Philosophen-Thriller Rühr unsere Heiligen nicht an

Laurent Binet hat mit "Die siebte Sprachfunktion" einen durchgeknallten Akademie-Thriller geschrieben, in dem alle Philosophen Karikaturen ihrer selbst sind und der Autor mit Romankonventionen bricht.

Der Citroën DS
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Der Citroën DS

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DS, Citroën DS, DS wie "Déesse". Göttin auf Französisch. Ein Auto, von Mythen umwoben. Charles de Gaulle nutzte den Wagen. Das Auto rettete dem französischen Präsidenten am 22. August 1962 das Leben, als auf ihn das Attentat von Petit-Clamart verübt wurde. Und auch in den Noir-Filmen tauchte die DS auf - meist gefahren von Verbrechern.

Genau dieses Modell, in schwarz, ist auch auf dem Titel von Laurent Binets Roman "Die siebte Sprachfunktion" zu sehen. Ein Roman, der mit dem Tod Roland Barthes' beginnt und der vor Referenzen und Insignien der Zeit strotzt. Der französische Professor, Philosoph und Semiotiker Barthes hat sich mit dem Citroën DS in seinem Klassiker "Mythen des Alltags" beschäftigt. Zufall? Nein. Barthes' Tod markiert den Beginn der Geschichte von Binet. Am 25. Februar 1980 wird Barthes von einem Kleintransporter überfahren und erliegt am 26. März seinen Verletzungen. In Binets Roman war es aber kein Unfall, sondern Mord.

Der Tod des Autors

Roland Barthes
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Roland Barthes

Diesen muss nun der konservative Kommissar Jacques Bayard aufdecken. Er wurde eingeschaltet, weil Barthes sich vorher zum Essen mit François Mitterrand getroffen hat - damals noch Präsidentschaftskandidat -, und weil diesem vor dem Tod offenbar etwas entwendet wurde. Bayard, stereotypisierter Bulle, hat keine Ahnung vom akademischen Betrieb und von Semiotik schon mal gar nicht. Er braucht einen Gehilfen, der ihm die Lehre des Zeichensystems erklären kann und stößt dabei auf Simon Herzog, ein klassischer Linker und Semiotik-Genie. Vom Gesamterscheinungsbild her schafft er es, auf das Leben der Person zurückzuschließen. Herzog unterrichtet in Vincennes, der Reformuni, und sträubt sich zunächst, für den Staat zu arbeiten. Aber Bayard lässt ihm keine Wahl.

Autor Laurent Binet zeichnet das Paris der Achtzigerjahre. Valéry Marie René Giscard d'Estaing, auch nur Giscard genannt, ist Staatspräsident; Raymond Barre Premierminister; die große Partei: die konservative, christdemokratische UDF, die Union pour la démocratie française. Französische Intellektuelle werden verehrt wie Popstars.

Das alles dient Laurent Binet als Rahmenhandlung für seinen durchgeknallten Akademiker-Krimi-Thriller-Roman, in dem alle Figuren Karikaturen ihrer selbst sind und in welchem der Autor Kriminologie und Semiotik gemeinsam verhandelt. Die Theorie, sie ist überall gegenwärtig.

Sex in der Sauna, bulgarischer Geheimdienst und zu offene Hemden

Michel Foucault
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Michel Foucault

So werden alle wichtigen Philosophen aus der Zeit zu Akteuren von Binet. Michel Foucault? Lässt sich in der Sauna von einem Stricher einen blasen, philosophiert währenddessen von "Biomacht", macht schlechte Witze ("Das ist keine Pfeife, hätte Magritte gesagt, haha!") und zeigt auf seinen Schwanz. Der Autor Philippe Sollers: ein größenwahnsinniger Fatzke, der immer zu viel redet. Seine Frau, die Psychoanalytikerin Julia Kristeva: eine hinterhältige Person, die sich mit dem bulgarischen Geheimdienst gemein macht. Gilles Deleuze, mit Fokus auf die langen Fingernägel. Judith Butler, die Hardcore-Lesbe mit griffbereitem Umschnalldildo. Bernard-Henri Lévy (BHL), der Snob im weißen, zu weit aufgeknöpften Hemd. Und da bricht der Autor mit der Karikatur, denn die offenen Hemden und das Snobistische gehören zur Aura des realen BHL.

