Leonard Cohens letzte Texte Bis alles besser ist als fabelhaft

Leonard Cohen ist tot, aber er hat frische Gedichte hinterlassen: "Die Flamme" zeigt Verse und Notizen voll nüchterner Weisheit. Es geht um die Liebe, um Risse, die das Licht einlassen - und um Kanye West.

Leonard Cohen (2008 bei einem Auftritt in Lörrach)
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Leonard Cohen (2008 bei einem Auftritt in Lörrach)

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Da dieser Text nur mit Soundtrack funktioniert, legen Sie am besten erst einmal die Musik zurecht. Vielleicht zum Auftakt diesen Song von einem seiner letzten Alben "Old Ideas". Danach, nur als Vorschlag, gern etwas Lebenshungriges, das mit jedem Takt betörendere "Take This Waltz". Und - um seine junge Stimme zu hören, leicht wie Aluminium - dieses Stück, von dem er sagte: "Es fühlt sich falsch an, diesen Song zu schreiben und davon auch noch reich zu werden."

Man hört Leonard Cohen und weiß: Er war ein Mann der Reduktion. Einer, der nicht viel brauchte, um alles zu sagen, was zu sagen ist. Die Instrumente: minimal und klar. Die Stimme: nur so viel Melodie wie nötig. Der Rhythmus: im Zweifel ein schlanker Walzer. Die Worte: so genügsam und sättigend wie Brot. In Cohens Minimalismus steckt eine Schönheit, die noch viel klarer wird, sobald man seinen nun erschienenen Versband "Die Flamme" aufblättert. Kein Feuer, nein, eine Flamme, das reicht zum Erhellen.

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Darin Gedichte, die letzten, die er bis kurz vor seinem Tod vor zwei Jahren schrieb; Songtexte seines letzten Albums "You want it darker"; und ein enormer Stapel an Auszügen aus seinen unzähligen Notizbüchern, die er zeitlebens mit sich herumtrug. Deren Zeilen - Faksimiles zeigen seine großzügig verteilte, fettschwarze Schrift - waren wie Skizzen, aus denen der ganze große Rest entstand.

Was die Worte, schwarz auf weiß, in diesem letzten Band noch viel deutlicher herausschälen: Da ist einer fest in seiner Spur, in der er Kreise zieht um alles, was fragil ist. Das Leben, die Liebe, das eigene Sein. Und die Frage, wie viel Zeit er noch hat, um alles noch einmal zu machen, vielleicht ja auch ganz anders.

Er wirft einem das Zerbersten von Ideen, Egos und aufflammender Lust in knappen Geschichten hin. Und vergräbt das ganz Große dabei zwischen ungemachten Betten und Lammkoteletts. Oder in nüchternen Szenen, etwa wenn er und seine letzte Liebe Anjani Thomas gemeinsam musizieren, "Und ich werde ihren Gesang verbessern / Und sie wird meinen Text verbessern / Bis alles besser ist als fabelhaft / Dann hören wir es an / Nicht oft / Nicht jedes Mal gemeinsam / Aber dann und wann / Bis ans Ende unserer Tage."

Kanye Wests Größenwahn, präzise zitiert

Cohen schafft es, dass sein Blick zurück auf sein Musikerleben, sein Unterwegssein, seinen multireligiösen Glauben und die Lieben, die er nicht genug besungen hat oder zu spät erkannte, dass dieser Abschied nie in Melancholie absackt. Weil das seine genügsame Sprache nicht zulässt. Weil der 82-Jährige mittendrin oft Schwung nimmt, den Takt anzieht. Und weil er dabei so entwaffnend unprätentiös ist, bis unter die Hutkrempe voll mit zarter Selbstironie: "Der Kurator gab dieser Ausstellung den Namen / Zu Worten gezogen. / Ich nenne meine Werke / Akzeptable Deko."

