KZ-Überlebende Ana Novac Horror ist, wenn man trotzdem lacht

Ana Novac gelang das Unvorstellbare: Als 14-Jährige führte sie im KZ heimlich Tagebuch. Ihre jetzt veröffentlichten Notizen rühren an ein Tabu: Die Jüdin erzählt mit rabenschwarzem Humor vom Grauen des Holocaust - und weigert sich standhaft, ein Auschwitz-Automat zu sein.

Aus Paris berichtet Jenny Hoch


Es steht nirgendwo geschrieben, dass KZ-Überlebende Auskunft über das KZ geben müssen. Es gibt kein entsprechendes Gesetz, weder in Deutschland, noch in Israel, noch im Rest der Welt. Und doch wird es erwartet. KZ-Überlebende haben eigentlich nur eine Funktion: Sie sind lebendige Mahnmale für die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Sie haben das Grauen schlechthin überlebt, haben unvorstellbares Leid hinter sich, wurden misshandelt, geschlagen, erniedrigt. Als die Nazis besiegt waren, mussten sie mit ihrem Trauma irgendwie weiterleben. Also erzählten die meisten, was ihnen widerfahren war, schrieben es auf, sprachen unermüdlich bei Gedenkveranstaltungen und vor Schulklassen, legten Zeugnis ab.

Nicht so Ana Novac. "Möchten Sie ein Praliné, ma chérie?", fragt sie und lehnt sich auf ihrem Diwan zurück. Um sie herum ist ein Buffet aufgebaut, Fruchtsäfte, Kaffee, Pralinés, Kekse, Nüsse, Erdnussflips, Chips. Sie selbst wird in den kommenden zweieinhalb Stunden nicht einmal einen Schluck Wasser zu sich nehmen. "Ich habe selten Durst", murmelt sie.

Ihr schmächtiger Körper verschwindet beinahe unter einem beige-braun gestreiften Kaftan, ihre Füße stecken in schwarzen Sportsocken von Puma. Wenn sie gestikuliert, was sehr oft vorkommt, denn Ana Novac spricht trotz ihrer beinahe 80 Jahre und ihrer schwachen Lungen sehr lebhaft, rutscht der Ärmel ihres Gewandes nach oben und gibt den Blick frei auf eine eintätowierte Nummer. A-17587 steht da. Ana Novac würdigt sie keines Blickes.

Lachen als Rüstung gegen das Grauen

"Es heißt, die Welt ist in einer Krise?", fragt Ana Novac. "Ich gucke kein Fernsehen mehr." In ihrem bescheidenen Apartment im zehnten Pariser Arrondissement herrscht Stille. Im Salon dämpft ein verschlissener heller Teppichboden jeden Schritt, die Welt hat hier keinen Zutritt, auch wenn der Verkehrslärm und das Geschrei Hunderter Schüler der nahegelegenen Schule beinahe ungefiltert durch die hohen französischen Sprossenfenster dringen.

Ana Novac ist Schriftstellerin, Verfasserin von fünf Romanen und ungezählten Komödien, ihr einziges Drama wurde nie aufgeführt. Doch mehr als Achtungserfolge errang sie mit ihrer literarischen Produktion nie. Das ist das zweite Drama ihres Lebens, die Leute interessierten sich von Anfang an nur für das eine: Dafür, dass sie, die Siebenbürger Jüdin, geboren wahrscheinlich 1929, im Mai oder Juni 1944 nach Auschwitz deportiert und später ins KZ Plaszow verlegt wurde, überlebt hat.

"Das Lager war ein Desaster für mein Werk, weil ich seitdem als jemand gelte, der dem Gas entkommen ist. Ich bin keine Lebende, ich bin Überlebende", sagt sie - "und das, seitdem ich 15 Jahre alt bin".

Bis heute bekommt sie beinahe täglich Briefe, Einladungen, mit der Bitte, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Doch Ana Novac will kein Auschwitz-Automat sein, der folgsam Antworten zum Thema auswirft, sie will als Mensch wahrgenommen werden - nicht als "rumänische Anne Frank".

Genau wie das weltberühmte Mädchen Anne führte auch Ana Novac als Jugendliche Tagebuch. Mit dem Unterschied nur, dass ihre Aufzeichnungen nicht mit dem Abtransport ins Lager enden, sondern dort beginnen.

Denn die damals 14-Jährige schaffte das Unvorstellbare: Sie schrieb hinter Stacheldraht monatelang auf, was sie sah und was sie dachte. Ihr Tagebuch ist ein schockierendes Dokument, denn es beschreibt das Grauen ungefiltert, direkt und detailliert. Alle anderen bekannten Berichte und literarischen Aufarbeitungen von KZ-Insassen entstanden dagegen im Nachhinein, aus der Erinnerung. "Die schönen Tage meiner Jugend", erschien nun in neuer Übersetzung auf deutsch.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Holledauer, 23.05.2009
1. Der Artikel macht neugierig auf das Buch!
Ana Novac ist offensichtlich ein großartiger Mensch, der trotz des unsäglichen Leides in der Jugend nicht jammert (was im Übrigen durchaus verständlich wäre!), sondern das Leben zu gestalten versucht! Der Artikel macht neugierig auf das Buch! In zwei Wochen mehr zu dieser wundervollen Frau.
r.zmudzinski, 23.05.2009
2. Siegerin
Was waren diese Nazis doch für eine selbstherrlich-bekloppte Höllenbande, die selbst von einem 14-jährigen Mädchen in ganz großartiger und würdevoller Manier besiegt werden konnte!
schna´sel, 23.05.2009
3. keine Ahnung
Ich würde Ana Novac wünschen, dass ihre Stücke aufgeführt werden. Das Buch, so interessant es auch sein mag, bestätigt doch nur ihre Aussagen. Niemand interessiert sich für das was sie außerhalb dieser schrecklichen Erlebnisse mitzuteilen hätte. Der letzte und vielleicht wichtigste Satz in diesem Artikel ist in meinen Augen der Schluss. Den ich als ihr gewispertes Resumé, vermutlich auf ihr ganzes Leben interpretiere. In dem Satz liegt vermutlich wesentlich mehr Potential, als in der ganzen, sensationell einzigartigen live Aufzeichnung aus dem dunkelsten Herzen unserer eigenen schwärzesten Vergangenheit. Aber wen kümmert das schon? Damit berührt sie ja keine der aktuell gerade vernarbenden Wunden. Also wird es nicht wahrgenommen. Solche Potentiale zu nutzen zählt wahrscheinlich generell weder zu den Stärken noch zu den Prioritäten unserer Fast Food, bzw. Betroffenheitskultur. Es bleibt die Frage, warum der Mensch fast immer durch die Hölle muss, um eine Ahnung seiner eigentlichen Bestimmung zu bekommen.
magica 24.05.2009
4. wichtiger artikel, schlampig bearbeitet
ganz froh bin ich, das dieses unglaubliche buch nun endlich auch vom spiegel wahrgenommen wird. danke! ganz schlecht finde ich allerdings, dass hier nicht die richtige, neue, von eva moldenhauer übersetzte ausgabe von ana novacs buch zitiert wird. "die schönen tage meiner jugend" ist nämlich bei schöffling erschienen, kostet 19,90 und sollte in jeder buchhandlung zu haben sein. ganz im gegensatz zur nicht mehr lieferbaren und falsch übersetzten ausgabe von rowohlt, die aber im artikel von jenny hoch angegeben wird.
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