Lehrstück "Jáchymov" Die Hölle von Joachimsthal

Ein Eishockey-Torwart stirbt unter dem stalinistischen Regime an den Folgen eines Arbeitslageraufenthalts. Josef Haslinger erzählt Sportgeschichte als Weltgeschichte: Sein Roman "Jáchymov" ist der seltene Glücksfall einer literarisch gelungenen Doku-Fiktion.

Schriftsteller Josef Haslinger hat einen starken Roman geschrieben, in dem es um die Kontinuität des Widersinnigen geht, das jeder Diktatur innewohnt
DDP

Schriftsteller Josef Haslinger hat einen starken Roman geschrieben, in dem es um die Kontinuität des Widersinnigen geht, das jeder Diktatur innewohnt

Von Christoph Schröder


Nein, sagt der Portier im Hotel Radium Palace von Jáchymov zu dem Wiener Verleger Anselm Findeisen, es sei ausgeschlossen, hier noch ein Zimmer zu bekommen, da hätte man schon reservieren müssen. Außerdem sei heute tschechischer Nationalfeiertag. Was man denn feiere? "Die Unabhängigkeit von Österreich", merkt eine Dame spitz an; das würde man doch soeben vorgeführt bekommen.

Der Verleger tauft die Dame im Stillen "Struwwelpeter" - ihrer Haartracht wegen. Er geht gebückt, sie hält sich kerzengerade. Man beschließt, noch gemeinsam einen Kaffee zu trinken und kommt ins Reden. Was Struwwelpeter nun nach und nach erzählt, ist die Geschichte ihres Vaters; die Geschichte der Hölle von Joachimsthal. Sankt Joachimsthal, um genau zu sein, oder: Jáchymov, das älteste Radium-Sol-Heilbad der Welt, ehemaliger k.u.k.-Kurort, knapp zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland im Erzgebirge gelegen. Anselm Findeisen ist dorthin als Kurgast gereist, um dem rasanten Verlauf seines Morbus Bechterew Einhalt zu gebieten. Struwwelpeter dagegen sagt: "Ich wollte mir den Uranstollen ansehen, in dem die Kommunisten meinen Vater gequält haben, bis er am Ende an den Verstrahlungen starb."

Der österreichische Autor Josef Haslinger ist Mitte der Neunziger berühmt geworden mit seinem Roman "Opernball". In seinem neuen Roman erzählt er nun eine reale Geschichte: Struwwelpeter ist die Tochter von Bohumil Modrý. Modrý, Startorhüter der höchst erfolgreichen tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft, wurde vor dem Krieg als Nationalheld gefeiert, nach dem Krieg gemeinsam mit diversen Mannschaftskameraden als Landesverräter verurteilt und ins Arbeitslager Jáchymov verbracht, wo er im Dienste der russischen Atomindustrie Uran-Erz mit bloßen Händen aufsammeln musste. Fünf Jahre nach seiner Verurteilung wurde Modrý amnestiert; er starb 1963 im Alter von 47 Jahren an den Folgen der Verstrahlung. Modrýs Lebensgeschichte wird bei Haslinger zu einem Lehrstück über stalinistischen Irrsinn. Und mehr noch: "Jáchymov" ist der rare Fall einer literarisch gelungenen Doku-Fiktion.

Schreckensbilder der Vergangenheit

Auf Drängen des Verlegers Findeisen schreibt Struwwelpeter die Geschichte ihres Vaters auf - das Manuskript dient Haslinger jedoch nur als Rahmenhandlung. Denn zwischendurch wird Findeisens Lektüre des Manuskripts, zumindest im ersten Teil, immer wieder unterbrochen von den Erinnerungen an seinen eigenen Kuraufenthalt in Jáchymov, wo heute eine Gedenktafel an das Arbeitslager erinnert. Der morbide Charme des verfallenen Kurbades in der Gegenwart wird so mit den Schreckensbildern der Vergangenheit kontrastiert. Die Engführung könnte man beinahe zynisch nennen: Jene Radioaktivität, die Modrý das Leben gekostet hat, ist das letzte Mittel, um Findeisens Schmerzen in Grenzen zu halten. Vor allem aber gelingt es Haslinger, Sportgeschichte als Weltgeschichte zu inszenieren und zugleich die individuellen Auswirkungen der totalitären Machtwillkür aufzuzeigen. Man muss sich nicht ansatzweise für Eishockey interessieren, um umgehend in den Roman hineingezogen zu werden. Denn das Buch zeigt nicht, wie der Sport funktioniert, sondern wie der Sport im Dienst des Politischen funktionalisiert wird.

Ausgerechnet Modrý wird in den kommunistischen Nachkriegs-Aufbaujahren zum Bauernopfer einer Klassenjustiz. Modrý, der nach den Auslandsreisen der Nationalmannschaft immer brav zurückgekehrt ist, gerät wegen einer Nichtigkeit in die Fallstricke einer juristischen Posse, die er und seine Mitspieler zunächst gar nicht Ernst nehmen können und wollen. Von der Familie wird das zunächst mit Unglauben und Fassungslosigkeit begleitet; die Tochter allerdings ist Jahrzehnte später vor allem von Wut getrieben; Wut auf ein System, das für sie vollkommen unverständlicherweise vierzig Jahre lang überlebt hat. Um ihr Trauma abzuarbeiten, legt sie die Geschichte ihres Vaters und ihre eigene in einem geradezu nüchternen Protokollstil nieder. Verleger Findeisen wiederum hat seine eigenen Erfahrungen gemacht: Er wurde als DDR-Bürger in den siebziger Jahren wegen vermeintlicher Republikflucht verhaftet und vom Westen freigekauft. So schließen sich historische Kreise. Darum vor allem geht es auch Josef Haslinger - um die Kontinuität des Widersinnigen, das jeder Diktatur innewohnt. Dafür hat Haslinger eine starke Symbolfigur gefunden und über sie einen starken Roman geschrieben.

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athinai 05.09.2011
1. Großartiges Buch
Zitat von sysopEin Eishockey-Torwart stirbt unter dem stalinistischen Regime an den Folgen eines Arbeitslageraufenthalts. Josef Haslinger erzählt Sportgeschichte als Weltgeschichte: Sein Roman "Jáchymov" ist der seltene Glücksfall einer literarisch gelungenen Doku-Fiktion. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,784047,00.html
Ich habe dieses Buch von der ersten Zeile an großartig gefunden:Spannend , informativ und es fehlen die ideologischen Scheuklappen : Der stalinistische,d.h.der realexistierende Sozialismus wird in seiner ganzen Brutalität gezeigt.....und diese kam erst durch die samtene Revolution 1989 zu einem Ende.Davor die Schauprozesse um Slansky,die Tragödie des Prager Frühlings,an derem Ende die russische Okkupation stand. Sehr lesenswert.
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