Leipziger Buchmesse Klimaforschen bei Rechtspopulisten und Manga-Eskapisten

Die Leipziger Buchmesse 2016 geht mit einem erneuten Publikumsrekord zu Ende - nach vier Tagen, in denen die Stimmung im Lande mit Lesungen und Diskussionen erfühlt wurde. Ein Rundgang zwischen "Compact" und Cosplayern.

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Querfront-Machtblock mitten in der Linksverlage-Multitude

"Compact"-Messestand in Leipzig
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"Compact"-Messestand in Leipzig

Irgendwo hinten in der Halle 5, kurz vor den Self-Publishern, reihen sich die winzigen Kabuffs der Kleinverlage aneinander, deren politisches Spektrum von links bis ganz links reicht. Von rot bis dunkelrot. Autonome, Anarchisten, Altkommunisten, ein ziemliches Gemisch kleiner Verlage, eine richtiggehende Multitude des linken Denkens, um das auch schon ein paar Jahre alte Schlagwort von Hardt/Negri aufzunehmen.

Doch inmitten dieser Vielfalt steht ein schwarzer Block, an der Hallendecke hängt der Wahlspruch "Nur die Wahrheit zählt". In symbolischer Nähe zu seinen ehemaligen Genossen hat sich der prominente Querfront-Mann Jürgen Elsässer mit seinem "Compact"-Magazin breit gemacht. Auf den Titelblättern wird Putin gefeiert, die AfD unterstützt und Merkel verspottet. Die Leute am Stand tragen schwarz, auch diese breitschultrigen Herren - Wachschutz statt Hostessen.

Am Donnerstag soll es von Seiten der Security zu einem rassistischen Akt gekommen sein. Die Sicherheitsleute hätten eine schwarze Autorin fotografiert, sagen die Menschen von den anderen Ständen. Auf Anfrage sagt ein Mitarbeiter des Verlags des Compact-Magazins: "Ich sage nichts". Ein Namensschild trägt er nicht, auch will er seinen Namen nicht verraten.

Schon in der Nacht vor der Messe-Eröffnung hatte es wegen Compact einen Anschlag auf die Messe gegeben, einige Fensterscheiben waren eingeworfen worden, meldet die Lokalpresse. Die Messe reagiert betont unaufgeregt. Zwei Polizisten kommen bei ihren Rundgängen immer mal wieder vorbei.

Ein erneutes Nachhaken beim namenlosen Compact-Mitarbeiter. "An mir ist da ... wäre Sämtliches vorbeigegangen, wenn da was passiert wäre - es gab dann ein kurzes Polizeigespräch", lautet die Aussage des Mitarbeiters.

Die kleinen Verlage haben sich währenddessen zusammengeschlossen: Jeden Tag wollen sie sich vor dem Compact-Stand treffen, mit Bannern und allem was dazugehört. Die Idee: Mit Sichtbarkeit gegen Sichtbarkeit. Aus diesem Grund sind schon viele der kleinen Stände mit Regenbogenfahnen dekoriert. Am Freitag gibt es eine Spontan-Protest-Aktion, am frühen Samstagnachmittag versammeln sich rund 200 Menschen zu einer kurzen Demo. Zurück bleiben kleine quadratische Zettel: "Wir sind Clausnitz/Freital/Heidenau - Wir sind geistige Brandstifter. Ihr Compact-Verlag".

"Musikantenstadl" im Manga-Look?

Originelle Verkleidungen
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Originelle Verkleidungen

Zwei Gebäude weiter und eine ganze Welt entfernt stehen auf der großen Bühne der Halle 1 zwei junge Frauen, die aus der Anime-Serie "Sailor Moon" Lieder singen und dementsprechend kostümiert sind. Weiße Socken, blauer kurzer Rock, Odango-Frisur. Sie singen auf deutsch. Rundherum hören viele junge Menschen zu. Die Lieder, die Gestik der beiden Künstlerinnen wirkt, als ob sie gerade auf der Bühne des Musikantenstadls auftreten wurden. Einziger Unterschied: Das Publikum klatscht nicht im Takt mit.

In Halle 1 haben sich alle Fans für die "Manga-Comic Con" zusammengefunden. Cosplayer, die ihre Lieblingshelden aus Comics und Mangas detailgetreu nachstellen, treffen sich ebenfalls hier und laufen auch durch die anderen Hallen durch. Das sorgt für schöne Irritationsmomente bei den anderen Besuchern. Selbst bei so hartgesottenen Szenen-Kennern wie Schorsch Kamerun, der sein Leben vom Dorfpunk zum Polit-Musiker, Pudel-Club-Aktivist, Theatermann leicht verfremdet zum Roman gemacht hat: Am Ende sei es ja doch Eskapismus, sagt er über die Mangakids, irgendwie fantasievoll, aber doch kulturindustriell durchbuchstabiert. Aber, sagt der Goldene-Zitronen-Mann: "Ich schau's mir trotzdem gern an."

