt nicht zustande, weil man sie nur kommerziell auffasst. Damit scheint sich zu bestätigen, was manche Leute schon vorher gewusst zu haben glaubten, dass Kultur in Dubai nämlich grundsätzlich nicht zu machen sei.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt das denn nicht?

Schindhelm: Das bezweifle ich. Es war nur falsch zu sagen: So, wie wir unsere Wirtschaft, die Bildung, das Gesundheitswesen aufgebaut haben, so bauen wir jetzt auch die Kultur auf - als ein System, das sich irgendwann selbst rechnet und unabhängig von Subventionen auskommt. "Wir wollen die Regeln neu schreiben", sagt eine der Hauptfiguren des Buches. Tatsächlich sind die Regeln der Kultur in Dubai nicht neu geschrieben worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie schildern breit die vergeblichen Versuche westlicher Institutionen, in Dubai Fuß zu fassen.

Schindhelm: Es war ja auch ganz unterhaltsam mitanzusehen, wie westliche Kulturmultis und Abenteurer gescheitert sind, die hier auf eine schnelle Mark gehofft hatten. Viele hatten die gleichen Absichten wie etwa Autofabrikanten: Kohle machen. Womit sich eine Schlüsselfrage der Globalisierung in Dubai besonders dringlich stellt: Was ist eigentlich vom Gedanken des Austauschs in der Kultur geblieben?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Schindhelm: Ich bin sehr skeptisch geworden gegenüber dem Tempo von Dubai. Gerade weil die Stadt so schnell ist, glaube ich, wird es mit der Kultur besonders lange dauern.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine sehr europäische Sicht der Dinge? "Las Vegas funktioniert doch auch", sagt ein Emirater in Ihrem Buch.

Schindhelm: Nein. Wenn Sie das Berlin, das Manchester, das Stuttgart von vor 150 Jahren und von heute vergleichen, so haben sich auch diese Städte sehr schnell transformiert.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheitern in Ihrem Buch fast alle Europäer. Selbst bei einer kleinen Ausstellung knirscht es vorn und hinten. Warum ist europäische Hochkultur so unattraktiv in Dubai?

Schindhelm: In meinem Buch haben auch die Amerikaner keinen Erfolg. Es ist offenbar auch ihnen nicht gelungen, die richtige Sprache zu finden. Man sollte aber nicht von Dubai auf den Golf insgesamt schließen, denn schon in Abu Dhabi ...

SPIEGEL ONLINE: ... wo der Louvre eine spektakuläre Zweigstelle errichten lässt ...

Schindhelm: ... ist das anders. Dort ist es gerade die europäische Kultur, die Signalwirkung entfaltet.

SPIEGEL ONLINE: Als Präsident Nicolas Sarkozy unlängst in Abu Dhabi war, brannten die Franzosen ein wahres Kultur-Feuerwerk ab. Ist es vielleicht nicht der europäische, sondern der spezifisch deutsche Kulturbegriff, der Ihnen im Weg stand?

Schindhelm: Ich glaube eher, dass es an den unterschiedlichen Betriebsmodellen von Dubai und Abu Dhabi liegt, Dubai hat nun einmal auf den Kommerz gesetzt. Auf eine nationale Debatte möchte ich mich ungern einlassen, auch wenn eines schon stimmt: Die USA, Großbritannien und Frankreich können ihre nationalen "Marken" mit einer Hemmungslosigkeit verkaufen, die uns schon deshalb nicht zu Gebote steht, weil Deutschland diese Marken nicht hat. Wir haben keinen Louvre, keinen Prado, keine Eremitage.

SPIEGEL ONLINE: Europa hat sich von Anfang an schwer getan mit Dubai und seiner Multikulti-Vision. Was bleibt davon nach der Krise?

Schindhelm: Die Idee eines modernen Babylon wird bleiben: eine Gesellschaft, die fremde Kulturen anerkennt und bereit ist, das Provisorische im Zusammenleben von modernen Nomaden zu akzeptieren. Im Grunde ist das die Stadt des 21. Jahrhunderts - ein anderes Stadtmodell, wie wir es aus dem Europa des 19. Jahrhunderts kennen, doch eines, das ohne unser urbanes Denken ebenso wenig möglich ist wie vorher die amerikanische Stadt. Ich halte es jedenfalls für wichtig, dass dieses Babylon zusammen mit den Europäern gebaut wird und dass Europa jetzt nicht erleichtert und zynisch lächelt über den scheinbaren Untergang, der sich hier gerade abspielt.

