Kurt Krömer in Afghanistan Die Witzfigur zieht in den Krieg

Ein Comedian und Kriegsdienst-Totalverweigerer bei der Truppe: In "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will" schreibt Kurt Krömer über die Bundeswehr in Afghanistan und den harten Alltag im Land. Er schildert, wie er schwitzt, stinkt, weint. Und er schaut hin - anders als die meisten von uns.

Adrian Hüttel

Von Oskar Piegsa


Es war nicht Kurt Krömers Idee, nach Afghanistan zu reisen. Anfang 2012 bekam er einen Brief, der ihn zusammenzucken ließ. Jahrelang hatte Krömer seinen Wohnsitz nicht gemeldet, um dem Militär- und Zivildienst zu entkommen. Jetzt lag ein Schreiben der Bundeswehr in seinem Briefkasten: Ob er sich vorstellen könne, in Afghanistan vor deutschen Soldaten aufzutreten? Krömer war irritiert, sagte aber zu - unter der Bedingung, dass er nicht nur Truppenunterhalter, sondern auch Reporter sein darf. Die Bundeswehr ließ sich darauf ein, und so flog Kurt Krömer nach Masar-i-Scharif, Afghanistan.

Jetzt hat er ein Buch über seine Reise veröffentlicht: "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will". Wer den mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten TV-Comedian Krömer bisher nur als Witzfigur kannte, lernt ihn darin als Menschen kennen. Als Arbeiterkind, Ausbildungsabbrecher und Putzkraft, dem ein in Deutschland unwahrscheinlicher Aufstieg gelungen ist.

Das zweite Mal fährt er auf eigene Faust

Eine gute Geschichte allein macht aber noch kein gutes Buch. "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will", das Krömer zusammen mit Tankred Lerch verfasst hat, krankt an den vielen kleinen Schwächen des ungeübten Schreibers. Krömer erzählt derart chronologisch, dass er zunächst ausführlich über die Taxifahrt zum Kölner Flughafen berichtet. Die Vergleiche, mit denen er seinen Text aufzupeppen versucht, sind mal schlicht ("In der Hinsicht kann man Krieg mit Schach vergleichen: Die Soldaten sind die Bauern."), mal rätselhaft ("Mir gegenüber sitzt mein Team. Sie sehen aus wie gesprengte Mainzelmännchen.").

Wer wissen will, wie es Kurt Krömer bei den Truppen ergangen ist, braucht dieses Buch nicht zu lesen. Der Journalist Peter Kümmel hat Krömer begleitet und darüber eine Reportage im "Zeit-Magazin" veröffentlicht. Krömer zitiert sie passagenweise. Es sind die Höhepunkte der ersten hundert Seiten seines Buchs. Kümmels Texte zeugen von einem Gespür für Dramaturgie und einem Blick für signifikante Details, die dem Komiker als Schriftsteller fehlen.

Interessant wird "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will" erst nach gut hundert Seiten, als Krömer ein zweites Mal nach Afghanistan reist - ohne Reporter im Schlepptau, nicht "embedded" bei der Bundeswehr, sondern auf eigene Faust mit dem Ziel, das zivile Leben in Kabul kennenzulernen. Er wohnt in schäbigen Hotels, isst mit afghanischen Familien, besucht Schrottplätze und Märkte. Ständig präsent ist dabei die Gefahr durch islamistische Selbstmordattentäter und militärische Fehlentscheidungen der Besatzer. Und der Mangel, der das Leben in Kabul prägt.

Ein Sprachvirtuose ist Krömer auch in diesen Passagen nicht: Afghanischer Tee schmeckt ihm "lecker", Essen "unheimlich lecker" und vom Berg Wazir Akbar Khan ist die Aussicht auf Kabul "schön". Dem Leser vermittelt solche Postkarten-Prosa allerdings wenig.

Ein Bürger, der Verantwortung empfindet

Dass Krömer das professionelle Schreiben nicht gelernt hat und keine Distanz hält zu dem, was in Afghanistan um ihn herum geschieht, ist allerdings auch eine Stärke des Buches. Schon "ich" zu sagen, gilt unter vielen deutschen Reportern als heikel und narzisstisch. Manche Geschichten aber kann man nicht erzählen, ohne "ich" zu sagen. Und manchmal ist persönliche Betroffenheit kein Makel.

Krömer schreibt nicht nur "ich", sondern auch: Ich schwitze. Ich stinke. Ich habe Angst. Ich muss weinen. Manchmal, wenn er eine Pointe sucht, gelingen ihm wuchtige, tragikomische Sätze: "Anstatt eines Regenschirms hat der Concierge unseres Hotels eine Kalaschnikow in der Hand."

Sein Bericht aus Afghanistan ist auch ein Bericht über das Unvermögen, mit diesem Krieg umzugehen. Nach zwei Wochen in Afghanistan, schreibt Krömer, könne er die Frage "Wie entwickelt sich die Lage in Afghanistan?" beim besten Willen nicht beantworten.

Krömer ist von der "überwältigenden Komplexität des Konflikts" überfordert. "Ich bin kein Enthüllungsjournalist wie Günter Wallraff, kein Schriftsteller wie Ernest Hemingway. Ich bin Kurt Krömer, egal, wie meine Karriere bislang verlaufen ist, im tiefsten Inneren bin ich immer noch das Arbeiterkind aus Berlin-Neukölln." Er ist auch, selbst wenn er das Wort nicht verwendet, ein Bürger, der Verantwortung empfindet für die Politik seiner Regierung - und für ihre Opfer. Der Krieg in Afghanistan dauert seit mehr als zehn Jahren an und hat nach Uno-Angaben allein zwischen 2007 und 2012 mehr als 16.000 Menschenleben gekostet. Dennoch fällt es erstaunlich leicht, ihn im deutschen Alltag zu ignorieren. Kurt Krömer tut das nicht. Dafür verdient er Respekt.

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