Leipziger Buchmesse: Gebellt wird immer, gelesen nicht

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Vater-Morgana in Leipzig: Ob Sachbücher oder Belletristik - das Thema der Buchmesse sind Vaterbücher. Der Roman des Frühjahrs kommt von Michel Houellebecq. Der durchschaubarste Trend ist die Suche nach einer neuen Hegemann. Und Clemens Meyer kommt mit Hunden um die Ecke.

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Buchmesse in Leipzig: Lesen oder gelesen werden

Kurz nach Mittwochmitternacht ist er bei der traditionsreichen Großlesung in der Leipziger Moritzbastei aufgetreten, am Donnerstagvormittag war er zu Gast in einer Galerie. Mittags ging es in die Messehalle zur, witzig, witzig!, "Ausbild-Bar". Das ist während der Leipziger Buchmesse der "Treffpunkt für alle, die sich für eine Ausbildung in der Buchbranche interessieren". Nachmittags dann verleiht er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik an die Journalistin Ina Hartwig, es folgt eine weitere Lesung, dann eine Radiodiskussion, ein Lyrikvortrag in der Kleintierpraxis André Schlaubke - bei der Leipziger Buchmesse, so scheint es, geht nichts oder zumindest fast nichts ohne Clemens Meyer.

Einen neuen Roman allerdings hat Meyer gar nicht geschrieben. Fünf Jahre ist es her, dass sein Debüt "Als wir träumten" erschien; drei Jahre, dass er für seinen Storyband "Die Nacht, die Lichter" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. 2011 ist er lediglich als Übersetzer dabei, hat "Dir zu Füßen", einen Band mit "Gedichten von Hunden" ins Deutsche übertragen (erschienen bei Rogner & Bernhard) und ein Vorwort geliefert - für "Das Herz auf der Haut - literarische Geschichten über das Tattoo" (Mare).

Es geht eben auch ohne Roman. Auf der Leipziger Buchmesse 2011 eine durchaus entscheidende Erkenntnis. Die Welt mag gebannt auf die Katastrophe in Japan schauen - sie darf nicht unbedingt erwarten, dass der Roman dazu jemals erscheint. Egal, ob 11. September, Mauerfall oder Tschernobyl: Nur selten haben Schriftsteller den vielbeschworenen, großen Roman zu einem Ereignis der Weltgeschichte abgeliefert.

Anders als 1792, als Goethe persönlich die Kanonade von Valmy beobachtete und zum Ereignis von historischen Dimensionen adelte, beschäftigen sich die entscheidenden literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs zum Großteil mit Geschehnissen weit jenseits der Nachrichtenspalten. Keiner der fünf für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Belletristiktitel ist ein großer Roman.

Gebellt wird immer

Mancher Literaturverlag verdient sein Geld gleich mit genuin nichtliterarischen Titeln: Was wäre Schöffling zum Beispiel ohne seine Katzenkalender? Ein Buch mit Hundegedichten wirkt deshalb zumindest wie das Versprechen einer sicheren Rendite. Gebellt wird immer, gelesen nicht.

Vier Tage dauert die Buchmesse. 2150 Aussteller präsentieren in den beiden großen, gläsernen, schlecht gelüfteten Messehallen am Rande der Stadt ihre Neuheiten. 1500 Autoren tragen beim Begleitprogramm "Leipzig liest" in den Clubs und Lokalen der Stadt und auf dem Ausstellungsgelände aus ihren Werken vor. Anders als ihr Frankfurter Pendant mit den Verlagspartys und den in den Hinterzimmern feilschenden Agenten ist die Leipziger Buchmesse weniger ein internationales Branchenereignis. Sie wird von der Vielzahl von Lesungen geprägt - wer jemals auf einer Lesung war, weiß, nicht jeder große Schriftsteller ist auch ein großer Vortragskünstler. Und so dürfte die rekordverdächtige Zahl der Auftritte von Clemens Meyer weniger dem Umstand geschuldet sein, dass er Leipziger Lokalmatador ist - sondern vor allem der Tatsache: Kein anderer deutscher Autor bietet so unterhaltsame Auftritte wie er.

Gar nicht in Leipzig dabei ist Michel Houellebecq. Wenn er auch mit "Karte und Gebiet" (Dumont) den Roman des Frühjahrs geschrieben haben dürfte, auf den die meisten literarisch interessierten Leser gewartet haben. Nach dem grässlichen "Plattform" und dem missratenen "Die Möglichkeit einer Insel" ist "Karte und Gebiet" das Buch, bei dessen Lektüre man sich schon nach wenigen Seiten wieder im Klaren darüber ist, warum der Autor mit seinen frühen Werken eine derartige Begeisterung auslöste. "Karte und Gebiet", ein Roman über einen Künstler, ist reich an Houellebecq-typischen, beiläufig eingestreuten Gemeinheiten ("Die reichen Schwachköpfe"), trockenen Scherzen und nimmt zudem gehörig Fahrt auf.