SPIEGEL ONLINE: Europa betrachtet Dubai mit Schadenfreude - und die große Geste, die sich Abu Dhabi noch immer leistet, steht unter dem Verdacht der Künstlichkeit, des Kitschs, der Gigantomanie.

Schindhelm: Wenn wir Deutsche uns über die Künstlichkeit lustig machen, mit der andere Kulturen Geschichte simulieren, über Kitsch und Megalomanie, dann sollten wir sehr vorsichtig sein. Wir sind voreingenommen, auch aus Verunsicherung. Wir glauben immer weniger an Neuanfänge, alles scheint für uns abgehakt, es geht nur mehr um Variationen von etwas, das schon da war.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer Verdacht, der häufig anklingt, lautet: Sind die Araber vielleicht gar nicht reif für unsere Kultur?

Schindhelm: Ich teile diese Herren-Haltung nicht. Ich glaube, dass sich auf beiden Seiten etwas ändern muss: Auf der arabischen Seite fehlt das Bewusstsein, dass man Kultur anders aufbaut als kommerzielle Projekte; im Westen wird man verstehen müssen, dass dieser Prozess länger dauert als angenommen und dass nicht nur in die Hardware, sondern in die Menschen investiert werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint nur zwei extreme Haltungen zu Dubai zu geben: die der Tourismus- und Makler-Broschüren - und die der Kritiker von Kapitalismus, Kitsch und Künstlichkeit. Was ist Ihr Urteil nach zwei Jahren Dubai?

Schindhelm: Wäre ich nach Saudi-Arabien eingeladen worden, hätte ich bestimmt kein solches Buch schreiben können. Das gleiche gilt für Pakistan, Iran, Afghanistan, für Jemen, also für fast alle Nachbarn. Dubai ist eine kleine Zelle der Zuversicht in einer extrem bedrohten Nachbarschaft. So wie in der Bibel der Turmbau von Babel die Menschheit vor Flut und Dürre schützen soll, steht Dubai gegen ökonomische Rückständigkeit und politisch-religiösen Radikalismus. Als Ort der Avantgarde ist diese Stadt offenbar dazu verurteilt, Fehler zuerst zu machen. Andere haben vielleicht den Wohlstand und die Muße, sich das erst anzusehen und dann hinterherzulaufen. Aber Dubai stakst als Erster übers Minenfeld.

Das Interview führte Bernhard Zand

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Mail an Herrn Schindhelm
ichsehdasso, 18.10.2009
Ich persönlich halte die Idee jetzt sämtliche Kulturmarken nach Dubai zu exportieren nicht unbedingt für sonderlich creativ. Meiner Meinung nach bräuchte Dubai völlig neue Projekte die es sonst nirgendwo gibt und keine gigantomanisch in Architetur verpackte Niederlassungen europäischer Kultur. Ich habe in den letzten Jahren genau so ein Projekt entwickelt. Leider fehlen mir aber die Kontakte es den Entscheidern dort zu präsentieren. Vielleicht liest ja Herr Schindhelm diesen Beitrag und kann mir seine Einschätzung bezüglich meines Projektes mitteilen. Zur Zusendung eines Kurzexpossees bräuchte ich aber seine email-Adresse, die ich leider nicht habe.....
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Zur Person
Tina Hager
Michael Schindhelm, geboren 1960 in Eisenach, studierte Chemie und arbeitete in den achtziger Jahren - unter anderem zusammen mit Angela Merkel - als Quantenchemiker am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften in Berlin. 1992 wurde er Intendant der Bühnen der Stadt Gera, 1996 Intendant in Basel und 2005 Generaldirektor der Opernstiftung in Berlin. Im März 2007 ging er als Kulturmanager nach Dubai (Vereinigte Arabische Emirate). In seinem soeben erschienenen Buch "Dubai Speed" berichtet er über die Erfahrungen als Direktor der Dubai Culture and Arts Authority, über die großen Pläne, das große Scheitern und die vage Hoffnung auf ein "modernes Babylon" am Go.

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