Lena Dunham als Ratgeberin Mit folgenden Leuten sollten Sie nicht ins Bett steigen

Als Serienmacherin steht "Girls"-Star Lena Dunham unter Verdacht, nur ihr eigenes Leben wiederzukäuen. Mit ihrem autobiografischen Buch "Not That Kind of Girl" beweist sie nun, dass sie mehr kann - und bietet eine Nabelschau mit Nutzwert.

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Die Panikattacken, die besonders an faulen Nachmittagen zuschlagen; die Vorliebe für Körpergerüche; der erste Oralsex, der sich anfühlt, "als würde ein Kind, das nicht meines war, auf mir rumkauen" - an intimsten Offenbarungen aus allen Lebensbereichen mangelt es nicht in der autobiografischen Essaysammlung "Not That Kind of Girl" von Lena Dunham.

Inhaltlich schließt die 28-Jährige mit ihrem ersten Buch nahtlos an ihr bisheriges Werk an. Keine TV-Serie wurde in den vergangenen Jahren von der Kritik so für ihren rohen Realismus gefeiert, wie die von Dunham entwickelte Comedy "Girls": Vier Mittzwanzigerinnen aus New York leben dort seit drei Staffeln die prekäre Variante von "Sex and the City"; der Sex ist mal ungestüm, mal traurig, aber nie sexy, das Geld knapp und so mancher Bauch eher speckrollig.

Schon in der Serie war das Publikum ganz nah dran an Dunham, die auch die Hauptrolle spielte und viel Autobiografisches verarbeitete. Und wusste deshalb oft nicht, woran es eigentlich war. Arbeitete sich Dunham an einer Lebenswelt zwischen Zukunftsangst und Selbstverwirklichung ab - oder nur an sich selbst?

"Barbie ist entstellt"

Dass "Not That Kind of Girl" trotz ähnlichen Inhalts anders - analytischer und deshalb besser - als "Girls" funktioniert, liegt daran, dass Dunhams Essaysammlung als Ratgeber aufgezogen ist, und es dafür nach einer klaren Haltung verlangt. Ziel des Buches ist es, jungen Frauen - ganz allgemein - zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen.

So warnt Dunham eindringlich davor, sich auf Männer einzulassen, die Frauen neben sich nur als Schoßhündchen ertragen oder listet Menschen auf, mit denen man besser nicht in einem Bett schlafen sollte ("Jeder, der dir das Gefühl gibt, du seist ein Eindringling."). Zu ähnlichen Erkenntnissen sind viele Mittzwanzigerinnen zwar schon von selbst gekommen. Aber die, die es nicht sind, können die durchaus vernünftigen und trotzdem unpeinlichen Ratschläge vermutlich besonders gut annehmen, weil sie mit Dunham von einer der hippsten öffentlichen Stimmen der letzten Jahre kommen.

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Diskussion zum Staffelfinale: Zu viel Sex bei "Girls"?
In manchen Kapiteln fällt der Erkenntniswert allerdings überschaubar aus: Dunham druckt ihr zehnseitiges Diättagebuch ab, das zielsicher mit einem halben Glas Erdnussbutter endet, und sammelt Überlebenstipps im Stil von flüchtig amüsierenden Buzzfeed-Listen: Aus der Kategorie "15 Dinge, die ich von meiner Mutter gelernt habe": "Barbie ist entstellt. Solange dir das klar ist, darfst du ruhig mit ihr spielen."

Doch Dunham weiß das Banale auszugleichen - etwa wenn sie im verstörendsten Kapitel des gesamten Buchs beschreibt, wie sie als 19-Jährige nach einer Party von einem Mitstudenten vergewaltigt wird: "Der Refrain, der mir wie eine Art selbsttröstender Mechanismus in Endlosschleife durch den Kopf geht, ist: So machen das Erwachsene eben." Dass sie an anderer Stelle den eigenen masochistischen Lustgewinn anspricht, funktioniert als moralbefreite Differenzierung, die durch den unmittelbaren Erzählstil in "Girls" nicht möglich ist. Als Serienmacherin zeigt Dunham Sex oft ohne weitere Einordnung. Auch dann, wenn er im Grenzbereich zur Vergewaltigung stattfindet. Als Autorin schreibt sie : "Mein Vater ist ein echt netter Kerl, und trotzdem hatte ich mein Leben lang Fantasien, in denen das Bestraftwerden eine angenehme Rolle spielte."

Eine erschreckend durchgecoachte Jugend

Überhaupt: Wo das Autobiografische den Ratgeberton überlagert, offenbart Dunham eine differenzierte Selbsterkenntnis. Dass aus der Künstlertochter mit erschreckend durchgecoachter Jugend (Ernährungsberater, Therapeuten, Hellseher) - jedoch zugwandten Eltern - eine von Zwangsstörungen gebeutelte, aber unermüdlich kreative Frau wird, fügt sich als rundes Bild zusammen, ohne dass Dunham dafür Widersprüche in ihrer Persönlichkeit ausbügeln müsste.

Allein mit "Girls" würde Dunham für die Öffentlichkeit uninteressant, wenn irgendwann die Befindlichkeiten einer neuen jungen Generation den Diskurs beherrschen. Nach diesem Buch muss man sagen: Dunham hat die Wahl. In "Not That Kind of Girl" legt sie Anschlussstellen offen, von denen aus sie sich entwickeln kann - zu einer prägenden feministischen Buchautorin etwa. Mit wütender Intelligenz schreibt Dunham etwa gegen "Lichträuber" an, ältere, erfolgreiche Männer, "die dir viel mehr abnehmen als deinen Tanga auf der Rückbank ihres Lexus. Sie wollen deine Ideen."

Oder vielleicht wird aus Dunham ja auch noch eine poetische Filmemacherin, so behutsam, wie sie im Buch immer wieder spielerische Gedankensplitter aus dem eigenen Leben einstreut. In einer beiläufig berührenden Szene schildert sie, wie sie für die Kunstinstallation eines Freundes mit bloßen Händen einen Vogel einfängt: "Ich dachte, näher an ein nacktes schlagendes Herz kommt eine Nicht-Chirurgin nicht ran."

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