Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki: "Die großen Katastrophen liegen noch vor uns"

Marcel Reich-Ranicki ist für sein Lebenswerk mit der Ludwig-Börne-Medaille ausgezeichnet worden. Laudator Henryk M. Broder würdigte den Jubilar - und fordert ihn auf, sich vehementer für Israel einzusetzen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Rede.

Preisträger Marcel Reich-Ranicki (l) bedankt sich bei seinem Laudator Henryk M. Broder. Zur Großansicht
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Preisträger Marcel Reich-Ranicki (l) bedankt sich bei seinem Laudator Henryk M. Broder.

Meine Damen und Herren, verehrter Marcel Reich-Ranicki, droga Pani Teofila, liebe Freunde des gesprochenen und geschriebenen Wortes:

Wenn man Worte in Honig verwandeln könnte, müssten wir alle mit klebrigen Fingern hier sitzen. Wir, die Konditoren des Kulturbetriebs, die wir heute den 90. Geburtstag unseres Ober-Konditors feiern. Wir haben uns auf dieses festliche Ereignis angemessen vorbereitet und seit Wochen alles gelesen, was über Sie, lieber Marcel Reich-Ranicki, gesagt und geschrieben wurde. Es war nur Gutes dabei. Es scheint, als wäre der 90. Geburtstag der "tipping point", an dem Wasser in Wein, Missgunst in Zuneigung, Neid in Anteilnahme und Hass in Liebe umschlägt. Dass Sie ein "Papst" sind, das wissen wir schon lange, was vor allem diejenigen unter uns mit Genugtuung erfüllt, die stolz darauf sind, dass auch Jesus ein Jude war. Nun aber werden Sie zu Lebzeiten heiliggesprochen, und tatsächlich - wenn man genau hinguckt, sieht man einen leuchtenden Kreis über ihrem Haupt. So ist das eben, wenn man lange genug durchhält, wird von man von einem "bad boy" zu "everybody's darling" befördert.

Ich sage das nicht, um ein paar tropfen Absinth in ein Fass Dom Pérignon zu kippen, ich sage es, weil ich überzeugt bin, dass auch Heilige das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Halunken übrigens ebenso. Ich erinnere mich an einen wunderbaren Satz von Ihnen, den Sie gesagt haben, als Sie um Ihre Meinung über den Film "Der Untergang" gefragt wurden, speziell darüber, ob es richtig wäre, Hitler nicht als Monster, sondern als einen Menschen zu zeigen. "Natürlich war Hitler ein Mensch", polterten Sie zurück, "was soll er denn sonst gewesen sein, etwa ein Elefant?"

Das sind Momente, in denen man aufspringen und Sie umarmen möchte, wohl wissend, dass Sie solche Sympathiekundgebungen nicht mögen. Und während ich hier, vor Kühnheit zitternd, vor Ihnen stehe und um die richtigen Worte ringe, sind Sie vermutlich schon weiter und überlegen, wie Sie diese Veranstaltung verreißen würden - wenn Sie nicht ihr Objekt wären. Also lassen Sie mich schnell sagen, warum ich Sie verehre: weil Sie zwar ein Papst, aber wie alle Menschen fehlbar sind.

Ich kann mich noch gut an einen kleinen Skandal erinnern, als ein junger Mann, mit dessen Vater Sie einmal befreundet waren, sich daran machte, Ihre Vergangenheit einer Prüfung zu unterziehen. Er wollte wissen, ob Sie sich nach dem Kriege so verhalten hatten, wie man es von einem Überlebenden des Holocaust erwarten sollte, ob Sie also durch die Leiden geläutert worden waren wie ein Pilger am Ende des Jakobsweges. Hinter dem Bemühen steckte nichts als die Empörung darüber, dass Sie überhaupt überlebt hatten und, statt demütig in einer dunklen Ecke zu sitzen und wie Hiob mit Gott zu hadern, lieber im Rampenlicht der Öffentlichkeit Ihre Runden drehten: frech, laut und mit einer unbändigen Freude am eigenen Witz.

Was der junge Mann im Laufe seiner Recherche herausfand, war so dünn und geschmacklos wie eine Wassersuppe, reichte aber, um das deutsche Feuilleton in den Zustand höchster Erregung zu versetzen. Hatte es mit der Entnazifizierung der eigenen Väter nach dem Kriege nicht immer geklappt, so sollte wenigstens an einem polnischen Juden und ehemaligen Kommunisten retrospektiv ein moralisches Exempel statuiert werden. Zu dieser Zeit war übrigens noch nicht bekannt, dass ein großer deutscher Dichter ein kurzes Gastspiel bei der Waffen-SS gegeben hatte und einige wichtige Intellektuelle, ohne es zu wissen oder gar gegen ihren Willen, der NSDAP beigetreten waren.

Ich schrieb damals eine Geschichte über die Geschichte, die - sinngemäß - mit den Worten endete: "Marcel Reich-Ranicki meint, in der deutschen Literatur zu leben. Nun ist er eines Besseren belehrt worden. Er lebt in Deutschland."

Sie waren damals eine Weile broiges mit mir, beleidigt und gekränkt, weil ich das ausgesprochen hatte, was Sie ohnehin wussten: Man kann in der deutschen Literatur zu Hause sein, aber man kann nicht so tun, als würde man in der deutschen Literatur leben. Zum Leben gehört mehr als die Kenntnis der literarischen Produktion eines Landes oder einer Gesellschaft. Wenn Sie auf der Straße als "Saujud" angepöbelt werden, werden Sie gewiss nicht stehenbleiben und den Pöbler fragen: "Entschuldigen Sie bitte, lieber Freund, haben Sie 'Nathan der Weise' nicht gelesen?"

