Von Jörg Böckem
Verlage propagieren gerne, bei Comics handele es sich um"grafische Romane". Aber das ist zu kurz gegriffen, denn sie sind ein eigenständiges Genre mit eigenen Erzählweisen, eigener Geschichte und gleicher Themen- und Qualitätsvielfalt wie die Literatur. Und dennoch haben sich die Geschwister Comic und Belletristik eine Menge zu sagen: Literaten wie Michael Chabon ("Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay"), Jonathan Lethem ("Die Festung der Einsamkeit") oder Anthony McCarten ("Superhero") verarbeiten Mythologie, Geschichte und Erzählformen des Comic in ihren Werken.
Im Comic ist das Spiel mit der Literatur, wohl aufgrund deutlich geringerer Berührungsängste, noch vielfältiger und fruchtbarer: So hat Großmeister Alan Moore den literarischen Figuren Alice ("Alice im Wunderland"), Dorothy ("Der Zauberer von Oz") und Wendy ("Peter Pan") in "Lost Girls" erlaubt, sexuell aktive Erwachsene zu werden und Romanhelden wie Jules Vernes Kapitän Nemo und Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll & Mister Hyde nebst prominenten Kollegen in "Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman" auf große Abenteuerfahrt gesandt.
Auch Moores kongenialer Kollege Neil Gaiman hat in seinem legendären "Sandman"-Zyklus zahlreiche Anleihen in der Literaturgeschichte genommen, vor allem beim Werk William Shakespeares. In "Fables", einer der interessantesten Comicserien der vergangenen Jahre, lässt Autor Bill Willingham Figuren wie Schneewittchen, den bösen Wolf, Pinocchio oder den Froschkönig aus dem Märchenreich vertreiben und im modernen Amerika stranden. In "House of Mystery" landen Erzähler und Literaten in einem Gasthaus am Kreuzweg der Realität, in dem Getränke mit Geschichten bezahlt werden.
Literarischer Mahlstrom
In dieser Tradition steht auch "The Unwritten". Autor Mike Carey erzählt, deutlich angelehnt an "Harry Potter", die Geschichte von Tom Taylor, Sohn des immens populären Autors Wilson Taylor, der der Hauptfigur seiner Erfolgsserie um einen jungen Zauberer den Namen seines Sohnes gegeben hat. Tom Taylor, gescheitert und leicht verbittert, hadert mit dieser geliehenen Prominenz. Er durchlebt eine schwere Identitätskrise, hasst es, mit einer fiktiven Figur verwechselt, von ihr überschattet zu werden, nutzt diesen Umstand aber auch dazu, durch Auftritte bei Fanveranstaltungen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Ein unabhängiges, eigenes Leben zu finden, will ihm nicht gelingen. Als sein Vater spurlos verschwindet und die Figuren aus dessen Büchern in die Realität eindringen, gerät Tom in eine Art literarischen Mahlstrom: Die Bücher seines Vaters scheinen sein Schicksal vorzuzeichnen, und Roman-Figuren trachten ihm nach dem Leben; er wird verdächtigt, in der Schweizer Villa, in der Mary Shelley einst "Frankenstein" schrieb, fünf Schriftsteller brutal massakriert zu haben, und ein kleines Mädchen, das sich in seinen Gute-Nacht-Geschichten verliert, findet den Tod. Tom lernt, dass Geschichten mächtige Werkzeuge sein können; dass sie aber auch vergewaltigt werden und leiden können. Irgendwo im Hintergrund scheint der verschwundene Vater Toms Fäden zu ziehen, und über allem schwebt die bange Frage nach der eigenen Identität - ist Tom Taylor am Ende nichts weiter als die fleischgewordene Phantasie seines Vaters, eine literarische Figur?
Carey nimmt in "The Unwritten" Anleihen bei Harry Potter, Frankenstein, Jud Süss und der mittelalterlichen Roland-Saga und verbindet kunstvoll und hoch unterhaltsam zwei große Themenbereiche - die oft lebenszersetzende Wirkung frühen Ruhms und die Frage nach der eigenen Identität im Schatten eines erfolgreichen Vaters auf der einen Seite und das Wechselspiel von Realität und Vorstellung auf der anderen. Er geht der Frage nach, wie Fiction die Wahrnehmung und die Wirklichkeit beeinflusst, beschreibt, was geschehen kann, wenn sich die Grenzen zwischen beiden auflösen. Und beweist einmal mehr, dass der Comic der Literatur durchaus neue, spannende Facetten abzugewinnen vermag.
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