Dissident Liao Yiwu "Ein Schriftsteller sollte im Gefängnis gesessen haben"

Er gilt als Chronist Chinas: Liao Yiwu ist auch hier berühmt, seit er 2011 nach Deutschland geflohen ist. Jetzt hat der Friedenspreisträger seinen ersten Roman veröffentlicht. Ein Besuch in Berlin.

Liao Yiwu in Berlin
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Liao Yiwu in Berlin

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Ist es in Ordnung, einen, den man in Deutschland als "Dissidenten-Dichter" kennt, zu fragen, ob er sich als Dissidenten sieht? Oder ist die Frage blöd?

Liao Yiwu setzt sich auf die Terrasse seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg, er nippt an einem Jasmintee und blinzelt in die Septembersonne. Ab und zu kommt seine Tochter auf die Terrasse getapst, sie ist in Deutschland geboren und noch keine zwei Jahre alt. Ihr Spitzname ist "kleine Ameise".

Liao ist ein Star der Literatur-Szene, seit er 2011 aus seiner Heimat geflohen ist. Er gilt als Chronist des modernen China, der den Entrechteten und Verstoßenen eine Stimme gibt. Mehr als ein halbes Dutzend Bücher hat er auf Deutsch veröffentlicht, neben Lyrik vor allem Dokumentarisches. 2012 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt hat Liao ein neues Buch geschrieben, "Die Wiedergeburt der Ameisen" heißt es und ist im Fischer-Verlag erschienen.

Der Roman, so steht es im Vorwort, geht auf ein Manuskript zurück, das Liao 1992 zu schreiben begann, als er in China im Gefängnis saß. Am 4. Juni 1989, kurz nach der Niederschlagung der Studentenbewegung am Platz des Himmlischen Friedens, hatte er das Gedicht "Massaker" veröffentlicht und war deswegen zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Im Knast kritzelte er heimlich "ameisengleiche" Schriftzeichen auf Schmierpapier und schmuggelte das Geschriebene mithilfe von Besuchern nach draußen.

Mehr als 20 Jahre später und im fernen Berlin brachte er seinen ersten Roman schließlich zum Abschluss. Bemerkenswert ist, dass die deutsche Ausgabe die Erstausgabe ist. Bislang ist das Buch weder auf Chinesisch noch auf Englisch erschienen.

Eine chinesische Roadmovie-Groteske

"Die Wiedergeburt der Ameisen" erzählt die Geschichte Lao Weis, eines Alter Egos von Liao. Der Roman verwebt die fiktive Biografie Lao Weis mit der Geschichte Chinas. Herausgekommen ist ein grotesker chinesischer Roadmovie-Roman, der spielerisch die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realem und Surrealem verwischt. Es ist aber auch ein Roman von großem Humor, was nicht zuletzt daran liegt, dass Lao Wei einen herrlichen Anti-Helden abgibt.

Lao Wei hat politische Grundsätze, legt diese aber flexibel aus. Nach seiner Haftentlassung streicht er saufend und hurend durchs Land. Als er in Geldnot ist, schreibt er unter Pseudonym und in Anlehnung an die Mafia-Trilogie "Der Pate" die Groschenromane "Die Patin", "Der Patensohn" und "Der Patenenkel" und landet damit Kassenschlager. Er wundert sich, dass viele seiner ehemaligen Weggefährten aus der Demokratie-Bewegung gierige Geschäftsleute geworden sind. Aber aufs Missionieren hat er keine Lust. Als ihm ein Saufbruder weismachen will, dass ohne die Kommunistische Partei eine Milliarde Chinesen verhungern würden, zögert er mit der Antwort. Dann gähnt er herzhaft und gibt vor, betrunken zu sein.

Eine der eindrucksvollsten Szenen in dem von Karin Betz in dreijähriger Arbeit ins Deutsche übersetzten Buch spielt in einer Totengedenkstätte. Lao Wei und ein Freund wollen eine Trauerfeier für die Frau des Freundes abhalten, die sich selbst verbrannt hat, nachdem ihr Haus zum Abriss frei gegeben wurde. In der Gedenkstätte angekommen, erfahren sie, dass es Standard-, Ehren-, Superior- und Deluxe-Säle gibt. Es entspinnt sich ein aberwitziger Dialog, in dem ein als Rezeptionistin getarntes Marketingmonster versucht, den Männern eine Trauerfeier mit teurem Schnickschnack aufzuschwatzen. Als Lao Weis Freund im Gehen feststellt: "Sterben muss man sich leisten können", erwidert die Rezeptionistin: "Wenn Sie häufiger kommen, bekommen Sie einen Stammkundenrabatt." Selten ist Chinas Kopfsprung in den Kapitalismus pointierter beschrieben worden.

Dissidenten-Kult in Deutschland

Und dann heißt es plötzlich über Lao Wei: "Die Verbreitung des Gedichts hatte ihn zu einem kriminellen Konterrevolutionär gemacht. Im Ausland nannten sie ihn nun einen 'Dissidenten-Dichter'".

Ist das noch Beschreibung? Oder schon Kritik? Kritik an der Etikettierung, vielleicht sogar an dem Dissidenten-Kult, den man in Deutschland betreibt? Was es bedeutet, auf die Rolle des Dissidenten reduziert zu werden, konnte man ja an Ai Weiwei studieren. Der wurde lange gehypt, bis er Dinge sagte, die den Zeitungen nicht dissidentig genug waren. Dann wurde er abgewatscht.

Frage an Liao Yiwu: Sehen Sie sich als Dissidenten?

