RAF-Verschwörung Ins deutsche Herz der Finsternis

Ein verliebter Student wird zum Ziel einer RAF-Intrige - weil sein Onkel Nazi-Täter war: In "Das Lächeln der Alligatoren" erzählt Michael Wildenhain vielschichtig vom Terror-Herbst der Siebziger.

Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus, hier in Christian Petzolds Film "Die innere Sicherheit": Generationenkonflikt als Familienroman
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Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus, hier in Christian Petzolds Film "Die innere Sicherheit": Generationenkonflikt als Familienroman

Von Thomas Andre


Wenn Michael Wildenhain die berüchtigte Härte der RAF-Kämpferinnen darstellen wollte, dann gelingt ihm das in seinem Roman "Das Lächeln der Alligatoren" vorzüglich. Es ist Marta, die rätselhafte Schöne, die den ehemaligen Euthanasie-Arzt am Ende abknallt, während ihre männlichen Komplizen winselnd in der Ecke liegen. Die Szene wird vom paralysierten Erzähler beobachtet. Der Erschossene ist sein Onkel und Ziehvater, und er, der junge Matthias, hat hier die ganze Zeit überhaupt nichts gecheckt: Marta ist nicht nur seine Geliebte, sie ist eine Terroristin.

Kühne Volten, gedrängte Zeitgeschichte, eine literarische Reise ins deutsche Herz der Finsternis - Wildenhains neues Werk ist sicherlich der in mancherlei Hinsicht gewagteste Titel auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises, der im März vergeben wird. Wildenhain, Jahrgang 1958, ist ein profilierter Romancier und Dramatiker, der mit seinen Stoffen schon öfter das rote Jahrzehnt und den Deutschen Herbst thematisierte. In "Das Lächeln der Alligatoren" verdichtet er auf beeindruckende Weise die verhängnisvolle deutsche Geschichte - und schließt sie mit der privaten Geschichte seines Erzählers kurz.

Dieser Matthias wird in den drei Teilen des Romans als Teenager, als junger Mann an der Universität und als Universitätsprofessor gezeigt. In einer bemerkenswert spröden Sprache, die in Wildenhains eruptivem Erzählstil perfekt zur Geltung kommt, wird zunächst von einem Jungen erzählt, dem die Familie abhandenkommt. Der jüngere Bruder hat einen Unfall, der eine nicht genannte Krankheit nach sich zieht. Er ist fortan geistig behindert. Der Vater verlässt die Familie, die Mutter stirbt früh; der Bruder lebt in einem Heim auf Sylt. Der Protagonist schützt sich gegen das unbegreifliche Geschehen, indem er sich fühllos macht. Er distanziert sich vom Bruder, der in seiner eigenen Welt lebt, verliebt sich aber in dessen Pflegerin, die wenige Jahre ältere Marta. Er ist zu jung, die Annäherung bleibt folgenlos.

Dramatisch und überraschend

Später trifft er sie wieder. An der Uni, wo sich der begabte Student Matthias besonders für künstliche Intelligenz interessiert - Wildenhain inszeniert seinen Plot zunächst ganz als persönliche Traumabewältigungsgeschichte. Matthias lebt inzwischen bei seinem Onkel, einem Forscher, der sich ausgerechnet auf Kinderneurologie spezialisiert hat. Wegen seiner NS-Vergangenheit, von der Protagonist und Leser aber erst spät erfahren, gerät er auf die Tötungsliste der RAF, deren Geschichte mit einem Mal und ziemlich unvermittelt den Horizont dieses straff erzählten Romans bildet. Durch Marta, die sich selbstbewusst in der hochpolitisierten linken Szene des Berlins der späten Siebzigerjahre bewegt, kommt Matthias in Kontakt mit den militanten Revoluzzern.

