Literatur Bestseller-Autor Dietrich Schwanitz ist tot

Ob literaturwissenschaftliche Studie, Campus-Roman oder Bildungsbestseller: Souverän bewegte sich Dietrich Schwanitz zwischen den Genres. Nun ist der Schriftsteller und Gelehrte im Alter von 64 Jahren gestorben.


Dietrich Schwanitz: Zwischen Forschung und Bestseller-Ruhm
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Dietrich Schwanitz: Zwischen Forschung und Bestseller-Ruhm

Freiburg - Polizisten fanden die Leiche des 64-jährigen Autors und Literaturwissenschaftlers am Dienstag in seiner Wohnung in Hartheim im Hochschwarzwaldkreis, wie die Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion Freiburg, Karin Simon-Immel, heute erklärte. Die Todesursache sei unklar, Fremdverschulden könne man derzeit aber ausschließen. Schwanitz sei krank gewesen; es wurde eine Obduktion angeordnet.

Nach Angaben der Polizei hatte ein Nachbar die Polizei informiert, weil er längere Zeit nichts mehr von dem zurückgezogen lebenden Autor gehört hatte. "Zuletzt wurde Schwanitz am 6. Dezember lebend gesehen", sagte Simon-Immel. Seine Ehefrau lebe woanders. Als die Beamten am Dienstagvormittag in die Wohnung eindrangen, fanden sie die Leiche.

Schwanitz wurde am 23. April 1940 in Werne an der Lippe, Westfalen, geboren, verbrachte nach Angaben des Eichborn-Verlags seine Kindheit bis zum elften Lebensjahr bei mennonitischen Bergbauern in der Schweiz ohne Schulbesuch "und wurde nach seiner Rückkehr von einem tollkühnen Gymnasialdirektor ohne Vorkenntnisse in die höhere Schule aufgenommen". Er studierte nach dem Abitur Anglistik, Geschichte und Philosophie in Münster, London, Philadelphia und Freiburg, wo er im Fach Anglistik promovierte und sich nach Forschungsaufenthalten in den USA auch habilitierte.

Von 1978 bis 1997 lehrte er als Professor für Englische Literatur und Kultur an der Universität Hamburg; 1990 legte er sein wissenschaftliches Hauptwerk "Systemtheorie und Literatur" vor. In seiner "Englischen Kulturgeschichte" verband Schwanitz sein wissenschaftliches Können mit erzählerischem Talent. Die Universitätsromane "Der Campus" und "Der Zirkel" machten den Professor schließlich zum Bestsellerautor.

Mit "Bildung - Alles, was man wissen muss" schrieb Schwanitz 1999 ein Handbuch der abendländischen Kultur, das sich überraschend zum Top- und Longseller entwickelte, von der Kritik zum Teil jedoch als oberflächlich und populistisch abgetan wurde. Zuletzt erschien im Mai 2001 im Jubiläumsprogramm des Eichborn-Verlags das Sachbuch "Männer - Eine Spezies wird besichtigt".

Man habe einen wichtigen Autor und eine bedeutende Persönlichkeit verloren, erklärte heute der Frankfurter Eichborn Verlag. "Wir verlieren jemanden, der für uns wichtig war - und Deutschland verliert einen Typ Professor, wie es ihn häufiger geben sollte: der sich nicht in seinen universitären Elfenbeinturm zurückgezogen hat, sondern an die Leute heran wollte, der Spaß hatte zu provozieren", erklärte heute der Programmleiter des Verlags, Matthias Bischoff.

Die Zusammenarbeit mit Schwanitz sei "ungemein bereichernd" gewesen, so Bischoff: "Er war einer der eigensinnigsten und hellsten Köpfe, mit denen ich bisher zu tun hatte - auch in seiner Gabe, die Dinge völlig quer zu denken." Schwanitz wollte unter anderem ein neues Buch "über Deutschland und die Deutschen" schreiben.

Der Gelehrte und Autor habe sich zuletzt wegen seiner Krankheit, die sich in körperlicher Hyperaktivität und unkontrollierbaren Zuckungen äußerte, komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Bischoff erklärte der dpa, er habe Schwanitz das letzte Mal im Frühjahr gesehen, damals habe er ihn als "sehr leidend" erlebt. Beim letzten Telefonat mit Schwanitz im Oktober sei dieser allerdings wie gewohnt "geistig ohne alle Einschränkungen und überquellend vor Ideen" gewesen.



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