Langenscheidts "Das Beste" Der böse Gute-Laune-Katalog

Die Deutschen nörgeln zu viel, das will der Verlags-Erbe Florian Langenscheidt ändern. "Das Beste - 250 Gründe, unser Land heute zu lieben" heißt sein Buch, das die miese Laune hinwegpusten soll. Aber wer es aufschlägt, der findet keine gute Laune, sondern Schleichwerbung.

Von Fabian Grabowsky


Mit Roman Herzog fing alles an. Herzog war der Bundespräsident zwischen Richard von Weizsäcker und Johannes Rau. Er war ehemaliger Verfassungsgerichts-Präsident, hatte eine eckige Brille und einen urigen Akzent. Seine Amtszeit war unauffällig.

Bis auf die Sache mit dem Ruck. 1997 forderte Herzog in seiner "Berliner Rede", durch Deutschland müsse endlich ein Ruck gehen. Schuldenberg, Arbeitslosigkeit, rumpelnde Fußballer - ruckzuck, weggeruckt. Daraus wurde natürlich nichts. In einem Land mit 80 Millionen Einwohnern gibt es 80 Millionen Interessen. Am wenigsten ruckten diejenigen, die zu Herzogs Rede geladen waren und ihm applaudierten. Aber auch wenn von seiner Amtszeit wenig blieb - sein Ruck-Diskurs wird seitdem von Groß-Ruckern wie Paul Kirchhof, Hans-Werner Sinn und Dieter Hundt gepflegt.

Über die Jahre bekam der rabiate Ruck einen zarten Zwillingsbruder. "Wir sind Deutschland" war die meist verlachte Kampagne der vergangenen Jahre, aber auch die meist beachtete. Erfolgsmenschen aus Medien, Wirtschaft und Sport verbreiteten scheinbar Optimismus. In Wirklichkeit sagten sie damit: Wer nicht erfolgreich ist, hat die falsche Einstellung.

Fröhliches Oeuvre

Florian Langenscheidt war dabei. Er ist der Großmeister dieses Diskurses. Der Erbe des Langenscheidt-Verlags tut Gutes und redet darüber. Er ist Gesellschaftslöwe. Und er schreibt fröhliche Bücher wie "1000 Glücksmomente", "Sternschnuppenwünsche", "Glück mit Kindern" oder "100 x Mut". Einmal war er sogar als "engagierter Bildungsexperte" beim "Philosophischen Quartett" des ZDF.

Jetzt gibt es von ihm ein neues Buch: "Das Beste an Deutschland. 250 Gründe, unser Land heute zu lieben." Das Werk startete mit großem medialem Bohei. Die "Bild"-Zeitung machte aus einigen der 250 Gründe eine Serie und feierte Langenscheidt als "Gewinner des Tages". Jeder ausländische WM-Berichterstatter bekommt das Buch als Gastgeschenk. Langenscheidt stellte es knapp unter dem Himmel von Berlin vor, im 14. Stock des Berliner Intercontinental. Mit Stargästen wie Sabine Christiansen, Peter Scholl-Latour oder Vicky Leandros, dazu gab es Riesling, Spargelragout und Hechtklöße. Die Boulevardpresse war dabei.

Von Altstadt bis Zwieback

Auf mehr als 500 Seiten versammelt Langenscheidt allerlei Deutsches, von "Die Altstadt" Rothenburg ob der Tauber bis "Der Zwieback" – Brandt-Zwieback. Als "Jury" versammelte er 14 Prominente, zum Beispiel Franz Beckenbauer, Sabine Christiansen oder Heinrich von Pierer. Die haben, sagt der Verlag, sich die Zeit genommen, ihm bei der Endauswahl zu helfen. Einzelne Kapitel wurden von prominenten Gastautoren geschrieben. Also gibt es Bully Herbig über "Den Wok-Weltmeister" Stefan Raab, Stefan Raab über "Den Komiker" Bully Herbig - und Kai Diekmann von "Der Kaufzeitung" "Bild" über "Den Wiedervereiniger", gemeint ist natürlich Helmut Kohl.

