Schwedische Autorin Lina Wolff "Wir erleben ein Erdbeben"

An diesem Sonntag wird in Stockholm der Literaturnobelpreis vergeben. Doch Schwedens Kulturwelt ist nach #MeToo-Enthüllungen in Aufruhr. Für die Schriftstellerin Lina Wolff ein gutes Zeichen.

Lina Wolff
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Lina Wolff

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Zur Person
    Lina Wolff, geboren 1973, hat lange in Italien und Spanien gelebt. Ihr Debütroman "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" schrieb sie in Valencia und Madrid. Es ist das erste Buch von ihr, das ins Deutsche übersetzt wurde. Heute lebt Lina Wolff in Schonen in Südschweden. 2016 erhielt sie für ihren zweiten Roman den Augustpreis, die wichtigste literarische Auszeichnung Schwedens.

SPIEGEL ONLINE: Frau Wolff, Sie sind Schwedin, aber Ihr Roman "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" spielt in Spanien und ist auch dort entstanden. Wie kommt das?

Wolff: Ich habe einen Spanier geheiratet. Unser Sohn kam noch in Schweden zur Welt, aber als er zwei war, zogen wir nach Spanien und lebten dort von 2001 bis 2007.

SPIEGEL ONLINE: Seitdem leben Sie wieder in Schweden? In Europa zumindest kann man ja vermutlich nicht viel unterschiedlichere Länder finden. Das Wetter, die Religion...

Wolff: Allerdings! Man kann versuchen, sie zu ignorieren, aber sie prägt so sehr. Wir haben damals viel darüber gesprochen, mein Ex-Mann und ich. So vieles ließ sich darauf zurückführen, dass ich in eine protestantische Kultur hineingeboren wurde und er in eine katholisch-arabische.

SPIEGEL ONLINE: Der Titel "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" bezieht sich auf ein Bordell, wo die Prostituierten sich Rüden halten, die sie quälen, wenn sie von Freiern schlecht behandelt wurden. Die Hunde heißen nach Schriftstellern. Warum gerade Bret Easton Ellis, der Autor von "American Psycho"?

Wolff: Das ist ja ziemlich offensichtlich: Er steht für ein äußerst gewalttätiges Schreiben, gewalttätig gegen Frauen. Ich wollte zeigen: Hallo, so sieht das aus meinem Blickwinkel aus, was du Buch für Buch immer wieder tust. Jemanden zu kritisieren, kann sehr harsch und langweilig sein. Doch als literarisches Spiel wird es zu einer Art Dialog, der Spaß machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Hauptfigur, eine Schriftstellerin, gibt darin ein Interview, in dem sie über bestimmte männliche Autoren sagt, sie schrieben "wie träge masturbierende Affen in überhitzten Käfigen." Später heißt es: "Das soll Literatur sein? Ein Haufen Wichser, die die Buchseiten mit Sperma vollspritzen?" Gemeint ist da ein Buch von Michel Houellebecq. Der spielt auch in Ihrem jüngsten Roman "De polyglotta älskarna" (Die polyglotten Liebhaber) eine größere Rolle. Verbindet Sie eine Hassliebe mit dem Autoren Houellebecq?

Wolff: Nein, wenn man jemanden hasst, kann man ihn in eine Folterszene hineinschreiben, ihm Arme und Beine abhacken - aber das ergibt keine gute Geschichte. Um die Literatur, die mir vorschwebt, schreiben zu können, brauche ich ein Gleichgewicht der Kräfte. Eine Art ritterlicher Anerkennung des Gegners. Das habe ich bei Houellebecq. Ich mag seine Botschaft nicht. Sie macht mir Angst. Wie er übers Altern von Frauen spricht, das ist fürchterlich zu lesen. Aber er ist sehr überzeugend.

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"Bret Easton Ellis und die anderen Hunde"

Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat

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SPIEGEL ONLINE: Viele männliche Leser schätzen an Houellebecq hingegen seinen Humor. Man erklärt sich das Verletzende weg, sagt sich, es sei ja Rollenprosa.

Wolff: Genau, wir brauchen verschiedene Lesarten, auch weibliche. Für wen schreibt man? Ich hätte gerne, dass Männern meine Bücher gefallen. Das ist mir wichtig. Ich möchte nicht, dass sie sich beim Lesen ausgeschlossen fühlen, weil sie Männer sind und nicht Teil des feministischen Diskurses, oder so. Wenn ich ein paar Gedanken auslösen kann, dann bin ich glücklich, dann habe ich mein Ziel erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Die schwedische Literaturszene ist zuletzt ziemlich durchgeschüttelt worden von den Enthüllungen über einen einflussreichen Mann aus dem Umfeld der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Er soll mehrere Autorinnen sexuell belästigt und genötigt haben. Kennen Sie den Mann persönlich?