Das kriminell-verblendete Milieu schildert Wildenhain in knappen Szenen. Am ungeheuerlichsten erscheint die Figur der skrupellosen Marta, die im ersten Romanteil noch als diejenige geschildert wird, die als einzige ein zärtliches Verhältnis zu dem behinderten Bruder aufbauen kann: Sie macht sich anscheinend hauptsächlich deswegen an Matthias heran, um Zugang zu dessen Onkel zu erhalten. Indem Wildenhain seinen Helden als ahnungslosen und verliebten Jungmann auftreten lässt, durch dessen Perspektive die Handlung geschildert wird, gibt er dem Roman eine überraschende Wendung nach der anderen. Das im letzten Romandrittel dramatische Geschehen bündelt den mörderischen Eifer der Radikalen wie in einem Brennglas.

In seiner Konstruktion erinnert "Das Lächeln der Alligatoren" unter umgekehrten Vorzeichen ein wenig auch an Bernhard Schlinks Bestseller "Der Vorleser". Die Täterin, diesmal keine NS-Verbrecherin, sondern eine irregeleitete Linksbeseelte, und ihr amouröses Opfer sehen sich vor Gericht wieder. Im abschließenden und kürzesten Teil des Romans ist der Erzähler längst erwachsen: Er reist noch einmal nach Sylt, wo sein Bruder immer noch lebt, mittlerweile aber auch wieder Marta. Sie versteckt sich hier.

Es ist ein engmaschiges Motivgeflecht, in das Wildenhain seine Figuren in "Das Lächeln der Alligatoren" verstrickt. Man nimmt ihm als Leser die unwahrscheinliche Geschichte des sozial unbehausten jungen Mannes ab, der in den Bann der gewalttätigen und langen deutschen Nachkriegszeit gerät, weil Wildenhain damit eine Einsicht der Historiker teilt: Demnach waren der Generationenkonflikt des 20. Jahrhunderts und die Geschichte der RAF und ihrer anverwandten Terrorvereinigungen im Grunde nichts als ein Familienroman.

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insgesamt 12 Beiträge
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steueragent 17.02.2015
1. Die RAF gibt es nicht mehr.
Der IS zeigt jedoch erstaunliche Parallelen auf in Bezug auf Fanatismus und dumpfem Hass auf die Gesellschaft verkleidet in einer Ideologie. Insofern müssen zur Bekämpfung derselben nur die alten Rezepte von damals hervorgeholt werden.
hartmannulrich 17.02.2015
2. So kann man es auch machen:
Den Linksterrorismus in einer großzügig ausgedehnten Nachkriegszeit aufgehen lassen, als Vergangenheitsbewältigung adeln und als Generationenkonflikt verharmlosen. In Wirklichkeit wurde keines der Opfer wegen seiner NS-Vergangenheit ausgesucht, die meisten hatten auch keine, ebensowenig wie die Täter NS-Väter hatten. Man sollte auch nicht vergessen, daß die ersten Anschlagspläne jüdischen Einrichtungen galten und mit Heinz-Herbert Karry auch ein "rassisch" Verfolgter getötet wurde. Von der Selektion in Entebbe ganz zu schweigen.
Bondurant 17.02.2015
3. Schade
Wegen seiner NS-Vergangenheit, von der Protagonist und Leser aber erst spät erfahren, gerät er auf die Tötungsliste der RAF, ... Hörte sich gut an, die Geschichte, aber niemand ist je auf die "Todesliste" der RAF geraten, (nur) eil er eine NS-Vergangenheit hatte. Ponto, Buback? Und bei Schleyer kam die Vergangenheit zwar zupass, aber Grund war seine Position als Repräsentant der Deutschen Wirtschaft.
reznikoff2 17.02.2015
4. Mein Gott
Wer soll sich denn für so einen langweiligen Schinken interessieren? Kommt die RAF demnächst als Soap? Müssen wir bald Altstudienräte retten, die sich im Dschungel der RAF-Mythologie verheddert haben?
kratzdistel 17.02.2015
5. es waren mörder
es gibt überhaupt keine Entschuldigung. die meisten täter kamen aus gutem hause.während der großteil der damaligen heranwachsenden und Mitschüler sich für die Demokratie entschieden wollten diese mit Terror ihre ziele gegen NATO, kapitalistenknechte erreichen.
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