Südstaaten-Roman "Fay" Die Femme fatale als junges Mädchen

Mit zwei Dollar im ausgefransten BH will eine 17-Jährige ans Meer. Am Straßenrand lauern Vergewaltiger und potenzielle Ehemänner. Larry Browns "Fay" ist ein romangewordener Countrysong - und eine große Entdeckung.

Junges Mädchen unterwegs (aus dem Film "American Honey")
Universal Pictures

Junges Mädchen unterwegs (aus dem Film "American Honey")


Menschen trinken Bier und kaufen an Tankstellen Zigaretten, die sie dann rauchen, während sie mit ihrem Pick-up ziellos durch die Gegend fahren, eine Dose Budweiser zwischen den Beinen. Und manchmal sagen sie Sachen wie "Ich würde gern etwas Gutes essen" oder "Lass uns ficken". Und zwischendurch passiert auch mal was richtig Schlimmes. Aber das dann fast nebenbei.

Larry Browns "Fay" ist ein romangewordener Countrysong, eine tausend Tränen tiefe Ballade wie Townes Van Zandt sie geschrieben haben könnte, oder Loretta Lynn. Bevölkert von gefallenen Honky-Tonk-Angels und harten Typen, die in Bierbars und Stripklubs hocken und selten weiter denken als bis zum nächsten Bourbon.

Brown war einer von ihnen - und auch nicht. Er führte ein Leben in der Bar, trank bis zum Umfallen Bier und Pfefferminzschnaps und rauchte Kette, hörte zu, was die anderen Männer am Tresen bewegte. Doch er hatte eine Familie, eine Frau und drei Kinder - und eine Vision: Er wollte Schriftsteller werden, unbedingt. Und wenn er nicht trank oder in seinem Job als Feuerwehrmann 24-Stunden-Schichten schob, dann schrieb er, ohne Unterlass.

Buchautor Larry Brown (1951-2004)
Tom Raskin

Buchautor Larry Brown (1951-2004)

Vier Romane und mehr als 100 Kurzgeschichten hatte er in der Schublade, als er endlich entdeckt wurde. Das war Ende der Achtzigerjahre, und bis zu seinem frühen Herztod mit nur 53 Jahren schrieb er unermüdlich weiter.

Weil er wie William Faulkner in Oxford, Mississippi, geboren wurde, verglich man ihn oft mit dem großen Südstaatenautor, aber Browns verknappte Prosa erinnert eher an Ernest Hemingway. In den USA gilt Brown neben Harry Crews und Dorothy Allison als Klassiker des "Rough South", der authentischen, ungeschönten Literatur des amerikanischen Südens, mehrere seiner Romane wurden verfilmt. Hierzulande kann man Larry Brown erst jetzt entdecken, mit "Fay" erscheint erstmalig eines seiner Bücher auf Deutsch, 17 Jahre nach dem Original.

Ungebrochener Optimismus angesichts haarsträubendster Umstände

In "Fay" erzählt Brown die Geschichte eines 17-jährigen Mädchen auf der Suche nach einem besseren Leben. Hinter sich lässt sie eine Familie, die Brown-Leser bereits aus dem früheren Roman "Joe" kennen: zwei Geschwister, eine am Leben verzweifelte Mutter und einen Vater, der bereit war, für ein bisschen Schnaps anderen Männern seine Töchter zum Sex anzudienen.

Szene aus Brown-Verfilmung "Joe" (2013)
ddp images/ Capital Pictures

Szene aus Brown-Verfilmung "Joe" (2013)

Barfuß, mit nichts als zwei Dollar in ihrem ausgefransten BH und einer vagen Idee, das Meer zu sehen, macht Fay sich auf den Weg, eine Welt zu entdecken, von der sie nichts weiß: In bitterster Armut in einer abgelegenen Baracke in den Hügeln von Nord-Mississippi aufgewachsen, kennt sie kein Fernsehen, hat noch nie von Prostitution gehört und davon, dass man volljährig sein muss, um Alkohol zu kaufen.

In Fays Stammbaum findet sich Kaspar Hauser ebenso wie Voltaires Candide, dessen seltsam ungebrochenen Optimismus angesichts haarsträubendster Umstände sie zu teilen scheint: Zweimal entgeht sie nur knapp einer Vergewaltigung, einmal weil sie sich, stoned und betrunken, auf den Penis des Mannes übergibt.

