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20. Februar 2005, 12:12 Uhr

Literaten-Quartett

Zocken mit Hesse und Handke

Von Timo Hoffmann

Handke kontra Grass, Hesse versus Stuckrad-Barre: Im vergangenen Herbst brachten Hamburger Literaturfans das erste Schriftsteller-Quartett auf den Markt; die 3000 Exemplare des Kartenspiels waren schnell verkauft. Zur Feier der zweiten Auflage setzten die Erfinder John von Düffel und Harry Rowohlt an den Zockertisch.

Quartett-Fans von Düffel und Rowohlt in Hamburg: "Der Literaturbetrieb geht ironisch mit sich selbst um"
Timo Hoffmann

Quartett-Fans von Düffel und Rowohlt in Hamburg: "Der Literaturbetrieb geht ironisch mit sich selbst um"

Der eine von ihnen hat Auszeichnungen für seine Übersetzungen von Titeln wie "Pu der Bär" und "Die Asche meiner Mutter" eingeheimst. Er war Kolumnist der Wochenzeitung "Die Zeit". Feuilletonisten schwärmen von seinen abschweifenden Lesungen. Der andere hat bereits mit 23 Jahren über Erkenntnistheorie promoviert. Kürzlich hat er seinen viel gelobten vierten Roman "Houwelandt" veröffentlicht. Er ist Dramaturg am Hamburger Thalia Theater. Nur eines hat jeder Zwölfjährige den beiden Sprachtalenten Harry Rowohlt, 59, und John von Düffel, 38, voraus: das Beherrschen der simplen Regeln eines Quartettspiels.

Rowohlt mogelte

Zum Erscheinen der zweiten Auflage des "Literaten-Quartetts" versuchten sich der Verleger-Sohn und der "Aspekte"-Literaturpreisträger am Dienstagabend zusammen mit dem Autoren Frank Schulz ("Morbus fonticuli") auf der Bühne des Hamburger "Mandarin"-Kasinos als Zocker - ein hoffnungsloses Unterfangen. Zunächst diskutierten sie ausgiebig, ob in der Kategorie "Alter" nun eine Spielkarte mit einem frühen oder späten Geburtsdatum mehr Wert sei. Dann erörterten sie, ob in der Rubrik "Lesbarkeit" ein möglichst einfacher oder ein komplizierter Stil zum Gewinn der Runde führe. Als es kurzzeitig doch noch zu einem Spielfluss kam, fing Rowohlt auch noch an zu mogeln - unwissentlich, wie er behauptete. Immerhin Kollege Schulz erwies sich als quartetterfahren: Souverän wartete er mit dem sagenhaften Google-Ergebnis von Karl Marx auf: 366.000 Einträge. Kontrahent von Düffel musste mit William Shakespeares respektablen 341.000 Suchmaschinen-Nennungen auf der Hand knapp passen.

Die sechs Kategorien des Quartetts bringen spielend noch mehr Erstaunliches zu Tage: Charles Bukowski führt das Feld bei der Anzahl der Veröffentlichungen mit 40 Werken vor Shakespeare (38) und Gertrude Stein (31) an - obwohl Bukowski in der Rubrik "Alter bei Erstveröffentlichung" mit 40 Jahren erst als zweitspätester der teilnehmenden Autoren sein Literatur-Debüt feierte. In der Kategorie "Geburtsjahr" hängt Shakespeare (1564) dagegen Jean Paul (1763) und Edgar Allan Poe (1809) weit ab. Mit den nach Ansicht der Quartett-Erfinder wohlhabend gestorbenen Autoren Henrik Ibsen, Hermann Hesse und Marcel Proust lässt sich in der Rubrik "arm/reich" auftrumpfen. In Punkto Lesbarkeit kommen John von Düffel, Karen Duve und Ernest Hemingway (neun von zehn Punkten) besser weg als Peter Handke (zwei Punkte) und Karl Marx (ein Punkt).

"Ohne den Ernst der Germanistik"

Hamburger Literaturclub Macht e.V.: "Aus einer Bierlaune heraus"
Macht e.V.

Hamburger Literaturclub Macht e.V.: "Aus einer Bierlaune heraus"

Veröffentlicht wurde das "Literaten-Quartett" nur durch einen Zufall. Der Hamburger Literaturclub Macht e.V. hatte im Oktober 2003 "aus einer Bierlaune heraus" ein paar fiktive Quartettkarten mit Schriftstellern in seiner schwarz-weißen Vereinszeitung veröffentlicht. "Wir hatten alle seit 20 Jahren kein Quartett mehr in den Händen und wollten das ändern", erinnert sich der Kurzgeschichten-Autor und "Macht"-Illustrator Dierk Hagedorn. "Ziel war, ohne den Ernst der Germanistik an die Sache heranzugehen." Der kleine Nautilus-Verlag sah das Heft und witterte auch wirtschaftliches Potenzial. Hagedorn gestaltete 32 Spielkarten. Seit der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2004 sind sie für 8,90 Euro im Handel erhältlich. Im Nu waren die ersten 3000 Exemplare ausverkauft. Dass große Literaten wie Goethe, Schiller, Mann, Tolstoi, Joyce, Kafka und Böll fehlen, erklärt Hagedorn mit "strenger Willkür".

Die mitunter in bissige Kategorien wie "Hässliche Vögel", "Reaktionäre", "Säufer" und "Umgebrachte" eingeteilten Schriftsteller selbst sind von dem Spiel immerhin begeistert. "Das Quartett zeigt, dass der Literaturbetrieb auch spielerisch und ironisch mit sich selbst umgehen kann", jubelt von Düffel. Dass der nach eigenen Angaben "wohl passionierteste Schwimmer unter den lebenden Autoren" unter der Rubrik "Nichtschwimmer" eingeordnet wurde, gefällt ihm besonders. Karen Duve und Roger Willemsen waren ebenfalls angetan, behauptet Hagedorn. Der 75-jährige Peter Rühmkorff habe das Projekt allerdings "nicht mehr so ganz verstanden".

Renaissance des Quartettspiels

Illustrator Hagedorn: Arbeitet bereits an einem Nachfolger - einem Musiker-Quartett
Macht e.V.

Illustrator Hagedorn: Arbeitet bereits an einem Nachfolger - einem Musiker-Quartett

Bei Jüngeren scheinen die guten alten Quartette inzwischen generell eine Renaissance zu erleben. Die Zeiten, in denen präpubertäre Jungs sich an Höchstleistungen von Autos, Motorrädern, Schiffen und Flugzeugen ergötzen, sind dennoch vorbei. Stattdessen werden andere Vergleiche gezogen: Das Berliner Bolz-Magazin "Elf Freunde" hat kürzlich ein Fußballstadien-Quartett herausgebracht. Hannoveraner Designer haben ein Kartenspiel mit Berliner Dönerbuden veröffentlicht. Studenten seien die Zielgruppe für so etwas, glaubt Hagedorn. Die meisten der neuen Quartette findet er allerdings "ziemlich lieblos".

Der Nachfolger seines Literatenspiels soll da mehr Stil beweisen: Es wird ein Musiker-Quartett und soll im Herbst erscheinen. Karten von Britney Spears, Elvis Presley, Kurt Cobain und Walter von der Vogelweide zeichnet er bereits. "Danach", verspricht Hagedorn, "hat es sich aber wirklich ausquartettet".

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