Kunst und Hedonismus "Ich bedaure, 'ne Niete zu sein"

Im Buch "A Hedonist's Guide To Art" denken Kritiker und Sammler über das Verhältnis von Kunst und Hedonismus nach. Ihre Vermutung: Bluffen und Posen sind in der Kunst-Branche ebenso wichtig wie an der Discotür. Der interessanteste Beitrag kommt ausgerechnet von Charles Saatchi.

Pop-Sternchen Taylor Momsen im Whitney Museum: Hedonismus als Zweck
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Pop-Sternchen Taylor Momsen im Whitney Museum: Hedonismus als Zweck

Von Oskar Piegsa


In der Reihe "A Hedonist's Guide to..." erschienen bisher ausschließlich Reiseführer, die sich - schlank, schwarz, festeingebunden - stets schicker und diskreter geben als die zerfledderten Hochglanz-Schinken der Backpacker und Pauschalurlauber. Entsprechend der angepeilten Zielgruppe finden sich in diesem Büchern neben Hinweisen auf gehobene Hotels und Restaurants auch Tipps, wie an den Türstehern der örtlichen Nobelclubs vorbeizukommen sei. So steht zum Beispiel in "A Hedonist's Guide to Beirut" über die Diskothek BO18: "Pull up in a Porsche or you won't get in". Die Telefonnummer eines nahegelegenen Autovermieters muss man aber doch selber googlen.

In diesem Jahr hat der britische Verlag Filmer, in dem die Reihe erscheint, sein Profil ausgeweitet und mit "A Hedonist's Guide to Art" ein englischsprachiges Handbuch für die Kunstszene veröffentlicht - die zwar keinen physischen Ort darstellt, aber immerhin eine Welt für sich. Versammelt sind einführende Kurzessays und literarische Fragmente zu künstlerischer Theorie und Praxis, geschrieben von rund 80 Künstlern, Kritikern, Sammlern und sonstigen Kunstinteressierten (darunter ein Stand-Up-Comedian sowie einige Schriftsteller), darunter Beiträge von Prominenten wie Gilbert & George, Genesis P. Orridge und Hans Ulrich Obrist. Die angesprochenen Disziplinen reichen von flämischer Landschaftsmalerei bis zu subversiver Handarbeit, Tierkörperpräparation und Selbstverstümmelung, wobei letztere Ausdrucksformen klar bevorzugt werden.

Saufgelage und Pokerturniere

"Was Kunst mit Hedonismus verbindet? Eigentlich nicht viel: Der gewöhnliche Künstler lebt ein einsames Leben, mit dem erhebliche Entbehrungen und womöglich Armut einhergehen", schreibt die Kritikerin Laura K. Jones, die das Büchlein herausgibt: "Und doch bedingt und bedarf dieses Dasein einer Lebenslust, die noch dem Gleichgültigsten die Schamesröte ins Gesicht treibt." Noch ausdrücklicher wird ihr Kollege Hugo Rifkind einige Seiten weiter: Kunst sei überhaupt nicht interessant, schreibt er, sondern nur die Künstler. Entsprechend rar sind in "A Hedonist's Guide to Art" Abbildungen (ganz zu schweigen von Besprechungen) einzelner Kunstwerke. Viel häufiger: Fotos der Künstler selbst, gelegentlich praktische Tipps für den Umgang mit Sammlern und Galeristen, sowie Anekdoten jener Saufgelage und Pokerturniere, die das Künstlerleben offenbar ausmachen.

Einen einsamen Versuch, den titelgebenden Hedonismus statt mit dem Künstler mit der Kunst selbst zu verbinden, unternimmt der Sammler Alex Wengraf. Die Opulenz der Alten Meister verteidigt er gegen den "Puritanismus" der Minimal Art und Konzeptkunst - und lobt den Genuss der Kunst, auch den rauschhaften: "Wer ein Kunstwerk nicht zuerst genießt, wird nicht die nötige Kraft aufbringen, um die Kultur und Kunstfertigkeit und Pinselführung zu verstehen, die es erzeugten." Andere Autoren sehen im Hedonismus nicht nur ein Mittel, sondern vornehmlich einen Zweck. Immer wieder tauchen in Essays verschiedener Autoren die Thesen auf, dass heutzutage niemand mehr wirklich sagen könne, was gute Kunst überhaupt sei, dass Galeristen und Kuratoren oftmals bloß Priester und Ablasshändler einer korrupten Religion seien.