Liao setzt den Jasmintee ab und guckt irritiert. Er kennt die Debatte um Ai Weiwei nicht im Detail. "Natürlich bin ich ein Dissident", sagt er: "Das Gefängnis hat mich dazu gemacht."

Also keine Kritik an dem Etikett, das in Deutschland meist wichtiger als das Wort "Dichter" zu sein scheint?

"Ich finde, dass ein Schriftsteller im Gefängnis gesessen haben sollte. Außerdem sollte er einmal gefeuert worden sein. Und geschieden sollte er am besten auch sein."

Wie bitte?

"Über was will man denn sonst schreiben?"

Es mag ungewohnt klingen, aber Liao meint es ernst. Es gibt für ihn die eine Seite und die andere, und man muss sich entscheiden, zumindest wenn man Chinese ist. Mo Yan etwa, der 2012 den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam und anschließend die chinesische Internetzensur mit Sicherheitschecks an Flughäfen verglich, ist in seinen Augen kein Schriftsteller. Aus Prinzip. Da ist er, der ewige Streit darüber, wer als literarischer Vertreter Chinas zu gelten hat.

"Die Wiedergeburt der Ameisen" ist ein düsteres Buch geworden, aber am Ende scheint es fast, als bräche Liao sein eigenes Prinzip: es gibt Hoffnung. Lao Wei rennt - in der Provinz Sichuan hat gerade die Erde gebebt und einen Staudamm zum Bersten gebracht - einen Berg hinauf, als er auf dem Boden neben sich Ameisen entdeckt, "Hunderte, Tausende? Ach was, Millionen mussten es sein. (...) Sie laufen und laufen, bis ans Ende des Himmels."

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
humptata 04.10.2016
1. Ein Chronist?
Kennt Herr Kalkhof das Gedicht "Massaker" von Liao Yiwu? Wenn nicht: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81703481.html Dort lese ich: "Am 4. Juni 1989, mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, kommt der Wendepunkt: Die Worte fallen aus ihm heraus, "Massaker" entsteht. "Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, schießt auf die Straßenhändler! Knallt sie ab! Knallt sie ab! … Liquidiert die Blume, den Wald, den Campus, die Liebe, die Gitarre, die zu reine Luft! Liquidiert die Gedanken, die Gut und Böse begreifen wollen! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht!" " Wir wissen zwischenzeitlich, dass es am 04.06.89 auf dem Tiananmen keine Toten gegeben hat, Ein Chronist?
mariomeyer 04.10.2016
2. @Humptata
Zitat von humptataKennt Herr Kalkhof das Gedicht "Massaker" von Liao Yiwu? Wenn nicht: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81703481.html Dort lese ich: "Am 4. Juni 1989, mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, kommt der Wendepunkt: Die Worte fallen aus ihm heraus, "Massaker" entsteht. "Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, schießt auf die Straßenhändler! Knallt sie ab! Knallt sie ab! … Liquidiert die Blume, den Wald, den Campus, die Liebe, die Gitarre, die zu reine Luft! Liquidiert die Gedanken, die Gut und Böse begreifen wollen! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht!" " Wir wissen zwischenzeitlich, dass es am 04.06.89 auf dem Tiananmen keine Toten gegeben hat, Ein Chronist?
Werte(r) Humptata, ich kann mich, auch wegen Ihres sehr schönen Namen hier im Forum, bestens daran erinnern, in den letzten Tagen mehrere Ihrer Beiträge gelesen zu haben. Was alle diese Beiträge, wenn ich mich recht entsinne, zu einen scheint, ist Ihr Wunsch, die Leistungen des Regimes in Peking in ein positives Licht zu rücken oder Kritik an diesem Regime zu relativieren. Warum machen Sie das? Was motiviert Sie?
humptata 05.10.2016
3. Sehr geehrter Herr Meyer,
Zitat von mariomeyerWerte(r) Humptata, ich kann mich, auch wegen Ihres sehr schönen Namen hier im Forum, bestens daran erinnern, in den letzten Tagen mehrere Ihrer Beiträge gelesen zu haben. Was alle diese Beiträge, wenn ich mich recht entsinne, zu einen scheint, ist Ihr Wunsch, die Leistungen des Regimes in Peking in ein positives Licht zu rücken oder Kritik an diesem Regime zu relativieren. Warum machen Sie das? Was motiviert Sie?
Sie sehen also in meinem obigen Beitrag den Versuch, "die Leistungen des Regimes in Peking in ein positives Licht zu rücken oder Kritik an diesem Regime zu relativieren.". Nun ja. Lesen Sie ihn doch nochmal ganz langsam - ich habe dort das Gedicht "Massaker" zitiert, um zu zeigen, warum ich Liao Yiwu nicht als "Chronisten" sehe - ein Chronist ist meines Erachtens der Wahrheit verpflichtet. Soviel zu diesem Thread. Sodann zu Ihrer Frage, warum ich mich in den letzten Tagen mehrfach mit unerwartet regimefreundlichen Beiträgen in die Diskussion zu Chinathemen eingeklinkt habe: Der Grund ist einfach, ich bin der Meinung, dass das, was wir in unseren Zeitungen über China zu lesen bekommen, oder auch das, was uns die ÖR Rundfunkanstalten vermitteln, der Korrektur bedarf. Der Artikel, zu dem wir gerade kommentieren, ist ein gutes Beispiel. Ich kenne das heutige China ein wenig - ich habe einige Zeit dort gelebt und gearbeitet, ich habe Freunde dort, und ich bin der Meinung, dass "das Regime" einen recht ordentlichen Job macht. Keine Frage, es läuft noch lange nicht alles rund in China, aber die sind auf dem richtigen Weg, und das sollten auch Sie wissen.
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