Literatur im Internet Gedruckte "Null"-Nummer

Ein handlicher Packen ungeschnittener Bögen, zusammengehalten von Gummiband und Deckpappe, dokumentiert das vom DuMont-Verlag im vergangenen Jahr protegierte Internet-Projekt "Null. Literatur im Netz". Ein reichlich sinnloses "Buch".

Von Jan Voelker


DuMont

Unter Vorsitz und Leitung des Frankfurter Autors Thomas Hettche ("Nox", "Animationen") entstand im vergangenen Jahr eine der anspruchsvollsten Online-Anthologien im Internet: schlichtweg "Null" nannte sie sich. Ein fein gestalteter und gut besuchter virtueller Ort hatte sich gebildet. Eine sichtlich seriöse Stätte der Literatur in den Weiten des Web. Erfreulich sachliches Design verband sich mit dem Bemühen um anspruchsvolle Texte. Auf einer "Sternenkarte" wurden die Beiträge als Punkte eingezeichnet, so daß sie sich zu Themen-Sternen formierten.

Hier fand auch Kosovo-Krieg sein Echo im Streit, andere Autoren analysierten die Netzkultur und wieder andere schrieben ihre eigene Geschichte allein und unabhängig zu Ende. Mit dabei waren so unterschiedliche Schreiber wie Terézia Mora, Helmut Krausser, Marcel Beyer oder Thomas Meinecke. Eigentlich waren sie fast alle da, die jungen und jüngeren der deutschen Literatur. "Null" schaffte es, einen Querschnitt zu ziehen, und Thomas Hettche konnte sich wohlverdient in seinen monatlichen Editorialen über die Resonanz freuen.

Alle Texte und die zwölf Phasen der Sternenkarte sind vom DuMont-Verlag nun noch einmal auf Papier gedruckt worden. Es ist eine sehr schöne Idee und wohl dem Internet zu verdanken, daß daraus 28 ungeschnittene und ungebundene Bögen wurden, also weniger ein Buch als ein Textpaket. Das Aufschneiden bringt dementsprechend eine ungewohnte Freude mit sich. Schließlich sind echte Überraschungen formaler Art bei Büchern doch eher selten geworden. Wenn dann jedoch alles aufgeschnitten ist und die Freude daran vorüber, bleibt ein recht zahmes Bild.

Viele der Texte hätten das Internet nie benötigt. Manche der Autoren wehren sich gar dagegen. Es stellt sich heraus, daß "Null" durch zuviel Wille zur Seriosität zu wenig an Chaos und Fehlern enthielt. Das war auch immer die einzig berechtigte Kritik an "Null", dass in den Texten vom Internet als Medium viel zu wenig zu spüren war. Auch ein paar verstreute Links statten die Arbeiten noch lange nicht mit jener Art der Kommunikation aus, die man sich vom Internet für die Literatur erwarten könnte. So hätte es von Anfang an ein gutes Buch werden können.

Da jedoch "Null" ursprünglich einmal ein Internet-Projekt war und sich von Anfang an auch nur als solches bezeichnete, kann verspäteten Lesern nur nahegelegt werden, die Lektüre vor Ort nachzuholen: Nämlich auf der entsprechenden Internet-Seite, auf der "Null", wenn auch abgeschlossen, noch immer einzusehen ist. Hoffentlich entschließen sich sogar diejenigen dazu, an die das "Buch" in erster Linie adressiert ist: nämlich jene, vom Verlag wohl nicht als allzu gering eingeschätzte Gruppe, die dem Internet noch immer nicht so recht zutraut, ein Ort literarischer Aktivität zu sein. "Null" könnte seinen Sinn behalten, indem die Texte in dem Medium gelesen werden, für das sie geschrieben wurden.

Thomas Hettche und Jana Hensel (Hrsg.): "Null. Literatur im Netz", DuMont Verlag 2000, 406 S.



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