Auch Odysseus gehört zu Fays Ahnen, und ihr Ithaka, der Zielort ihrer Reise, heißt Biloxi. Eine Stadt auf einer Halbinsel am Golf von Mexiko, die wenig einladend wirkt, als Fay sie nach einigen Umwegen - inzwischen ist sie schwanger, von einem wesentlich älteren Mann, den sie wieder verlässt - erreicht: "Die Möwen waren überall, sie schwebten in der Luft oder spazierten im weißen Sand. Der Strand war mit Coladosen, benutzten Kondomen und Zigarettenstummeln übersät. So früh am Morgen fuhren nur ein paar Autos auf dem schwarzen Highway."

Fay wird noch so manch andere Katastrophe überstehen im Laufe dieses 644 Seiten starken, aber gar nicht überlangen Romans. Immer, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint, findet sie jemanden, der sich ihrer annehmen will. Im positiven wie im negativen Sinne: Vergewaltiger lauern ebenso am Straßenrand wie potenzielle Ehemänner.

Manchmal sind sie beides in einem, wie Aaron, der Rausschmeißer in einem Stripklub, bei dem sie für ein paar Wochen Unterschlupf findet. Dessen Idee von Liebe ist ebenso seltsam wie die vieler Männer in diesem Buch. Nachdem Fay ihr Baby verliert, räsoniert Aaron: "Das Ganze würde verheilen. Und dann war sie wieder bereit, es zu treiben. Scheiße. Sie behalten. Es ständig mit ihr treiben. Jede Nacht." Und dann macht er sich einen Whiskey Cola.

Larry Browns Schreibschule war die Bar

Fay ist Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Männer: hübsch, nett, naiv, anspruchslos, leicht zu haben, etwas, wovon sie träumen nach ein paar Gläsern Bourbon. Doch am Ende entpuppen sich die Männer als schwach, und Fay als die eigentlich Starke. Sie bekommt, was sie will, auch wenn sie gar nicht genau weiß, was das eigentlich ist.

ANZEIGE
Larry Brown:
Fay

Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel

Heyne; 656 Seiten; 22,99 Euro

Man kann "Fay" als das Porträt einer Femme fatale als junges Mädchen lesen. Als Coming-of-Age-Geschichte einer 17-Jährigen, die sich der wahren Macht, die sie über die Männer besitzt, erst noch bewusst werden wird. Und trotzdem pflastern jetzt schon Leichen ihren Weg: Sie tötet die frühere Geliebte ihres Lovers, wenn auch in Notwehr, und später im Roman werden sich zwei Männer ihretwegen gegenseitig umbringen.

Brown zeigt sich in "Fay" als Meister der scheinbaren Monotonie, seine Sätze sind einfach und meist kurz und schmucklos aneinandergereiht. Und gerade so erzeugt er einen unwiderstehlichen Sog, erzielt maximale emotionale Wirkung. Er schreibt über das, was er kennt; seine Dialoge und internen Monologe sind von großer Präzision, dem Leben abgelauscht, jederzeit authentisch. Seine Schreibschule waren die Bar, die Feuerwehr, das harte Leben in Mississippi. Und auch wenn die Dinge, die geschehen, teilweise schwer erträglich sind: Brown beschreibt sie mit einer großen Zurückhaltung, er überdramatisiert nie, macht aus Fays Geschichte keinen Abstieg in die Hölle und aus den Männern keine Teufel.

Letztlich ist "Fay" eine Liebeserklärung an den amerikanischen Süden und die Menschen, die hier leben. Das Glück, bei Larry Brown klingt es so einfach, auch wenn es nie von Dauer ist: "Manchmal angelten sie im Dunkeln inmitten der abgestorbenen weißen Bäume nach großen Flachkopfwelsen. Im Strahl der Taschenlampe hielt er einen hoch und sagte: ,Ein schönes Exemplar, Baby, der schmeckt bestimmt gut.' Und dann nickte sie lächelnd im schaukelnden Boot und hatte weder Angst vor der Finsternis noch vor dem Wasser oder sonst irgendwas, einfach, weil sie mit ihm zusammen war."

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.