Stimmungsbilder: Wie erhitzt ist unsere Demokratie?

Stets lässig im Auftreten: Heinz Bude
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Stets lässig im Auftreten: Heinz Bude

Mehr in Wallung brachte viele Besucher aber ein anderes Thema: Wie umgehen mit Rechtspopulismus? Dass die Wissenschaft zur Besonnenheit rät, verwundert kaum: Der Politologe Claus Leggewie diagnostiziert in einem Radiointerview vor Publikum, dass die politische Betriebstemperatur im Lande auf dem Wege von der "expertokratischen Unterkühlung" zur "populistischen Überhitzung" sei.

Wie sich die anfühlt, bekam Robert Koall von Nahem mit: Am Arbeitsplatz des scheidenden Chefdramaturgen des Dresdner Staatsschauspiels führten Montag für Montag die Pegida-Demonstrationen vorbei. Koall kann dem in seinen nun als Buch gesammelten Notizen auch Amüsantes abgewinnen ("Schauspieler" riefen die erbosten Bürger ihm zu, als sie ihn mit Bühnentechnikern auf dem Balkon des Hauses erblickten) - doch sein Fazit ist: Pegida vergiftet das Stadtklima.

Temperatur? Klima? Es geht noch vager: Der Soziologe Heinz Bude hat gleich ein ganzes Buch über "die Macht von Stimmungen" geschrieben. Als Katholik falle ihm da das Konzil von Papst Johannes XXIII. in den Sechzigerjahren ein, das eine Stimmung vom Öffnen der Fenster in die Welt getragen habe. Heute hingegen herrsche eher eine "Fenster zu"-Stimmung in der Bevölkerung, eine "Hierarchie des Hierseins" werde betont. Bude, stets betont lässig im Auftritt, rät zum entspannt sein mit den Stimmungen - und dazu, ab und an mal zu lüften.

Besser schreiben als gar nichts tun

Buchpreis zur europäischen Verständigung für Heinrich August Winkler (r)
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Buchpreis zur europäischen Verständigung für Heinrich August Winkler (r)

Und was machen die deutschen Schriftsteller? Irgendwas, im Zweifel schreiben. "Wie wir leben wollen" zum Beispiel. Eine von Matthias Jügler herausgegebene Anthologie zu dem Komplex Heimat, Fremde und Identität. Einer von den Autoren, die mitgeschrieben haben, ist Matthias Nawrat. Der hatte aber anfänglich nicht wirklich Lust mitzumachen und hat sich dann doch entschieden statt einem essayistischen, einen literarischen Text beizusteuern. Er wünsche sich eher ein konstruktives Gespräch, sagt er. Kollegin Lucy Fricke bekennt sich zur eigenen Hilflosigkeit, thematisiert sie im Text. Aber wenn dereinst gefragt werde, was man damals getan hat, 2015, wolle man ja auch nicht sagen: Gar nichts.

Den politischen Akzent hatte die Leipziger Buchmesse schon bei ihrer Eröffnung am Mittwochabend gesetzt, als die Festgäste angehalten wurden, Schilder mit der Aufschrift "Für das Wort und die Freiheit" hochzuhalten. Werte, für die auch der mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrte Heinrich August Winkler einsteht. Doch bei den zahlreichen Auftritten des Historikers um und auf der Messe regt sich immer wieder dann Beifall, wenn er die deutschen Möglichkeiten zur Aufnahme von Flüchtlingen als "nicht unbegrenzt" bezeichnet und findet, europäische Lösungen in der Frage hätten schon früher gesucht werden müssen, damals, im Sommer 2015, als Angela Merkel die Grenzen öffnete.

Eine Art Überraschungsstar: Politologin Ulrike Guérot
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Eine Art Überraschungsstar: Politologin Ulrike Guérot

Drei Jahre früher sieht Ulrike Guérot den entscheidenden Bruch, den Merkels Deutschland in Europa herbeigeführt habe: Indem es Europa damals in die Austeritätspolitik zwang, habe Deutschland sein Versprechen von 1989 gebrochen, seine eigene Integration immer mit der europäischen Integration einhergehen zu lassen. Die Uneinigkeit der Europäischen Union in der Flüchtlingsfrage sei die Quittung dafür.

Die Politikwissenschaftlerin möchte den Kant'schen Begriff vom "Weltgastrecht" stark machen und wirbt dafür, Europa als Republik neu zu gründen, im ganz emphatischen Sinne, so wie es im Französischen heißt, man würde für eine Republik auch sterben. Eine Utopie, ja, aber mit ihr und ihren Auftritten beweist Guérot, was Pathos und Poesie in der Wissenschaft ausmachen können - und wird so eine Art Überraschungsstar der Messe.