Die blitzt, wenn auch weniger zart, selbst in dem nach einem Diss-Rap-Battle klingenden Gedicht "Kanye West ist nicht Picasso" (Reinhören? Hier ) auf, in dem er die bekannten Megalomania-Sprüche von Kanye (und Jay-Z) erstaunlich präzise zitiert, sich mit Größen wie Picasso, Edison und Co. gleichzusetzen. Er persifliert diese Attitüde, indem er sie gnadenlos überhöht: "I am the Kanye West of Kanye West / The Kanye West of the great bogus shift of bullshit culture."

Unironisches Maulheldentum ist einfach nicht seins, wie allüberall in den Zeilen steckt: "Ich bin weder Heiliger noch Mörder: Ich liebe nicht und töte nicht. Ich mache Liebe und ich reiße Fliegen die Flügel aus", und überhaupt, er hinterlasse "einen Sack voll Risse", steht im Notizbuch. Durch die komme das Licht rein, sang er einst in "Anthem".

Vor allem hinterlässt er frischen Stoff, nun, da man sich gerade mit dem bitteren Gefühl arrangiert hatte, dass nichts Neues mehr kommt. Dieser Band ist so übervoll mit Cohens Texten, als habe man noch eine ganze Kiste nie gehörter Platten auf dem Dachboden entdeckt.

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Leonard Cohen:
Die Flamme / The Flame

Aus dem amerikanischen Englisch von Nora Bossong, Matthias Kniep, Nikolai Kobus, Simone Kornappel, Nadja Küchenmeister, Léonce W. Lupette, Christian Lux, Klaus Modick, Kerstin Preiwuß, Marcus Roloff, Ron Winkler, Katja Winter

Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 30 Euro

Zwölf Autorinnen und Autoren, jüngere wie ältere, haben sich an die Übersetzungen gemacht, darunter großartige Künstler wie Ron Winkler, Nora Bossong oder Klaus Modick. Man sei sich der "freundlichen Vermessenheit" dieses Unterfangens bewusst, heißt es im Vorwort. Aber, ach: Nicht nur, weil Cohens heilige Kargheit, also seine Essenz, offenbar vielen egal war; die Liste des völlig überkandidelten Vokabulars ist irre lang. Dazu kommen überraschende Fehler. Wenn ein Mann des Worts wie Cohen von "unspeakable suffering" schreibt, kann das nie "untragbar" werden, sondern muss "unaussprechlich" bleiben.

Zum Glück steht das Original immer direkt daneben. Und somit ist Leonard Cohens Können sichtbar, aus den schnörkellosesten Teilen des englischen Wortschatzes dunkle Walzer zu winden. Diesen Walzer, in dem sich der Körper automatisch wiegt, wenn man Cohen liest, Zeile für Zeile, Vers für Vers, beschwingt von seiner nüchternen Weisheit. Das Buch in der Hand als einziges Instrument, es genügt vollauf.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
panzerknacker 51 17.10.2018
1. Cohen
Cohen war ein Genie.
vulcan 17.10.2018
2.
Zitat von panzerknacker 51Cohen war ein Genie.
Wohl wahr - immer wenn ich eine seiner Platten aufgelegt habe, gehörte die Welt ihm. Das ist immer noch so.
schehksbier 17.10.2018
3. Leonard Cohen
wird sicher nicht so bald in Vergessenheit geraten. Seine Musik hat nichts von der ihr eigenen Faszination verloren und ich tue mich schwer, mich auf einen Favoriten festzulegen. Richtige Gänsehaut bekomme ich aber, wenn ich den Titel "You Want It Darker" höre, den er im Wissen um den nahenden Tod in seinem letzten Album gesungen hat. Leonard Cohen - für mich war er ein ganz Großer!
mcadamde 18.10.2018
4. Er und nicht Bob Dylan
Er und nicht Bob Dylan hätte den Literatur-Nobelpreis für seine (Song-)Texte, Gedichte und Lebenswerk verdient. Cohen war ein Poet. Ich bin glücklich, ihn auch live erlebt zu haben.
rudolfo.karl.von.wetterst 18.10.2018
5.
Einer, der einem ein Leben lang begleitet; auch nach seinem Tod
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