US-Frauengeschichte Was ist nur mit dir passiert?

Anne Tyler ist die feinsinnige Chronistin des Mittelstands. In ihrem neuen Roman "Launen der Zeit" lässt sie ihre Heldin fast 60 Jahre nach ihrem Platz im Leben suchen - mit zwei Schockmomenten.

Frechheit nur in der Kindheit
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Frechheit nur in der Kindheit

Von Britta Schmeis


Es ist eine Szene ziemlich am Anfang, die kurz auf die falsche Fährte führt: Als die junge Willa sich auf ihrem ersten Flug überhaupt von ihrem Sitznachbarn mit einer Waffe bedroht fühlt und ihr Freund Derek sie unwissentlich rettet. Fast könnte man meinen, nun beginne ein Thriller um eine Flugzeugentführung.

Doch dann kehrt Anne Tyler in ihrem 22. Roman "Launen der Zeit" auf ihr gewohntes Terrain zurück: komplizierte Familienkonstellationen und Menschen, die sich daraus befreien. Dieser Mensch ist diesmal Willa. Die Flugzeugszene wird sie ihr Leben lang begleiten und sinnbildlich für ihr Leben stehen.

Erst glaubt Derek ihr nicht, der nur den Sitz getauscht hat, weil er sie auch mal am Fenster hat sitzen lassen wollen, dann glauben ihr ihre Eltern nicht und sehr viel später tut ihr zweiter Ehemann Peter die Begebenheit als Hirngespinst ab. Willa nimmt das stillschweigend hin, wie sie so vieles stillschweigend hinnimmt, stets versucht, nicht aufzufallen, ihre eigenen Bedürfnisse immer hintenanstellt, sich ständig schuldig fühlt. Willa huscht durchs Leben, akkurat gekleidet, freundlich, hilfsbereit.

Ihre Kindheit hat sie so gemacht. Eine Kindheit mit einer Mutter, die zwar die hübscheste und klügste ist, aber immer mal wieder Anfälle bekommt, und dann einfach verschwindet, mit einem Gutmenschen von Vater, lieb und gutmütig, und einer jüngeren Schwester, die sie vor den Attacken der Mutter und dem Bösen in der Welt zu beschützen versucht.

Endlich wird sie wieder gebraucht

Anne Tyler, diese sanfte Chronistin des amerikanischen Mittelstandes, widmet den knappen, ersten Teil Willas Kindheit, dem Kennenlernen von Derek und ihrer Ehe mit ihm, diesem aufbrausenden, cleveren Machertyp, der sie beschützt, der sie ihr Studium abbrechen lässt und nach Kalifornien holt. Es sind konservative Zeiten, diese letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, im 21. wird es für Willa nicht besser - zunächst zumindest nicht.

Schriftstellerin Anne Tyler
Michael Lionstar/ Kein & Aber

Schriftstellerin Anne Tyler

Doch eines Tages erhält sie einen Anruf aus Baltimore: Durch ein Missverständnis wird sie für die Großmutter der neunjährigen Cheryl gehalten. Denise, die Mutter des Mädchens (und Ex-Freundin von Willas Sohn Sean) wurde angeschossen und liegt im Krankenhaus, das Mädchen und Hund Airplane müssen versorgt werden. Kurzerhand fliegt Willa nach Baltimore, um sich der Sache anzunehmen.

Anfänglicher Schwierigkeiten zum Trotz, beginnt Willa aufzublühen. Endlich wird sie wieder gebraucht - auch wenn es in einer so schäbigen Gegend ist wie dieser in Baltimore. Wozu lohnt es zu leben, hatte ein Nachbar einmal von Willa wissen wollen. Sie wusste keine Antwort.

Überraschungsmomente? Fehlanzeige

Anne Tyler beschreibt jedes einzelne Szenario so detailreich, dass klare Bilder entstehen. Tyler beschreibt aber auch jeden einzelnen Gedanken Willas, Leerstellen gibt es nicht, jede Gefühlsregung wird ausgesprochen. Da zerreißt es Willa das Herz, weil sie ihren Vater zurückstößt, da fragt sich die junge Willa, ob nur ihre Familie so völlig verkorkst ist, da erfährt der Leser, dass Willa stets bemüht war, eine verlässliche Mutter zu sein. Soviel plakatives Erklären ermüdet - und beleidigt den Intellekt.

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Anne Tyler:
Launen der Zeit

Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger

Kein & Aber; 304 Seiten; 22 Euro

Hinzu kommen die vielen bedeutungsschweren Metaphern und Szenen, die wiederkehrende Momente: Cheryl Lieblingssendung heißt "Space Junk". Darin geht es um Außerirdische, die in einem Lokal eine wahllose Gruppe von Menschen entführen, um ihre Verhaltensweise zu erforschen. Die Außerirdischen glauben, diese Menschen seien eine Familie. Puh, der Holzhammer sitzt.

Die inzwischen 76-jährige Tyler mag zu den erfolgreichsten Gegenwartsautorinnen der USA zählen, hat bereits 1989 für ihren Roman "Atemübungen" (über einen einzigen Tag in einer Ehe) den Pulitzerpreis erhalten, sie ist Mitglied der ehrwürdigen American Academy of Arts and Letters, John Updike war ein erklärter Fan, Nick Hornby soll sie verehren. Zweifelsohne ist sie eine genaue Beobachterin, schafft mit ihren Bildern und ihrer Sprache Situationen, die erschauern lassen.

Der Witz und der Feinsinn, der viele ihrer Romane auszeichnet, allerdings fehlt in "Launen der Zeit". Überraschungsmomente? Fehlanzeige. Ganz am Schluss, da nimmt die Geschichte noch einmal kurz eine unerwartete Wendung, die den Leser stocken lässt. Doch dann dient sie wieder nur dem eigentlichen Plot und der Botschaft: Blut ist doch nicht immer dicker als Wasser.

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