Thriller "Die rote Agenda": Action, Motor und Sport

Von Maren Keller

Sportliche, scharfsinnige Männer, Verfolgungsjagden statt Ehekrach: Der Agententhriller "Die rote Agenda" ist weit entfernt vom Muff deutscher Krimis - er spielt ja auch in Italien. Und erweist sich als ideale Begleitlektüre zum James-Bond-Rummel.

Autorin Liaty Pisani: Königin, Meisterin oder Wiederbeleberin des Agententhrillers Zur Großansicht
Johnny Ricci/ Diogenes

Autorin Liaty Pisani: Königin, Meisterin oder Wiederbeleberin des Agententhrillers

Nachdem sein guter Freund ermordet, seine Wohnung aufgebrochen und durchsucht und ein Anschlag auf sein Leben nur knapp gescheitert ist, macht sich der alte Professor am Abend erstens einen Tee und zweitens Sorgen. Dazu hat er allen Grund. Denn ohne eigenes Zutun ist er in den Besitz eines der brisantesten Dokumente der jüngeren italienischen Geschichte gekommen, das zahlreiche mächtige Männer zu Fall bringen könnte.

Ein Schatz, hinter dem gleich mehrere Verbrecher her sind. Was nichts anderes heißt, als dass sie nun auch hinter dem alten Professor her sind. Und so kommt es, dass der alte Professor an diesem Abend mit den beiden Geheimagenten Stuart und Ogden in einem verwanzten Hotelzimmer sitzt, und nicht wie sonst in seiner Wohnung oder einem guten Restaurant, und sich fragt, wie er in diese fremde Welt geraten ist. Nicht einmal Ogdens Freundin Verena, die wie eine Tochter für den alten Professor ist, kann ihn beruhigen: "Die Welt, in der sich Ogden, Stuart und auch sie bewegten, musste dem alten Professor unwirklich wie ein James-Bond-Film erscheinen."

Denn es ist die Welt der geheimen Eliten, die hinter dem Vorhang der Weltbühne das Geschehen lenken. Es ist eine Welt, in der stirbt, wer einen Fehler macht oder das Pech hat, nur eine Nebenrolle zu spielen. Es ist eine Welt, in der die Männer dezent, scharfsinnig und sportlich sind. Eine Welt der Verfolgungsjagden und Übergaben, der Erpressungen und der Schalldämpfer. Es ist die Welt des besten Geheimdienstes der Welt, erschaffen von der Autorin Liaty Pisani, die abwechselnd als Königin, Meisterin oder Wiederbeleberin des Agententhrillers bezeichnet wird und deren neues Buch "Die rote Agenda" nun auf Deutsch im Diogenes Verlag erschienen ist. Die perfekte Lektüre für all jene, die das Kino mit Bond-Fieber verlassen und denen die "Tatort"-Kommissare allesamt zu viele Eheprobleme haben.

Keine Zeit zu verlieren

Denn Pisanis Meisterschaft besteht darin, sich radikal auf den Plot zu konzentrieren. Ihre Ermittler haben nicht nur keine Eheprobleme, Ogden hat noch nicht einmal einen Vornamen. Und Pisani hat keine Zeit zu verlieren. Ihre Geschichten sind so komplex, dass kein Platz bleibt für Atmosphäre oder innere Monologe. Handlung statt Hoffnungen. Und Action statt Abseitigem. Über das Aussehen der Figuren erfährt man keine zwei Zeilen. Alles was zählt, ist ihre Rolle im Plot, den Pisani wie kaum eine andere zu entfalten versteht. Weil sie einfach alles weglässt, was die Geschichte ohnehin nicht voranbringen könnte, geht es alle drei Seiten um eine noch allumfassendere, noch dunklere, noch geheimnisvollere Thematik, als man im letzten Kapitel für möglich gehalten hätte.

Denn auch das gehört zu Pisanis Meisterschaft: Sie schreibt über die großen Nachrichten-Themen. Über Sars und den Neofaschismus und russische Oligarchen. Und in diesem Fall über die Mafia. Denn bei dem Dokument, das den alten Professor so sehr in Bedrängnis bringt, handelt es sich um die Aufzeichnungen des Richters Paolo Borsellino über die Verwicklungen von Mafia und Politik. Anfang der Neunziger wurde der Richter durch einen Anschlag umgebracht, die Agenda war verschollen - bis sie im Briefkasten des alten Professoren liegt. Geschickt von einem Freund in London, der zu diesem Zeitpunkt schon längst tot ist. Wohlgemerkt wurde er nicht etwa erschossen oder erstochen, sondern garrottiert. Denn was bei aller Aktualität den Charme von Pisanis Büchern ausmacht, ist, dass sie in allen wichtigen Stilfragen sehr traditionell sind. In ihrer Agentenwelt halten nicht einmal Smartphones Männer davon ab, sich gegenseitig Telegramme zu schicken.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
Buchtipp

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 11/2012 Eine Nacht vor dem Fernseher mit Tom Schilling

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller

Facebook