Leif Randt, Jeffrey Eugenides, Oskar Roehler: Erst Middlesex, dann Meta-Liebe

Fast zehn Jahre nach dem Bestseller "Middlesex" legt Jeffrey Eugenides seinen neuen Roman "Die Liebeshandlung" vor - leider ein zwiespältiges Vergnügen. Leif Randt überzeugt mit "Schimmernder Dunst über Coby County". Oskar Roehlers "Herkunft" provoziert mit sexlastigem Blick auf BRD und Familie.

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Jeffrey Eugenides: "Die Liebeshandlung" ist erst sein dritter Roman

Wie liebt es sich auf der Metaebene? Jeffrey Eugenides' "Die Liebeshandlung"

"Die Liebeshandlung" ist der ehrenwerte, aber zwangsläufig zum Scheitern verurteilte Versuch, den englischen Titel von Jeffrey Eugenides' drittem Roman ins Deutsche zu übertragen: Im Original heißt das Buch "The Marriage Plot", was in der englischen Literaturwissenschaft so etwas wie eine Typbezeichnung für die Romane von Jane Austen und ihrer Zeitgenossen im 19. Jahrhundert ist: Einerseits dreht sich der Plot dieser Romane, die Handlung also, ums Heiraten; andererseits ist auf dem komplizierten Weg zum Erreichen des Ziels Heirat ein Komplott, eine Verschwörung vonnöten, was auf Englisch eben auch plot heißt.

Diese etwas umständliche Erläuterung ist nötig, weil Eugendides' Roman selbst eine Art Experiment ist, um zu überprüfen, ob man einen Marriage-Plot-Roman auch noch im 21. Jahrhundert schreiben kann. Seine weibliche Hauptfigur, die schöne, meistens tugendhafte und prinzipienfeste Madeleine Hanna, studiert Anglistik an einem Ivy-League-College; ihr Spezialgebiet sind eben die Liebesromane des 19. Jahrhunderts. Doch "Die Liebeshandlung" spielt in den Jahren 1982 und 1983, an den Universitäten sind Poststrukturalismus und Semiotik en vogue; über Austen, Henry James oder George Eliot lehrt nur noch ein alter Professor, dessen Seminar Madeleine besucht, weil er "ihr leidtat und die Leseliste so gut war." Diesem Professor legt Eugenides die These in den Mund, dass der Roman als Kunstform mit dem marriage plot seinen Höhepunkt erreicht habe und mit dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Ehe auch der Roman im Niedergang befindlich sei.

Madeleine ist verwickelt in eine Dreiecksbeziehung mit zwei Kommilitonen: zum einen ist da der aufregende, aber labile Biologiestudent Leonard Bankhead; zum anderen der zurückhaltende, suchende Theologiestudent Mitchell Grammaticus. In Leonard verliebt sich Madeleine Hals über Kopf; doch als sie ihm ihre Liebe gesteht, weist Leonard sie auf eine Passage von Roland Barthes hin, in der es heißt: "Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein 'Ich liebe dich' nichts mehr." Zu viel der Theorie für die ganz real Liebende, die Leonard das Buch an den Kopf wirft und ihn verlässt. Mitchell hingegen gelingt es nicht, Madeleine seine Liebe zu gestehen; er rutscht in die Rolle des verständnisvollen Freundes.

Eugenides' Experiment gelingt insofern, als dass die Spannung, für wen sich Madeleine entscheiden wird und ob diese Entscheidung, als sie einmal gefallen ist, die richtige ist, beim Lesen durchaus trägt. Er bedient sich, anders als bei seinen erfolgreichen vorigen Romanen "Die Selbstmord-Schwestern" und "Middlesex", dazu eines sehr konventionellen Erzählstils in der dritten Person; abwechselnd versetzt sich der Erzähler in die Psychologie der drei Figuren. Diese sind extrem eindrücklich charakterisiert, nicht nur Madeleines Liebeswirren folgt man bereitwillig, sondern auch Mitchells Sinnsuche, die ihn als Freiwilligen ins Sterbehaus von Mutter Teresa führt, und Leonards Kampf mit seiner manisch-depressiven Erkrankung.

Trotz des gefälligen, trocken-ironischen Tonfalls, in dem das geschieht, kommt allerdings ein gewisses Unbehagen immer wieder auf, wenn im Text die Hinweise auf die Meta-Ebene des marriage plots zu Zeiten der Postmoderne allzu klar eingestreut werden - als sage der Autor: Aufgemerkt, ich kann auch Theorie! Am Ende des Buches überlagern sich Meta-Ebene und Handlungs-Ebene dann derart glatt, dass aus diesem Unbehagen Unwille wird: Wir Leser sind doch gerne Versuchskaninchen in diesem Experiment; wir müssen nicht mit dem Holzhammer darauf hingewiesen werden, dass wir es sind. Felix Bayer

Buchtipp
Eines der interessantesten Bücher des Herbstes: Leif Randts "Schimmernder Dunst über Coby County"

Der Anfang verweist auf Bret Easton Ellis' Jahrhundertroman "Unter Null": das Treffen des Sohns mit der Mutter an einer Bar, die Drinks, der Small talk - doch wo Bret Easton Ellis den Schrecken hinter der Leere schildert, findet man in Leif Randts zweitem Roman "Schimmernder Dunst über Coby Country" nur Leere hinter der Leere.

