Erzählband von Laurie Penny Botschaften, schwer wie Blei

Mit ihren feministischen Analysen hat sich Laurie Penny längst einen Namen gemacht. Nun sind ihre ersten Kurzgeschichten erschienen. Der Band "Babys machen" klingt leider nach Bausatz mit politischer Agenda.

Von

Autorin Laurie Penny
Jon Cartwright

Autorin Laurie Penny


Es ist eines dieser Bücher, die man in die Hand nimmt und sich wünscht: Bitte, sei ein gutes Buch! Ein umwerfend inspirierendes, eines, das den manifestartigen Vorgängern "Fleischmarkt" und "Unsagbare Dinge" und den Essays gerecht wird, die diese Autorin sonst so schreibt. Sei so pointiert und kraftvoll wie alles, was sie in Interviews zu den "-ismus"-Themen sagt, mit denen sie sich, volle Verve voraus, in jeden Sturm stellt: Feminismus. Rassismus. Turbokapitalismus. Überhaupt: zu fundamentalen Ungerechtigkeiten.

Das ist nun eine sehr lange Vorrede, es ist rhetorisch also klar, was kommt: Laurie Pennys Kurzgeschichten in "Babys machen", ihre ersten veröffentlichten fiktionalen Stücke, reichen nicht an ihre Sachtexte ran.

Blöd: Die thematische Kraft steckt in jeder einzelnen der zehn Storys - nur die sprachliche eben nicht. Somit hat der Short-Story-Band der 29-jährigen Journalistin, die gerne als "Galionsfigur" angekündigt wird, etwas von einer Versuchsanordnung: drängendes, plakatives Sujet identifiziert - check. Dann passende Charaktere samt Setting drumrum gestrickt - check, check.

Schon die Titelgeschichte "Babys machen" (Vorabdruck hier) wirkt wie so ein Bausatz: Da hat sich eine Ingenieurin ein künstliches Baby gebastelt, weil sie keinen Bock auf den ganzen Schwangerschaftsmist hat, postnatale Depression und so. Und alle, Gatte inklusive, müssen so tun als sei es echt. Ja, diese Annie ist eine Frau, die sich die Freiheit nimmt, Mutterschaft nach ihren eigenen Vorstellungen zu definieren, eine, die nicht sympathisch sein muss. Ja, eine Bereicherung für das oft genormte Frauenbild unserer Zeit. Aber das war's dann eben auch.

Alles ausbuchstabiert wie für Schwerhörige

So ackert Penny sich Kapitel für Kapitel durch, Dystopien und Utopien verflechtend: Neben jener Story über Mensch-Maschine-Mutterschaft gibt es auch eine über eine Cat-Content-Fabrik, die vom Arbeitsministerium Gehirnwäsche-mäßig subventioniert wird, dazu ein Büroszenario, in dem die Rollen von Mann und Frau vertauscht sind, außerdem was zu Hexerei, Armut und der Ausgrenzung von Menschen jenseits gängiger Normen wie männlich-erfolgreich-autoritätshörig.

Einzig in "Kleine Gnaden", einer Religion-als-Opium-fürs-Volk-Variante, in der die "Himmlischen Heerscharen" im Callcenter mit Gläubigen telefonieren, blitzt etwas Magie auf, als eine der Telefonistinnen beschließt, einem Anrufer in eine irdisch-versiffte Bar hinterherzusteigen. Auch wenn die Storys oft in einer kathartischen Pause enden, in der die Protagonisten ihren Blick auf die Welt neu justieren wie einen verrutschten Hut: Der Schwerpunkt ist nicht der zarte Wandel der Figuren, sondern die politische Message. Wie so ein Bleigürtel.

Und so wird eben alles ausbuchstabiert als spräche man mit Schwerhörigen. Wahllos rausgegriffen: eine Stelle im Zukunftsszenario "Das Haus der Unterwerfung", wo ein Zeitreisender aus unserem Jetzt auftaucht. Dieses Damals, erklärt eine Wissenschaftlerin, war "eine brutale, autoritäre Welt mit starken ethnischen und geschlechtsspezifischen Hierarchien. Eine Kultur, die sich selbst zerstörte, weil sie auf den Profit weniger Menschen aus war." Ihr Haar ist "zur Hälfte kurz geschoren im traditionellen Stil derer, die bereits die höheren Stufen der Wissenschaftsräte durchlaufen haben und über die Macht der Gelehrsamkeit verfügen".

Uff.

Momente wie diese, ebenso wie die Titelstory oder das Arbeitswelt-Stück "Wikinger-Nacht", wo die Männer den Frauen hierarchisch untergeordnet sind, wirkten vielleicht in Zeiten, als Donna Haraways prägender Techno-Feminismus-Aufsatz "A Cyborg Manifesto" (hier als PDF) der aktuelle heiße Scheiß war. Das war in den Achtzigern.

Eine Autorin sucht noch die passende Sprache

An diese Cyborgs erinnert auch Pennys narrativer Trick: Sie versucht, eine Fantasy-Science-Fiction-Atmosphäre zu entwerfen, um ein Mü an Distanz zu schaffen zwischen unserem Heute und dem Setting ihrer Storys. Das ist bekannt aus Kazuo Ishiguros Klon-Roman "Alles was wir geben mussten", vom Ridley-Scott-Film "Bladerunner" oder aus Miranda Julys Werken (etwa dem brillanten Roman "Der erste fiese Typ"): In diesen Fällen erkennt man jene Irgendwie-Zukunft immer gerade so viel wieder, dass das Realitätenabgleichen unheimlich ist, schwankend. Bei Penny dagegen: kein Schwanken. Zu bemüht ist alles auf Effekt hin geschrieben.

Klar, da ist der Verdacht, die Übersetzung sei Schuld, gerade weil quietschende Ausdrücke wie "Frechdachs" oder "altes Mädchen" auftauchen. Das hilft den Geschichten nicht, ist aber marginal. Denn auch wenn vieles im Original stimmiger klingt: Der Eindruck, alles sei gekünstelt, durchkonstruiert und ohne Selbstironie, er bleibt.

Dass die Britin genug für mehrere Bücher - nicht nur zu Misogynie - zu sagen hat, ist längst ausgemacht. Dass ihre Stimme dringend nötig ist, um jenes unbestimmt puddinghafte Gewabere in öffentlichen Debatten - nicht nur - um Frauenrechte zu sezieren: ebensowenig unbestritten. Darum ist "Babys machen" eines jener literarischen Debüts, bei denen man sehr gerne Vertrauensvorschuss gewährt. Weil offensichtlich ist, dass hier eine Autorin die passende Sprache noch sucht.

Man wünschte, sie hätte den Mut gehabt für einen Ansatz, den sie in einer der wenigen zauberhaft beobachteten Stellen so formuliert: "Die Leute reden darum herum, aber sie meinen es, zeichnen wortreich eine Linie um das Ungesagte, bis der Hohlraum deutlich konturiert ist." In der Story ist das als Vorwurf gemeint. Aber manchmal braucht es eben genau diese Hohlräume, damit neue Welten entstehen können.

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