Man könnte meinen, dieses Buch sei überflüssig. Natürlich gibt es in Deutschland zu viel Genöle und Gemecker. Zudem gibt es bei Langenscheidt viele sympathische "Gründe", unser Land zu mögen, wie zum Beispiel Biergärten, Grillen und die Autobahn ("Der Freizeitspaß"). Aber die Texte sind oft länglich,  250 Kapitel sind mindestens 200 zu viel, um sie alle lesen zu wollen, und das Buch so schwer, dass jeder Couchtisch, auf dem es drapiert wird, zusammenzubrechen droht.

Man könnte auch meinen, dass das Buch dreist ist. Viele der "250 Gründe" sind Prominente - noch mehr aber sind Produkte:  Boss-Anzüge, Brandt-Zwieback, S-Klasse, Tesa-Film, Dr. Oetker. Und immer so weiter. Die Texte bestehen aus gestelztem PR-Deutsch, sie lesen sich, als ob die jeweiligen PR-Abteilungen sie gleich selbst geschrieben hätten. "Exzellenz", "Vertrauen", "Tradition" allerorten. Und selbst im scheinbar harmlosen Artikel über Sauberkeit ("Die Annehmlichkeit") tauchen im letzten Absatz "die lebenspralle Klementine" und "der mythische weiße Riese" auf.

"Das Beste" ist also eine fette Schleichwerbungs-Schwarte. Die hat zudem einige besonders unschöne Speckfalten, wie die Elogen auf "Die Agentur" Jung und Matt von "Das Beste"-Juror Jean-Remy von Matt sowie auf "Das Sportlifestyle-Unternehmen" Puma von Juror Jochen Zeitz. Oder auf "Das Fremdsprachenwörterbuch" aus dem Langenscheidt-Verlag höchstselbst.

Wer sich selbst liebt... 

Aber dieses Buch ist mehr als überflüssig oder dreist. Dieses Buch ist zynisch. Denn es soll angeblich nicht Produktschau sein - sondern viel mehr: Langenscheidt will den "mentalen Turnaround". "Wir" müssen nur endlich der Zukunft entgegen lächeln, dann lösen sich die Reformstaus dieser Republik auf - und "wir" haben wieder freie Fahrt. Langenscheidt dichtet dazu scheinbar ehrenwert im Vorwort: "Wir entscheiden, ob das Land klagend und schlecht gelaunt im Mittelmaß versinkt, oder ob es souverän im Chor der Nationen an einer besseren Welt arbeitet." Denn: "Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere Lieben". Und: "Selbst-Liebe statt Selbst-Hiebe."

Man darf dies getrost für aus den Fugen geratene, aber letztlich harmlose Pennäler-Ethik halten. Und natürlich darf Langenscheidt so viel schleichwerben, wie er will; er ist schließlich nicht die ARD (auch wenn Deutsche Welle TV die DVD zum Buch produzieren wird). Aber ein solches Buch allen Ernstes mit noch dem naivsten reformatorischen Anspruch zu verbrämen, ist nichts als eine Unverschämtheit.

Wer behauptet, diese 500 Seiten trügen dazu bei, strukturelle, komplexe und vor allem existenzielle Probleme wie Massenarbeitslosigkeit, Integration oder Schuldenberg zu lösen, der verhöhnt die Probleme und diejenigen, die versuchen, diese Probleme zu lösen. Vor allem aber verhöhnt er mit seinem bunten Luxuswarenkatalog jene arbeitslosen Traktoristen aus Templin, Werftarbeiter aus Wilhelmshaven und Kumpel aus Kamen, die unter diesen Problemen an jedem Tag ihres Lebens leiden.

Langenscheidt geht es nicht um sie, um sogenannte Turnarounds oder um Deutschland; ihm geht es nur um sich und darum, seinen Werbekatalog zu verkaufen, für den sich ohne Weltverbesserungs-Tralala niemand interessierte.

Korrektur: Irrtümlich behaupteten wir in unserem Artikel, Florian Langenscheidt sei Vorstandsmitglied des Langenscheidt Verlags. Wir stellen richtig: Florian Langenscheidt ist neben vielen anderen Funktionen lediglich Gesellschafter bei der Langenscheidt-Verlagsgruppe



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