Literatur-Nobelpreis: Friedenspreisträger kritisiert Ehrung für Mo Yan

Höchste Auszeichnung für einen "Staatsdichter"? Der chinesische Regimekritiker Liao Yiwu hat die Entscheidung für den diesjährigen Literatur-Nobelpreis heftig kritisiert. Dem SPIEGEL sagte er, die Ehrung von Mo Yan sorge auch in seinem Heimatland für Irritation.

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Regimekritischer Autor Liao: "Ich bin fassungslos"

Liao Yiwu, chinesischer Dissident und diesjähriger Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, kritisiert in einem Interview mit dem SPIEGEL Mo Yan, den soeben gekürten Nobelpreisträger für Literatur.

"Ich bin fassungslos", sagte Liao, der am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis entgegennehmen wird. Mo Yan sei "ein Staatsdichter". Der Schriftsteller ziehe sich, "wenn es darauf ankommt,... in seine Welt der Kunstfertigkeit zurück". Er erhebe sich damit über die Wahrheit.

Seine Freunde in China, so Liao, fragten sich angesichts des Nobelpreises für Mo Yan, "ob sich der Westen als Verlängerung, als Erweiterung des chinesischen Systems" verstehe. Zuvor hatte bereits der Künstler Ai Weiwei die Auswahl kritisiert. Vor zwei Jahren hatte das Vergabe-Komitee noch eine andere Richtung eingeschlagen: Im Jahr 2010 war der inhaftierte Liu Xiaobo, ein scharfer Kritiker der chinesischen Regierung, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

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Mo Yan: Zwischen Phantasie und Wirklichkeit
Für den immerhin setzte sich nun Mo ein: "Ich hoffe, dass er seine Freiheit zurückgewinnt." Bereits am Freitag hatte sich der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger gegen Vorwürfe verteidigt, dem diktatorischen System zu nahe zu stehen. "Ich lebe und arbeite in China", sagte Mo. "Ich schreibe in China unter der Führung der Kommunistischen Partei. Aber meine Werke können nicht von einer politischen Partei eingeschränkt werden." Auch andere Länder hätten Zensur aus religiösen oder ethnischen Gründen.

"Natürlich gibt es keine absolute Freiheit in China, einen Roman zu veröffentlichen." Im Vergleich zu den fünfziger und sechziger Jahren sei man aber "überrascht", wie die Beschränkungen nachgelassen hätten. Schikanen durch das Regime sind ihm jedoch nicht ganz fremd: Sein Werk "Große Brüste breite Hüften" hatte in China regierungstreue Sittenwächter auf den Plan gerufen, die bemängelten, dass die Kommunisten nicht positiv genug beschrieben wurden.

Diese Meldung kommt aus dem neuen SPIEGEL. Hier können Sie das Heft ab Sonntag um acht Uhr kaufen.

sto/dpa

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