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Laurent Binet:
Die Siebte Sprachfunktion

Aus dem Französischen von Kristian Wachinger

Rowohlt; 528 Seiten; 22,95 Euro

Binet spielt bewusst mit der Zerstörung des Verehrungskultes, der Apotheose, der Symbolik ("der eulenförmige Aschenbecher"), den Ebenen des Romans. Er unterbricht seine Handlung, um Erklärtexte einzustreuen, zur Semiotik zum Beispiel. Und manchmal verrennt Binet sich auch, vor allem wenn er seine Sexszenen mit Symbolik auflädt und ihnen alles Erotische entzieht. Zufall? Kaum. Binet weiß genau, was er tut.

Die Geschichte um den Kommissar und seinen Helfer lässt Binet von einem Erzähler erzählen, der manchmal mit seinem "Ich" auftaucht. Das "Ich" darf dann Reflexionen zur Literatur und Realität von sich geben. Aber wer ist dieser Erzähler? Wem gehört dieses "Ich"? Binet löst es nicht auf. Es geht genau um diese Ungewissheit.

Designeranzüge statt Studentenlook

Auch die Dichotomien zwischen Bayard und Herzog, zwischen den Politikern, den Philosophen und den Strichern, sie alle streut Binet gekonnt in seine Geschichte ein. Die Dichotomien entfalten sich zum Chiasma, das Gegenüberstehende kreuzt sich. "Ich hätte gerne, dass mir jemand die Topographie der hier gegenwärtigen Mächte aufzeigt", sagt Bayard an einer Stelle, während sein Gehilfe Herzog plötzlich seinen Studentenlook gegen Designeranzüge austauscht.

Bayard, der Kommissar, und Herzog, der Akademiker, reisen durch vier Städte. Die Ermittlung beginnt in Paris, dann nimmt das Duo in Ithaka an einer Akademikerkonferenz teil. Sie sind in Bologna bei dem Anschlag auf dem Bahnhof im August 1980 zugegen. Sie entdecken den Logos-Club, eine Art "Fight-Club" für Intellektuelle, die sich dort rhetorisch batteln, und deren Verlierer sich von einem Finger trennen müssen - mit großem Finale in Venedig.

Das Ermittlerduo kommt auch dem Tatmotiv immer näher. Barthes hat offenbar die siebte Sprachfunktion nach Roman Jakobson entdeckt. Der Linguist beschrieb zwar nur sechs Funktionen, aber offenbar gibt es noch eine Siebte. "Wer diese Funktion kennt und beherrscht, wäre praktisch der Herr der Welt." Kein Wunder also, dass Geheimdienste, Politiker, Stricher hinter der Formel her sind.

Romanautor Laurent Binet
Enfinbref

Romanautor Laurent Binet

Binet studierte Philosophie, gewann mit seinem furiosen Debütroman "HHhH" den wichtigen französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Sein aktueller Roman "Die siebte Sprachfunktion" wurde in Frankreich ein Erfolg und löste einen kleinen Skandal aus, weil ihm vorgeworfen wurde, respektlos mit den Philosophen umzugehen. Rühr' unsere Heiligen nicht an.

Tatsächlich übertreibt es Binet an manchen Stellen mit seinen voyeuristisch-ironischen Betrachtungen und seinen Brechungen mit den Konventionen des Romans. Wenn eine Referenz die nächste jagt, Realität und Fiktion sich manchmal treffen und dann wieder verlieren, werden die Leser zu Semiotik-Detektiven - aber dabei werden nur die poststrukturalistisch Bewanderten die vielen Referenzen dechiffrieren können.

Binet geht es nicht darum, subtil sein, und damit steht er ganz im Gegensatz zu der Autorin Patricia Duncker. Duncker schickt in "Die Germanistin" ihren Ich-Erzähler auf die Suche nach und Rettung von Paul Michel. Daraus spinnt sie einen Thriller voller Passion und bewegt sich stilsicher zwischen Fiktion und Realität. Paul Michel steht dabei für die Vornamen von Foucault. Der französische Philosoph musste auch für einen anderen Roman herhalten: Sein Freund Hervé Guibert widmete ihm die zentrale Figur in seinem Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat". Und auch Guibert verwischt Fiktionalität und Realität, öffnet die Grenzen zwischen Autobiographischem und Erfundenem, nimmt die Figur Foucaults ins Besitz. Ähnliches bewirkt Binet mit seinen Akteuren, der Symbolik und den Mythen wie dem Citroën DS.

Über den Citroën DS schrieb Roland Barthes in seinem kurzen Essay: "Das Objekt wird vollkommen prostituiert und in Besitz genommen."



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