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Alltagsdichter Jan Wagner: Die Adelung der Serviette

Von Thomas Andre

Lyriker Jan Wagner: "durchs fegefeuer der großwäscherei" Zur Großansicht
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Lyriker Jan Wagner: "durchs fegefeuer der großwäscherei"

Eine gute Entscheidung, den Preis der Leipziger Buchmesse erstmals an einen Lyriker zu vergeben. Wer Gedichte schreibt, sitzt nicht immer im Elfenbeinturm, sondern manchmal einfach nur im eigenen Garten oder zu Tisch.

Leipzig/Hamburg - Die Entscheidung, den Leipziger Buchpreis dem Dichter Jan Wagner zuzuerkennen, ist ein starkes Statement - für eine Textgattung, die selten im Rampenlicht steht und in den Verlagsprogrammen ein eher kümmerliches Dasein fristet.

Lyrik verkauft sich schlecht. Gefühlt ein Jahrhundert ist es her, dass die Ulla Hahns und Paul Celans auf den Bestsellerlisten standen oder Aufsehen erregten. Und wer heute an Gedichte denkt, der denkt an seine Deutschlehrerin, die einem Versmaße einbimste und manchmal gar Auswendiglernen für eine gute Idee hielt. Gedichte haben ein Imageproblem. Sie gelten als Liebhaberobjekte von Literaturstrebern.

Der Dichter Wagner, 1971 in Hamburg geboren, sitzt nun aber gar nicht im Elfenbeinturm. Sondern im eigenen Garten. Er betrachtet das Allgemeine, und was gäbe es Allgemeineres als diesen heimischen Garten, dem er in seinem aktuellen Band "Regentonnenvariationen" Gedichte mit Titeln wie "maulbeeren", "girsch" oder eben "regentonnenvariationen" widmet.

Als beharrlicher Arbeiter im Steinbruch der schönen Literatur hat Wagner in den vergangenen Jahren bereits so viele Auszeichnungen und Stipendien erhalten, dass man sie kaum zählen kann - was auch daran liegen mag, dass Gedichte ebenso wie Orchideen des Schutzes bedürfen. Dabei schützt Wagner die Gegenstände selbst davor, in der Sphäre des Profanen zu verharren. Wagner ist ein Wortsetzer, der das Tischgedeck nobilitiert - im "versuch über servietten": "liegen sie zerknüllt am tellerrand,/mit nichts als dem roten falter/aus lippenstift im innern; früh genug/schweben sie mit ihresgleichen/durchs fegefeuer der größwäscherei".

Das ist Alltagslyrik, deren Schöpfer vom Gegenstand aus dichterisch tätig wird - um dann auf das große Ganze zu sprechen zu kommen, Liebe, Freiheit, Tod. Wagners Gedichte sind Inseln der poetischen Konzentration: Nicht schnell konsumierbar, kontemplative Mittel gegen die digitale Bilderflut; wenn man so will, die Überwindung der Häppchenkultur aus dem Geist der (literarischen) Häppchenkultur.

Die Entscheidung, der Lyrik überfällig zu ihrem Recht auf Aufmerksamkeit zu verhelfen, wurde der Jury vielleicht auch leichter gemacht als früher, denn sonderlich stark war die Shortlist in diesem Jahr nicht. Ein Jubiläumsjahr musste 2015 nicht literarisch veredelt werden, next exit Wenderoman und Ostdeutschlandrevue diesmal also nicht.

Und so stach rein thematisch erst einmal nichts heraus. Man darf sich wie immer trotzdem fragen, ob nicht andere (Thome? Berg?) der Shortlist besser zu Gesicht gestanden hätte als die Ausgewählten, und muss so oder so feststellen, dass das Erzählen in der Saison 2014/2015 merkwürdig wenig oder merkwürdig viel will. Am ehesten hätte man sich unter den Erzählern Norbert Scheuer oder Ursula Ackrill als Sieger vorstellen können.

Allerdings muss man sagen: So speziell Scheuers Plot über einen ornithologisch interessierten Kriegsteilnehmer ist, so luftig und klischeeverhangen bleibt seine Front-Beschreibung. Der Krieg ist hier nur ein Trauma unter vielen, was dem Text einiges seiner existenziellen Wucht nimmt. Und bei Ackrills Siebenbürgen-Saga hat man es, bei aller Originalität, nicht nur inhaltlich mit einem Randphänomen, sondern auch formal mit einem entschieden widerborstigen Werk zu tun, einem Paradebeispiel narrativer Schwergängigkeit.

Bei Jan Wagner ist nichts unbequem. Seine Verdichtung in Miniaturen ist lebensnah und menschenfreundlich, er erweist sich als Virtuose des Verses und auch als Rächer derjenigen, die das Universum der Tweets für eine monströse Unternehmung zur Verstümmelung von Sprache halten.

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