Am Stand der Bundesregierung, in der Kinderbuchhalle, berichtet die Leiterin der Bamf-Außenstelle Chemnitz, wie sie versucht, das Meiste aus ihren und unseren Möglichkeiten zu machen. Immer wieder warnt sie zwar vor Pauschalisierungen, doch die Einwanderer, die sich bei ihren Integrationskursen sogar in der Pause noch mit der Lektüre deutscher Zeitungen abmühen, lassen ihre Augen leuchten. Die Schüler am Messestand klicken sich derweil durch lehrreiche Quizfragen zur Bundespolitik.

Silver Surfer und Nicht-nur-Narzissten

Literaturpreis-Gewinner: Guntram Vesper
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Literaturpreis-Gewinner: Guntram Vesper

Wahrscheinlich weil das Thema Flucht überall sonst auf der Messe als Thema präsent ist, blieb es bei der Preisverleihung des Leipziger Buchmesse mehr oder weniger aus. Guntram Vesper gewann mit seinem Werk "Frohburg" den Literaturpreis. Er erzählt Geschichte um Geschichte rund um die sächsische Kleinstadt. Wie seine späte Neugeburt als "Silver Surfer" ihm erst die Textverarbeitungsmöglichkeiten für tausend Seiten Erinnerung eröffnete. Und, auf dem Podium der hiesigen Tageszeitung, wie man das Völkerschlachtdenkmal bei gutem Wetter vom Frohburger Nachbarort Sahlis aus sehen kann, zum Beispiel. In der Kategorie "Sachbuch/Essayistik" wurde das Thema schon bei der Liste der Nominierten ausgeklammert: Statt Flucht also Pferde, Essen, Klima, Weltenbummler und der Maler Adolph Menzel.

Geredet wurde auch über die anderen Bücher der Saison. Heinz Strunk liefert mit "Der goldene Handschuh" ein umstrittenes Werk, das entweder geliebt oder gehasst wird. Sozialporno? Milieustudie? Wenn man den stets selbstbewussten Autor fragt: ein Schreiben über Abgehängte in der Tradition von Fauser, Fichte, Bukowski, das in Deutschland lange niemand mehr gewagt habe. Nun ja.

Autorin Ronja von Rönne: Ständig präsent
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Autorin Ronja von Rönne: Ständig präsent

Auch die 24-jährige Autorin Ronja von Rönne war ständig präsent. Auf dem Cover ihres Romans "Wir kommen" ragt ein großes Streichholz zwischen einem diagonal getrennten blau-gelb Farbkontrast. Also bewarb der Aufbau-Verlag das Buch mit Streichhölzern auf der Messe, klar. Die Berliner Autorin schlägt sich derweil eloquent von Interview zu Interview durch. Ihre Ich-Erzählerin im Roman lebt eine Vierer-Beziehung aus, deren große Angst die Langeweile ist. Die Kritik preist von Rönne oft als neue Stimme einer Generation, dabei betont sie immer wieder, dass "Wir kommen" kein Generationenroman sei. Außerdem sei ihr Ich ein literarisches und diene nur zur Projektionsfläche. Es sei nicht Narzissmus - zumindest nicht nur.

Insgesamt kommen diesmal 260.000 Besucher zu den Veranstaltungen der Buchmesse, das ist neuer Rekord. Die meisten Leute kommen am Samstag, die Messe leitet sie mit Einbahnstraßenregelungen durch die Hallen. Darüber, wie man das Publikum erreichen kann, muss man sich vielleicht auch als Autor mit Verlagsvertrag Gedanken machen. Ganz sicher muss man es, wenn man sich für eine Veröffentlichung bei einem der immer zahlreicher werdenden Self-Publishing-Anbietern entschließt.

Der Prominenteste unter denen ist Amazon, an dessen Stand eine Runde über Methoden der Selbstvermarktung beim Self-Publishing debattiert. Die Autoren, die da sitzen, bilden eine Runde von erheblich bunteren Vögeln als man sie normalerweise auf Schriftstellerpodien sieht, der eigene Körper wird klar mit vermarktet. Versammelt hat sich aber auch eine ziemlich große Zuhörertraube: Die Self-Publishing-Szene hat ihre eigenen Stars, deren Namen Feuilletonlesern so wenig sagen wie die von YouTube-Gesichtern dem durchschnittlichen TV-Publikum.

Und wie auf der ganzen Messe gilt: Manches muss man ignorieren, denn es gibt zu vieles. Und anderes darf man einfach nicht ignorieren.

Anm. d. Red.: Die Compact Verlag GmbH aus München legt Wert auf die Feststellung, dass sie nicht der Verlag des im Beitrag erwähnten Magazins "Compact" ist. Was stimmt, denn dies ist die COMPACT-Magazin GmbH aus 14542 Werder.

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