Wolff: Ja, ich wurde in sein Forum eingeladen, letzten Herbst. Ich weiß, wer er ist. Ich kannte seinen Ruf, aber ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es so schlimm war. Man kann kaum glauben, dass er all das tat und dachte, er könne einfach weitermachen mit seinen normalen Aktivitäten. Aber dass er das dachte, sagt schon etwas über unser System. Und er ist nicht der Einzige.

SPIEGEL ONLINE: Ja, es scheint allgemein eine große Sache zu sein in Schweden.

Wolff: Monumental! Über 10.000 Frauen haben in irgendeiner Form "#MeToo" geschrieben, aus allen möglichen Bereichen. Es liegt wohl daran, dass die Frauen spüren: Sie sind nicht allein, wenn sie sich äußern. Es ist ein Erdbeben!

SPIEGEL ONLINE: In den USA geht die öffentliche Debatte nach Harvey Weinstein sehr stark über die Prominenz der Täter, während in Schweden die Opfer im Vordergrund zu stehen scheinen. Nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in klassischen Medien. Teilen Sie diese Wahrnehmung? Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wolff: Es verleiht den Aussagen jedenfalls Glaubwürdigkeit, wenn manche Frauen - nicht alle - sagen, wer sie sind. Schwer zu beurteilen, wie sich das von Land zu Land unterscheidet. Aber eine Theorie könnte sein: In Schweden ist es eben möglich. Diese Frauen haben viel Zustimmung erhalten. Fast die gesamte Gesellschaft hat ihnen ihre Unterstützung zugesagt.

SPIEGEL ONLINE: Der Feminismus scheint in Schweden gesellschaftlich so weit vorgedrungen zu sein wie in kaum einem anderen Land. Was wiederum zum Beispiel von der Alt-Right-Bewegung als Kritikpunkt genommen wird - nach dem Motto: "Schaut her, dies kann uns blühen."

Wolff: Da muss ich mein Land mal verteidigen! Zumal ich damals in Spanien Ähnliches zu hören bekam. Manchmal ist mein Land sehr mutig und tapfer. Nehmen wir die Immigration: Es mag Schwierigkeiten geben. Aber es gibt den Willen, Gutes zu tun. Idealistisch zu sein, was schwierig ist in einer postmodernen Welt. In romanischen Ländern käme man wohl nicht mal auf die Idee.

SPIEGEL ONLINE: Alles prima in Schweden also?

Wolff: Nein, wir sind nicht so offen, wie wir erscheinen mögen. Es gibt Strukturen wie die Schwedische Akademie, die jetzt dieses Erdbeben erlebt: Die gibt es schon seit rund 300 Jahren. Manchmal muss man Institutionen eben modernisieren, und in dem Bereich waren wir sicher nicht in der Avantgarde.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie noch Änderungsbedarf?

Wolff: Was wir jetzt sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir sind noch immer so blind in so vielem. Wir lassen uns von Fernsehserien berieseln, aber es wird noch sehr lange dauern, bis wir in diesem Bereich eine gleichwertige Wahrnehmung der Welt erreicht haben. 2012, glaube ich, wurden nur neun Prozent aller Filme und Serien von Frauen gedreht. Oder nehmen wir die Zurschaustellung des weiblichen Körpers, die Brutalität, der junge Frauen ausgesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie da konkret?

Wolff: In dem Dorf in Südschweden, wo ich aufgewachsen bin, verschwand, als ich 14 war, ein zehnjähriges Mädchen. Es war wie im schlimmsten Horrorfilm. Drei Tage lang suchte man nach ihr, dann fand man sie zerstückelt in einer Plastiktüte. Sie war die Schwester einer Freundin von mir. Wenn man das am eigenen Leib erfahren hat und dann diese Filme sieht, die so oft mit solchen Szenen anfangen, dann möchte man nur noch aufstehen und schreien: Warum tun wir das? Warum unternimmt da niemand etwas dagegen?

SPIEGEL ONLINE: Hat dieses Erlebnis Ihre Wahrnehmung von Kriminalgeschichten und -filmen verändert?

Wolff: Ja, weil ich es überall sehe. Ich habe mir das Versprechen gegeben, diese Sorte Geschichten niemals abgebrüht zu konsumieren. Wenn also ein Film beginnt mit dem brutalen Mord an einem Mädchen, dann schalte ich ab. Was natürlich dazu führt, dass ich einiges verpasse, von dem mir Leute sagen, es sei richtig gut. " True Detective" und all so was.

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