Legendärer Germanist: Mittelalter-Spezialist Wapnewski gestorben

Er war einer der prägenden Intellektuellen der Nachkriegszeit: Mit Sprachmacht und viel Leidenschaft für die Literatur des Mittelalters wurde der Altgermanist Peter Wapnewski populär. Jetzt ist der Gründungsrektor des Berliner Wissenschaftskollegs im Alter von 90 Jahren gestorben.

Germanist Wapnewski (Archivbild von 2005): Zur Großansicht
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Germanist Wapnewski (Archivbild von 2005):

Berlin - Wapnewskis Nachfolger als Rektor des Wissenschaftskollegs, Wolf Lepenies, betonte in seinem Nachruf in der "Welt", das Wissenschaftskolleg habe dank Wapnewski Weltgeltung erworben. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, Wapnewski habe sich bleibende Verdienste um die Kultur- und Wissenschaftsmetropole Berlin erworben.

Peter Wapnewski galt als einer der angesehensten und bekanntesten Vertreter der Literaturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Manche nannten ihn einen der prägendsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Auch international genoss er hohe Anerkennung als Experte für die deutsche Literatur des Mittelalters und die Werke Richard Wagners.

Sein Ruf als beredter und sprachlich eleganter "Mittler des Mittelalters" mit Dichtern wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach reichte über Deutschland hinaus. Sein Heidelberger Kollege Dieter Borchmeyer nannte ihn einen "farbenprächtigen Paradiesvogel" in der "vielfach grauen Professorenwelt". Lepenies meinte, es habe wenige Gelehrte seines Ranges in Deutschland gegeben, "die einen Hattrick von einem Hackentrick unterscheiden konnten".

"Nobelmann der deutschen Literatur"

Viel Anerkennung fand Wapnewski als Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs in Berlin, das er von 1981 bis 1986 leitete und zu einer der bedeutendsten Einrichtungen seiner Art in der Welt machte. Es gibt nach dem Vorbild des US-"Institute for Advanced Studies" in Princeton in- und ausländischen Gelehrten jeweils für ein Jahr die Chance, sich abseits des Universitätsbetriebs auf ein Forschungsvorhaben zu konzentrieren. Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész erhielt dort die Nachricht von der Verleihung des Literaturnobelpreises.

"Nobelmann der deutschen Literatur" nannte der Kritiker Fritz J. Raddatz den Altgermanisten Wapnewski, der fundierte Sachkenntnis mit leicht lesbarer und auch hörbarer Prosa verbinden konnte. Davon zeugen nicht zuletzt seine populären Hörfunk- und Hörbuchreihen über das Nibelungenlied oder die Opern Richard Wagners ("Der traurige Gott", "Weißt Du, wie das wird...?"). Er sei aber keinem "Wahnfried-Wahn" verfallen, meinte Lepenies in der "Welt".

Der am 7. September 1922 in Kiel geborene Sohn eines Seeoffiziers hatte einen Philologie-Lehrstuhl an der Technischen Universität in Berlin (TU) und war zuvor ordentlicher Professor an der Uni Heidelberg, die Wapnewski als einen ihrer "großen Söhne" bezeichnet. Als einer der Vizepräsidenten des Goethe-Instituts nahm er die Institution gegen konservative Angriffe in Schutz.

Wapnewski war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Akademie der Künste in Berlin und erhielt unter anderem den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Zuletzt hatte Wapnewski 2005 und 2006 seine zweibändigen Memoiren veröffentlicht, deren Titel "Mit dem anderen Auge" auf seine schwere Kriegsverletzung anspielt, bei der er ein Auge verlor.

Auch diesem "Grandseigneur des Geistes" geschah es, dass "plötzlich die Wahrheit der Karteikarte" über ihn kam. 2003 machte ein Germanistenlexikon erstmals Wapnewskis NSDAP-Mitgliedschaft publik. So geriet der Germanist unversehens in den Mittelpunkt einer Debatte, die sich um Verdrängen, Vergessen und schmerzhaftes Erinnern drehte. Damals räumte Wapnewski ein, dass es für ihn und etwa auch Walter Jens einfacher gewesen wäre, "wenn wir vor 20 Jahren gesagt hätten: 'Ja, wir waren Parteigenossen, es war dumm.'"

Peter Wapnewski ist am Freitag nach langer Krankheit im Alter von 90 Jahren gestorben.

Wilfried Mommert, dpa

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