Lisa Kränzlers "Nachhinein": Rechts Standpauke, links Arschvoll

Von Thomas Andre

Schriftstellerin Lisa Kränzler: "Vollgesogen mit FALSCH" Zur Großansicht

Schriftstellerin Lisa Kränzler: "Vollgesogen mit FALSCH"

Unterschicht? Immer schön die Distanz wahren! Lisa Kränzler liefert mit ihrem Roman "Nachhinein" den radikalen Gegenentwurf zu Wolfgang Herrndorfs Road Novel "Tschick" - ihr bitteres, realitätsnahes Buch ist einer der Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ein kleines Nest im Süden, hier ist Normaldeutschland: Auf der einen Seite der Straße wohnt die Erzählerin, sie heißt Lotta. Oder Luisa. Auf der anderen Seite wohnt Jasmin oder Celine oder Justine. Die Erzählerin will sich nicht festlegen, festgelegt ist ja schon alles andere. Hier die Akademikermutter, dort die Arbeitermutter. Zwei Welten, ein Alltag, unbedingte Härte im Kontrast: "Hüben Lehrplan, drüben Schichtplan; da Eigenheim, dort Mietwohnung; rechts Standpauke, links Arschvoll. Frischobst und Frischluft und Kompost im Osten, Dosen und Kippen und Ascher im Westen."

So beschreibt Lisa Kränzler das in ihrem neuen Buch "Nachhinein", mit dem die 1983 geborene bildende Künstlerin und Autorinfür den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Nach "Export A" ist "Nachhinein" Kränzlers nächster Coming-of-age-Roman, er ist genauso unsentimental und bitter wie das Debüt. Und genauso gut, mindestens. "Nachhinein" erzählt wie der Vorgänger unter anderem die Geschichte einer Vergewaltigung, und nicht nur deswegen ist dieser unromantische Roman einer Jugend ein radikaler Anti-"Tschick".

Es geht um die Freundschaft zweier Mädchen, die in denkbar unterschiedlichen Milieus aufwachsen und zunächst spielerisch leicht Klassenschranken überwinden. Es ist eine Art nachgeschobene Empathie, mit der sich die Ich-Erzählerin an die Vorgänge von einst und die so andersartige Freundin erinnert: die gemeinsamen Nachmittage im Wald, das gemeinsame Entdecken der Sexualität, der gemeinsame Weg zur Schule. Dann der Riss, als nur sie aufs Gymnasium geht. Aus zweien werden zwei einzelne, und während die behütet aufwachsende Bürgertochter sehnsüchtig auf die Pubertät wartet und das Erblühen ihres Körpers, wird die andere von ihrem Vater missbraucht.

Kein Entrinnen

Die Erfahrungswerte der beiden Heranwachsenden fallen endgültig auseinander: Diese fährt mit ihren Eltern sechs Wochen nach Spanien, jene geht in ihrem Unterschichtenzuhause ein. Sie muss sich eine hohle Nuss schimpfen und vom eigenen Bruder begrapschen lassen - Schulversagerin, die sie ist; ihr Schicksal ist zum Gotterbarmen und wirkt doch nie wie das Stereotyp einer Deklassierten. Für das Ungeheuerliche findet Lisa Kränzler eine kraftvolle und originelle Sprache, man liest sie trotzdem nicht gerne: "Liegen bleiben. Immer nur liegen bleiben, auf feuchten Laken, vollgesogen mit FALSCH, angstverklebt, hassverkrustet, Glibbern zwischen ihren Beinen. Wunde, dunkle Gänge, angefüllt mit tausend Sporen. Sporen, die ihr Inneres befallen, die vielleicht Schichten bilden, grau-grüne, flaumige Schichten, wer weiß."

Der Freundin kann das traumatisierte Mädchen nicht begreifbar machen, was mit ihm geschieht. Deswegen reißt das Band der beiden Blutsschwestern vollends, und die Grausamkeit der Jungen zeigt sich wieder einmal in ihrer Ignoranz: Als die Kameradin nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie landet, verschanzt sich die, die ihr helfen müsste, in Egoismus und Selbstbezogenheit.

Die Erzählerin von "Nachhinein" ist schlauer als ihr jüngeres Ich, aber sie dichtet dieser eigenen moralischen Schrumpfversion gerade kein Wissen an, das diese nicht hat. Genau das gibt der Erfahrung des Mädchens eine existentielle Wucht. Aus dem eigenen Versagen gibt es kein Entrinnen, auch nicht im Nachhinein. Nur manchmal stattet Kränzler ihre Heldin mit einem Reflexionsniveau aus, das Heranwachsende so eigentlich nicht haben, das ist freilich oft ein erzähltheoretisches Problem von Entwicklungsromanen.

Am Ende ist "Nachhinein" auch eine Selbstanklage des standesbewussten, blasierten Bürgertums. Also der bildungsbesoffenen Elite ("Wer vor 20 oder nach 20.15 Uhr schon oder noch immer fernschaut, ist ein Prolet. So viel steht fest."), die sich schon immer so gut auf die Distanzwahrung zu den Unterprivilegierten verstanden hat.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen", Georges Simenon, ausgewählte Romane in 50 Bänden, Wsewolod Petrows "Die Manon Lescaut von Turdej", Tony Judts "Nachdenken über das 20. Jahrhundert", Birk Meinhardts "Brüder und Schwestern", Tom Wolfes "Back To Blood"und Victor Serges "Der Fall Tulajew".