Der Satz: "Ich lebe nicht in Deutschland, sondern in der deutschen Literatur", verbreitet den gleichen Charme der Naivität wie die "Atomwaffenfreie Zone"-Sticker, die an Wohnungstüren kleben, hinter denen Menschen leben, die Ökostrom beziehen, der aus Atomkraft generiert wird.

Heute, aus dem Abstand von über 15 Jahren, würde ich zufügen: Sie und ich, wir alle leben in einem Deutschland, in dem tote Juden über alles geliebt, während die überlebenden und ihre Nachkommen als Störer empfunden werden. Dabei stimmt es nicht, dass die Deutschen vergessen und nicht erinnert werden wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie können von der Vergangenheit nicht genug bekommen.

Die "Kollektivscham", mit der man sich zu der Zeit von Adenauer, Brandt und Kohl geschmückt hat, ist längst einem "Sündenstolz" gewichen, der fröhlich mit seiner grausamen Geschichte kokettiert, um daraus moralisches Kapital zu schlagen. "Gerade wir als Deutsche..." ist die Floskel, mit der fast alle Reden anfangen, die bei Auschwitz einsetzen und im Nahen Osten aufhören. "Gerade wir als Deutsche" sind dazu prädestiniert, andere zu warnen, unsere Fehler zu wiederholen. "Gerade wir als Deutsche" wissen, dass ein Krieg keine Konflikte löst und Gewalt immer neue Gewalt erzeugt. "Gerade wir als Deutsche" haben aus der Vergangenheit gelernt, wenn auch nicht, dass man das Böse bekämpfen, sondern dass man überhaupt nicht kämpfen soll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Verdrehung der Tatsachen?
manuelbaghorn 06.06.2010
Zitat von sysopMarcel Reich-Ranicki ist für sein Lebenswerk mit der Ludwig-Börne-Medaille ausgezeichnet worden. Laudator Henryk M. Broder würdigte den Jubilar - und fordert ihn auf, sich vehementer für Israel einzusetzen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Rede. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,698840,00.html
Es hätte eine gute Rede sein können, würde Henrik M. Broder nicht meinen, seine Laudatio nutzen zu müssen, um wieder einmal unter grober Verdrehung der Tatsachen antipalästinensische Aussagen verbreiten zu müssen. Um dies deutlicher zu machen: Henrik M. Broder vermittelt wiederholt den Eindruck, als wären die Palästinenser eine ernstzunehmende Gefahr für die Existenz des Staates Israel und als würde durch sie ein erneuter Holocaust drohen. Hierbei kann man sich nur fragen, woher er seine Informationen nimmt. Schließlich konnte Israel gerade erst im Gaza-Krieg seine erdrückende militärische Übermacht demonstrieren. Insgesamt schlussfolgert Broder ja auch nicht aus aktuellen Entwicklungen, sondern vielmehr aus der Vergangenheit. So wird, so unrealistisch es auch sein mag, gerne immer wieder das Szenario eines angeblich drohenden neuen Holocaust aus der Schublade geholt um damit jegliches Verhalten Israels zu rechtfertigen. Da passt es nur ins Bild, dass nicht etwa Israels Angriff auf die Schiffsflotte mit Hilfslieferungen für Gaza hinterfragt wird, sondern vielmehr die Anwesenheit zweier deutscher Politiker. Nun mag man diese Anwesenheit zwar für fragwürdig halten, viel fragwürdiger aber sind die Praktiken, mit denen sich ein, zu Verfolgungswahn neigendes Israel zu verteidigen sucht. Diese Tatsache hat Henrik M. Broder in seiner Laudatio geschickt vermieden.
2. ähh
Barath 06.06.2010
Zitat von sysop... Sprache ist wirklich die flüssige Substanz unseres Bewusstseins (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/). ...
Verstehe nicht warum sie das immer wieder verlinken. Was ist da so besonderes drann? In der Philosophie ist das doch schon längst ein alter Hut...
3. Entschuldigt bitte,
tripler 06.06.2010
aber ist das eigentlich normal dass jemand ein Laudatio auf eine Person dazu benutzt, um ein Forum für Pro-Israel Propaganda und Deutschland-Bashing zu betreiben? Lustig finde ich auch, dass Herr Broder der rechtes Klientel für seine Zwecke benutzt wenn es gegen Moslems und dem Islam geht, jetzt geschickt versucht Deutsche, die einfach kritisch zu Israels aus humanistischer Sicht gewöhnungsbedürftigen Taten sind, in die rechte Ecke zu stellen und damit Mundtot zu machen. Irgendwie kann ich mir schwer vorstellen dass Marcel Reich-Ranicki erfreut darüber sein kann dass jemand eine Laudatio auf ihn derart missbraucht.
4. titel
jellicoe 06.06.2010
Der Gaza-Streifen mag verglichen mit dem Warschauer Ghetto bessere Lebensbedingungen aufweisen, das macht ihn nicht annähernd zum "Club Med". Ich verstehe ja, dass sein Herz in dieser Sache bei den Israelis ist, aber solche Aussagen sind abgrundtief zynisch.
5. Peinlich...
peter hammer 06.06.2010
...wie HMB eine Laudatio mißbraucht, um für seine eigene politische Agenda zu trommeln. Was für eine lächerliche Figur.
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