Von welchem deutschsprachigen Schriftsteller könnte man im Frühjahr 2011 ein derartig gegenwartsgesättigtes Buch erwarten? Peter Handke verfolgt in "Der Große Fall" (Suhrkamp) seinen poetischen Sonderweg weiter, sich eher an den Gegebenheiten des ritterlichen Epos als am bürgerlichen Roman zu orientieren: Ein Schauspieler macht sich aus einem Vorort zu Fuß auf den Weg in die Metropole. "Der Große Fall" bietet zauberhafte Detailbeschreibungen und wird von einer geradezu magischen Ruhe getragen.

Hier wird's leicht eklig

Der eigentliche Höhepunkt deutschsprachiger Gegenwartsliteratur im Frühjahr 2011 aber ist ein Buch, das noch abseitiger ist als Handkes zu einer Geschichte gebundene Prosaminiaturen. Silvia Bovenschens "Wie geht es Georg Laub?" (Fischer), ein Text von weltliterarischer, ironischer Eleganz: Erzählt wird die Geschichte eines Schriftstellers. Der allerdings haust, anstatt zu schreiben, am allerspießigsten Rand West-Berlins. Toll, lustig, irr - für das gern beschworene größere Lesepublikum aber wahrscheinlich einen Dreh zu gewitzt. Auch deshalb vielleicht ist der derzeit international erfolgreichste deutsche Roman kein neuer Titel, sondern schon 65 Jahre alt: Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" - zuerst ein Bestseller in Großbritannien und den USA, nun erstmals ungekürzt bei Aufbau erschienen.

Silvia Bovenschens Figur Georg Laub erinnert ein wenig an die Stars der Popliteratur der Neunziger - der Absturz, den er hinter sich hat, dürfte anderen, hochgejubelten Jungautoren noch bevorstehen. Ganz eindeutig, das zeigen die Programme, haben sich die Verlage in diesem Frühjahr nach einer neuen Helene Hegemann umgeschaut - und bevorzugt Debütantinnen ins Programm genommen, die über die Krisen, Katastrophen oder gar, hier wird's leicht eklig, eine spezielle Einkommensquelle junger Großstädterinnen schreiben.

Heyne veröffentlicht in seiner vielsagend "Hardcore" benannten Reihe für lesende Hipster Constanze Peterys "Eure Kraft und meine Herrlichkeit". Es geht um die 15-jährige Anita und ihre Generation - deren Markenzeichen, so der Verlag, "der Exzess und die Sehnsucht nach Geborgenheit" ist. Bei Piper kommt Eva Lohmanns "Acht Wochen verrückt", die Geschichte von Mila, die "in die Klapse" kommt. BTB bringt "Alles Verbrecher" von Katharina Eyssen. Bei Eichborn erscheint Jamuna Devis "Jamuna" - eine 16-jährige Berlinerin im Escortservice. Migrationshintergrund inklusive!

Wo die Tochter das eine literarische Thema ist, ist der Vater das beinahe zwingende Pendant: Neben Arno Geigers autobiografischem "Der alte König in seinem Exil" (Hanser) erscheint postum "Veit", Thomas Harlans Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem Regisseur von "Jud Süß" (bei Rowohlt). Wolf Wondratschek hat "Das Geschenk" (Hanser) aus der Perspektive des Vaters geschrieben. Auch bei Houellebecq spielt die Vater-Sohn-Beziehung eine Rolle.

Im Sachbuch verarbeitet Helmut Kohls Sohn Walter in "Leben oder gelebt werden" (Integral) seine Kindheit im Kanzlerbungalow. SPIEGEL-Redakteurin Katja Thimm rollt in "Vatertage" (Fischer) eine, so der Untertitel, "deutsche Geschichte" auf: Kriegsväter, Kriegskinder, Kriegsenkel. Piper bringt Marie-Luise von der Leyens "Berühmte Väter und ihre Kinder", der Verlag Zabert & Sandmann "Mein Vater, mein Freund" von Arno und André Stern. Und auch der Heilige Vater ist auf der Leipziger Buchmesse mit einem neuen Buch präsent. Darin allerdings geht es um einen Sohn: "Jesus von Nazareth".

Fehlt nur noch der Heilige Geist - einen kleinen Moment bitte! Clemens Meyer ist gleich soweit.

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