Von hieraus ist es nicht mehr weit zu der Schlussfolgerung, dass lustvolle und gewinnträchtige Hochstapelei modus vivendi und damit völlig angemessenes Verhalten in einer Kunstszene sei, die vor allem davon lebt, einander zu blenden.

Nachlässig, ironisch, in jedem Fall aber: uneindeutig

Diesen Eindruck nährt schon der extrem knappe Eröffnungsbeitrag des Kunstsammlers Charles Saatchi. Auf die Bitte der Herausgeberin, ihr einen Textbeitrag zu senden, schickte Saatchi eine knappe Absage, die als "Vorwort" in Originallänge veröffentlicht wird: "Liebe Ms. Jones, mir fällt nichts interessantes ein, das ich beisteuern könnte. Ich bedaure, 'ne Niete zu sein. Freundliche Grüße, Charles Saatchi." Es ist der ambivalenteste - und deshalb: der beste - Beitrag des ganzen Buches. Denn hat sich Saatchi damit wirklich als Niete, Spielverderber, aalglatter Yuppie erwiesen? Oder ist sein Brief vielmehr ein gelungener Witz über die ihm unterstellte Oberflächlichkeit? Ist die Veröffentlichung durch die Herausgeberin bloß ein PR-Gag? Oder ein raffinierter, ironischer Kommentar, weil sich Saatchis Text nicht durch seinen Inhalt, sondern einzig seine Signatur, sein Label legitimiert und so die Mechanismen des Massenkonsums karikiert? Wer macht sich hier eigentlich über wen lustig? Die Ungewissheit bleibt und bestärkt sich durch viele folgende Beiträge, deren Autoren anders als Alex Wengraf keine klare und kohärente Argumentation verfolgen sondern mit Aphorismen und Kunstsprech um sich werfen, oder nachlässig, ironisch, in jedem Fall aber: uneindeutig, schreiben.

Mit dem Handbuch "A Hedonist's Guide to Art" verhält es sich wie mit so vielen Erzählungen, die in diesem Jahr über Kunst und den Kunstmarkt veröffentlicht worden sind. Es ist wie in Rafael Horzons autobiografischem Roman "Das weisse Buch" (Suhrkamp), dessen absurd-unternehmerischer Protagonist unentwegt versehentlich zum Künstler wird; wie im Banksy-Film "Exit Through the Gift Shop", in dem es ein kindsköpfiger Altkleiderhändler aus dem Stand zum gefeierten Pop-Art-Star schafft; oder wie in William Boyds fiktiver Künstlerbiografie "Nat Tate" (Berlin Verlag), mit der er einst die New Yorker Kunstszene linkte und die nun in einer liebevollen deutschsprachigen Ausgabe erschienen ist: Wer gerade wen anflunkert, was authentisch ist und was Fälschung, ist schwer zu durchschauen - und vielleicht sogar egal, wenn Ästhetik interessanter ist als Moral und die Illusion schöner als die Realität.

Der Laie lernt auf dieser Reise in die Welt der zeitgenössischen Kunst: Im Kunstbetrieb zählen vor allem das Bluffen und Posing. Nur konsequent, dass ein Verlag für hedonistische Reisende diese Erkenntnis vermittelt - die gleichen Fertigkeiten sind schließlich an libanesischen Diskotüren gefragt.


Laura K. Jones (Hrsg.): "A Hedonist's Guide to Art", Filmer Ltd.; 320 Seiten; £12.00

William Boyd: "Nat Tate. Ein amerikanischer Künstler 1928-1960", Berlin Verlag; 68 Seiten; 24 Euro

Rafael Horzon: "Das weisse Buch", Suhrkamp; 218 Seiten; 15 Euro



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