Lakonische Lyrikerin Christa Reinig ist tot

Kraftvoll, radikal und originell: Mit ihrer "Ballade vom blutigen Bomme" und dem Roman "Entmannung" begeisterte Christa Reinig Kritiker und Leser. Jetzt starb die Autorin im Alter von 82 Jahren.


München - Sie sah sich als Teil der Frauenbewegung und kritisierte mit harschen Worten die patriarchalische Ideologie: die Lyrikerin und Schriftstellerin Christa Reinig.

Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb die 82-Jährige bereits am vergangenen Dienstag in München. Dies bestätigte ein Sprecher des Düsseldorfer Verlags Eremiten-Presse, der die meisten Werke der Autorin verlegt hatte, am Montag.

Schriftstellerin Christa Reinig: Kraftvoll, radikal, originell
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Schriftstellerin Christa Reinig: Kraftvoll, radikal, originell

Reinig war vor allem mit der "Ballade vom blutigen Bomme" (1956) und dem Roman "Entmannung" (1976) bekannt geworden. Noch 2006 hatte die Autorin mit "Das Gelbe vom Himmel" philosophische Betrachtungen veröffentlicht.

Die gebürtige Berlinerin hatte Ende der vierziger Jahre erste Gedichte veröffentlicht - ermutigt durch Bertolt Brecht, der früh das Talent der damaligen Redakteurin des "Ulenspiegel", einer satirischen Zeitschrift der Nachkriegszeit (ab 1954 der DDR-"Eulenspiegel"), erkannte. Typisch für Reinig war ihre humorige Berliner Schnoddrigkeit, die sich in vielen ihrer Gedichten wiederfindet.

1946 veröffentlichte die Autorin ihre Debüt-Erzählung "Ein Fischerdorf". Wegen ihrer lakonischen Lyrik geriet Reinig schon bald mit der SED-Literaturpolitik aneinander. Seit 1951 erschienen daher fast alle ihre Arbeiten in der Bundesrepublik. Die Entgegennahme des Bremer Literaturpreises ermöglichte Reinig 1964 die Ausreise in die Bundesrepublik, wo sie sich in München als freie Autorin niederließ.

Neben Erzählungen und Gedichtbänden wie "Müßiggang ist aller Liebe Anfang" und dem ersten Roman "Die himmlische und die irdische Geometrie" tat sich Reinig auch als Übersetzerin von russischen Werken hervor. Die Schriftstellerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz (1976) und den Brandenburgischen Literaturpreis (1999).

Reinigs feministisches Buch "Entmannung" (1976) gilt unter Fachkritikern als Schlüsselwerk, weil es maßgeblich den Anschluss der Autorin an die Frauenbewegung beeinflusste und ihr coming out als Lesbierin motivierte.

Christa Reinig lebte zuletzt in einem Hospiz in München.

ber/dpa



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