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
testthewest 15.02.2013
Zitat von sysopUnterschicht? Immer schön die Distanz wahren! Lisa Kränzler liefert mit ihrem Roman "Nachhinein" den radikalen Gegenentwurf zu Wolfgang Herrndorfs Road Novel "Tschick" - ihr bitteres, realitätsnahes Buch ist einer der Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse. Lisa Kränzler: "Nachhinein" Rezension - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lisa-kraenzler-nachhinein-rezension-a-883367.html)
"Am Ende ist "Nachhinein" auch eine Selbstanklage des standesbewussten, blasierten Bürgertums. Also der bildungsbesoffenen Elite ("Wer vor 20 oder nach 20.15 Uhr schon oder noch immer fernschaut, ist ein Prolet. So viel steht fest."), die sich schon immer so gut auf die Distanzwahrung zu den Unterprivilegierten verstanden hat." Der Kulturbetrieb in seinem Elfenbeinturm erkennt nichtmal, wie paradox seine Aussagen sind. Es wird also ein Buch beschrieben, welches 2 Schichten vergleicht - und an der einen Schicht wird nichts gutes gelassen. Der "Arbeiter"-Vater ist also ein Vergewaltiger, der "Arbeiter"-Bruder ein Perversling, die "Arbeiter"-Tochter chancenlos. Die andere Schicht macht eigentlich alles richtig: Kümmert sich um die Bildung des Kindes, sorgt für eine schöne Kindheit usw. Dennoch das Fazit: Das "standesbewusste, blasierte" Bildungsbürgertum ist Schuld! Warum eigentlich? Weil man das Verhalten der anderen Schicht verachtet? Ist denn Kindesmissbrauch nicht verachtenswert? Ist nicht alles was dort dem "Arbeiter" angedichtet wird verachtenswert? Ist deshalb die Reaktion darauf nicht die einzig Richtige? Um nochmal ein Wort zur Realität zu sagen: Ich wohne als Akademiker auch zwischen Arbeitern. Doch weder ich, noch meine Nachbarn lassen ihre Kinder verlottern, es besteht normale Freundschaft zwischen den Nachbarskindern, egal aus welchem Haus, und auch sonst werden die genannten Klischees nicht erfüllt. Doch was bliebe dem Kulturbetrieb, wenn alles in Ordnung wäre?
2. Absolut richtig!
fk85 15.02.2013
Zitat von sysopUnterschicht? Immer schön die Distanz wahren! Lisa Kränzler liefert mit ihrem Roman "Nachhinein" den radikalen Gegenentwurf zu Wolfgang Herrndorfs Road Novel "Tschick" - ihr bitteres, realitätsnahes Buch ist einer der Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse. Lisa Kränzler: "Nachhinein" Rezension - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lisa-kraenzler-nachhinein-rezension-a-883367.html)
Ich werde mir das Buch kaufen und verschlingen. Der Vorwurf gegenüber der blasierten Bildungselite kann ich jeden Tag miterleben! Dieser letzte Satz im Artikel hat mich sofort an dieses Buch erinnert: Totgedacht-Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören! Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören: Amazon.de: Roland Baader: Bücher (http://www.amazon.de/Totgedacht-Warum-Intellektuelle-unsere-zerst%C3%B6ren/dp/3935197268/ref=pd_sim_b_2)
3. ja
henrywotton 15.02.2013
dem ersten kommentator kann ich mich nur anschließen. schön wäre mal ein buch über abgründe einer vermeintlich heilen welt. es gibt auch akademikereltern, die ihre kinder misshandeln, man zupft dann halt den weißen kragen vorm geigenuntericht ein bisschen höher, damit keiner die blauen flecke sieht. von den emotionalen geißelungen einer kindheit im goldenen käfig gar nicht zu reden. ich habe jedenfalls keine lust, das buch zu lesen, wenn es nur vorurteile über arbeiterfamilien schürt. denn da gibt es vielleicht nicht immer geld, aber oft mehr liebe und respekt vor dem individuum als in oberschichtfamilien, die nur profillose porzellanpüppchen züchten wollen.
4.
Ahda 15.02.2013
Zitat von henrywottondem ersten kommentator kann ich mich nur anschließen. schön wäre mal ein buch über abgründe einer vermeintlich heilen welt. es gibt auch akademikereltern, die ihre kinder misshandeln, man zupft dann halt den weißen kragen vorm geigenuntericht ein bisschen höher, damit keiner die blauen flecke sieht. von den emotionalen geißelungen einer kindheit im goldenen käfig gar nicht zu reden. ich habe jedenfalls keine lust, das buch zu lesen, wenn es nur vorurteile über arbeiterfamilien schürt. denn da gibt es vielleicht nicht immer geld, aber oft mehr liebe und respekt vor dem individuum als in oberschichtfamilien, die nur profillose porzellanpüppchen züchten wollen.
Die von Ihnen geforderten Bücher gibt es doch regalmeterweise. Und verlangen Sie jetzt von mir keine Titelliste, denn die werde ich nicht liefern. Die müssen Sie schon selbst finden. Das ist aber nicht so schwer.
5. nach der Beschreibung im Artikel
gekreuzigt 15.02.2013
[QUOTE=sysop;12023815]Unterschicht? Immer schön die Distanz wahren! Lisa Kränzler liefert mit ihrem Roman "Nachhinein" den radikalen Gegenentwurf zu Wolfgang Herrndorfs Road Novel "Tschick" - ihr bitteres, realitätsnahes Buch ist einer der Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse. langweilig, einfältig; möchtegernbetroffenes Gutmenschengedöns. Da ist die Reaktion der ach so intellektuellen Kritikerkaste vorhersehbar. Ich werde diese offenbar platte Geschichte nicht lesen.
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