Längst war die Dreierliaison im Freundeskreis zum Thema geworden - und Lotte, die Heiratskandidatin, war verzweifelt. Ihr sei zu Ohren gekommen, "Du liebtest mich nicht um meinetwillen, sondern Linen wegen", schrieb sie dem Verlobten einigermaßen verwirrt nach Jena, wo er inzwischen als Professor Geschichte lehrte, nicht zuletzt, um sich ein Einkommen als zukünftiger Ehemann zu sichern (was ihm freilich nicht gelang): "Der Schmerz verfolgt mich wie die Furien dem Orest, und beinahe verbittert er mir mein leben, wie sie es ihm thaten. Jeder helle Blick der frohen Zukunft, ist erloschen vor mir, in solchen Momenten, eng und arm ist meine Seele, und es ist mir als müßte ich mein ganzes Leben so zubringen."
Schiller konnte Lotte offenbar wieder beruhigen; die Hochzeit fand im Februar 1790 statt, Schwester Caroline immer dabei. Zunächst. Bald allerdings musste die Schwägerin - sie war ja weiterhin verheiratet und konnte nicht ewig in Jena bleiben - ihrer Schwester Lotte das Feld überlassen, einer Frau, die den jungen Ehemann offenbar von der ersten Minute an so geschickt umsorgte und verwöhnte, dass der Caroline nur noch matte und kaum überzeugende Beteuerungen seiner Liebe hinterherschickte. "Ich kann mir nicht sagen", schrieb er ihr im Mai 1790, "daß wir getrennt von Dir sind, so nahe fühle ich mich Dir."
Ein vertrackter Satz, der im Grunde schon die Distanz markiert, denn das "Wir" ist nun das junge Ehepaar - auch wenn es dann weiter heißt: "Eigentlich trennt doch nur die Seele, so wie nur sie allein verbindet." Und: "Du bist mein, wo Du auch mein bist."
Nur ein schwacher Trost dürfte es da für die derart Abgespeiste gewesen sein, daß Schiller über ihre Schwester, seine Frau Lotte, die er nun Lolo nannte, plötzlich wie über ein gemeinsames Kind spricht ("Lolo ist gar lieb, und ich mich freue mich so oft ich sie sehe, ihres lieben Daseins um mich"). Caroline kam über den Verlust nur schwer hinweg, bei Freundinnen giftete sie später gegen die Schwester: "Ich fühle ihn einsam, denn so innig gut Lotte ist, so ist's doch ein toter Umgang." Sich selbst warf sie vor, es sei eine Torheit, das Vergangene nicht vergangen sein zu lassen.
Nichts als Phantasien der geschmähten Schwester?
Caroline tröstete sich bald mit anderen Männern, ließ sich scheiden, heiratete neu, hatte Affären. Lotte, ganz Ehefrau, urteilte - lange nach Schillers Tod - streng über die Schwester: "Sie liebte so oft, und doch nie recht; denn wahre Liebe ist ewig." Gerecht war das nicht, denn auch Caroline erwies sich als treue Seele: Sie veröffentlichte 1830 die erste brauchbare Biografie über Schiller (ein zweiter Band des sehr erfolgreichen Buches erschien bald darauf) - und sie zog sich später auch keineswegs von ihm zurück, sondern hielt oft genug an seinem Kranken-, auch noch am Totenbett Wache.
In der Biografie zeichnete sie ein Idealbild ihres Schillers. Für die eigene Leidenschaft war darin kein Platz mehr. Es sollte nicht einmal mehr der Hauch eines Verdachts aufkommen. Also fälschte sie kurzerhand die an beide Schwestern gerichteten Liebesbriefe, aus denen sie zitierte, in Briefe einzig an Lotte um.
Spätere Zeugnisse der Verbindung von Schiller und Caroline fehlen ohnehin: Nahezu der gesamte Briefwechsel der beiden nach der Verlobung mit Lotte wurde gezielt vernichtet, wahrscheinlich von Schillers Tochter Emilie von Gleichen-Rußwurm (1804 bis 1872), kurz vor deren Tod. Wie lustvoll Caroline ihren Liebhabern schreiben konnte, weiß man so nur aus Briefen an andere Männer ("Mit Trauern sah ich meine geschwollene Lippe verschwinden, das letzte sinnliche Zeichen meines Glücks").
Für die Kaschierungs- und Vernichtungsaktionen dürfte es Gründe gegeben haben. Alexander von Humboldt jedenfalls, der es von seinem mit Schiller und den Schwestern befreundeten Bruder Wilhelm wissen könnte, behauptete 1847 (also Jahrzehnte nach der möglichen Affäre), Caroline habe erst mit Schiller und viel später mit anderen Liebhabern geschlafen.
An Versuchen, die Geschichte herunterzuspielen, hat es nicht gefehlt. In Greifswald wurde 1909 eigens eine Dissertation angefertigt, um zu beweisen, dass für Schiller ein "Doppelverhältnis" nie bestanden habe, vielmehr: "Es war eine Schöpfung von Carolinens Phantasie." Überzeugend gelang der Nachweis nicht. Seit es eine Schiller-Forschung gibt, streiten sich die Gelehrten darüber, ob da nun etwas zwischen ihm und der Schwägerin war oder nicht.
Familiäre Harmonie ersetzte die Leidenschaft seiner unbändigen Jugendjahre
Da es von Schiller keine Tagebücher gibt (außer einem ganz und gar auf praktische Arbeits- und Alltagsdinge gerichteten "Kalender"), da außer den Laura-Versen keine autobiografisch gefärbten Liebesgedichte existieren, ist man auf die erhaltenen Briefe verwiesen. In ihnen hat Schiller sein privates Dreiecksdrama, der Bühne würdig, hoch spannend inszeniert.
Die Ehe? Sie lief gut. Er schrieb schon wenige Tage nach der Hochzeit, als "8tägiger Ehemann", begeistert in einem Brief: "Was für ein schönes Leben führe ich jetzt." Sein Dasein sei in "harmonische Gleichheit" gerückt - es war so, wie er es sich früher schon ausgemalt hatte: "Nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gingen mir diese Tage dahin."
Vier Kinder sollte das Ehepaar Schiller haben. Die Ehe beruhigte ihn, ließ ihn arbeiten, er entbehrte nichts. Es blieben dem Paar fünfzehn gemeinsame Jahre, bis zu Schillers frühem Tod im Mai 1805. Es waren Jahre, in denen Schiller unermüdlich sein Werk vorantrieb, ein Werk, dessen sich - so hat Thomas Mann es formuliert - "ein bis ins biblische Alter reichendes Verbleiben" nicht zu schämen gehabt hätte.
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