Coby Country ist ein fiktiver Ort, von dem im Verlauf des Buches zumindest klar wird, dass er weder in den USA, noch in Europa oder Australien liegt. Eine Republik der glatten Oberfläche, deren Bewohner jederzeit eine Werbung für Polo Ralph Lauren schmücken könnten: "Er hat schmale Schultern und trägt ein Feinkordjackett, dazu helle Jeans und Wildlederboots." Dieser Ton erinnert an Christian Krachts Debüt "Faserland" - und tatsächlich hat der Stil Randts mit dem des jungen Kracht manches gemein: die leise Ironie, die Eleganz, das Faible für makellose Fassaden. Kracht allerdings war viel zu sehr Schüler von Bret Easton Ellis und New Wave, als dass er seinem Buch nicht eine deutlich moralische Grundierung verpasst hätte.

Randt, geboren 1983, ist entscheidende 17 Jahre später geboren als Kracht. Sein Buch, und das macht diese makellose Geschichte des jungen Literaturagenten Wim Endersson so bemerkenswert, ist in seiner Schilderung der Zustände viel subtiler. Man kann es sehr wohl als Parabel auf die bedrohte Sorglosigkeit einer Wohlstandsgesellschaft lesen: Wim wird von seiner Freundin verlassen, ein Unglück hält Coby County in Atem, schließlich droht eine Naturkatastrophe. Randt allerdings setzt all diese Anspielungen äußerst zurückhaltend in Szene.

Neben Thomas Melles "Sickster" ist sein Roman eines der interessantesten deutschsprachigen Bücher dieses sehr guten Literaturherbstes. Randt geht stilistisch ganz anders vor als Melle, gemeinsam aber ist ihnen die Frage, in welcher Welt die Unter-Vierzigjährigen eigentlich leben. Die großen Utopien sind längst abgehakt, doch anders als Kracht können die Protagonisten von Melle und Randt auch an Pop nicht mehr glauben. Da bleibt nicht viel mehr, als gut auszusehen (bei Randt) oder sich schonungslos wegzuschießen mit Drogen und Schnaps (bei Melle) - es könnte durchaus sein, dass diese Diagnose mehr über die Gegenwart aussagt, als es die Jury des Deutschen Buchpreises wahrhaben wollte. Sie hat weder Randt noch Melle auf ihre Shortlist genommen, sondern bevorzugt den sonor schnurrenden Historismus von Eugen Ruge oder Jan Brandt. Die von Simon Reynolds diagnostizierte Retromania ist in der deutschsprachigen Literatur längst angekommen. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Sex-Glosse trifft Therapie-Maßnahme: Oskar Roehlers "Herkunft"

Was wäre Oskar Roehler ohne seine Mutter? Ein ausgeglichener Mensch, der nicht jahrzehntelang in Therapie hätte gehen müssen und der heute keine düsteren Seelenpornos drehen würde. Kurz, Oskar Roehler wäre ein zufriedener Niemand. Aber zum Glück ist er ja der Sohn der 1992 verstorbenen Schriftstellerin Gisela Elsner, die einst mit imposanten Perücken und ebenso imposanten Auftritten zu einer der schillerndsten Figuren der Nachkriegsliteratengang "Gruppe 47" avancierte. Sie ist die Hauptfigur in Roehlers "Die Unberührbare", dem bisher besten Film des Regisseurs sowie einem der besten deutschen Filme aller Zeiten, und sie ist nun auch das negative Kraftzentrum seines ersten Romans.

Vordergründig erzählt Roehler in "Herkunft" eine Nachkriegsfamiliengeschichte über drei Generationen: Er erzählt vom Nazi-Opa, der entkräftet und entmannt aus Kriegsgefangenschaft heimkehrt, um eine Gartenzwerg-Fabrik aufzubauen; er erzählt vom Gartenzwergfabrikantensohn mit literarischen Ambitionen, der sich in eine Literatenfurie verliebt; und er erzählt vom ungeliebten Spross der beiden, der aufs Internat abgeschoben wird und Opfer geballter Lieblosigkeit wird. Also von sich selbst.

"Herkunft" muss man als Hybrid-Literatur lesen wie Charlotte Roches "Schoßgebete". Das Buch ist zum Drittel Roman, zum Drittel Sex-Glosse, zum Drittel unverblümte Therapie-Maßnahme in eigener Sache. Der Blick auf die eigene Familiengeschichte ist radikal ödipal. Immer wieder beschreibt Roehler den Sex seiner Roman-Eltern und den Nicht-Sex seiner Roman-Großeltern: eine Sittengeschichte der Bundesrepublik aus Schlüssellochperspektive.

Das ist natürlich ein sehr riskanter Erzählansatz. Zumal der sexualisierte Blick Roehlers auf deutsche Zeitgeschichte ja auch schon mal gründlich schiefgegangen ist. Wie er in seinem letzten Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" das Dritte Reich und dessen Zerstörungspotential als fatales Zusammenwirken von Triebkräften beschrieb, war einfach nur fahrlässig naiv. In seinem Roman aber gelingt es Roehler über Strecken, mit seinem intimen Ansatz - gerade weil er als solcher herausgestellt wird - interessante neue Aspekte über die alte Bundesrepublik zutage zu fördern. Etwa wenn er die kollektive sexuelle Unterversorgung Trümmerdeutschlands mit der Aufbau-Lust verbindet oder wenn er hinter dem Vereinigungswahn der 68er pure Versagerangst durchschimmern lässt.

Subtil ist das natürlich nicht. Aber wird aus Roehlers Roman deshalb gleich schlechte Literatur, so wie das deutsche Feuilleton bislang fast einhellig urteilte? Nein, keineswegs. "Herkunft" ist biografische Exploitation im besten Sinne. Schund mit Tiefgang. Christian Buß

Buchtipp

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