Literatur Und nächstes Jahr den Nobelpreis!

In Klagenfurt haben sie schon gewonnen: Wie eine Gruppe aus dem Internet den Literaturbetrieb unterwandert.

Von Harald Staun


Sie waren schon ein wenig müde, die Menschen vor den Fernsehapparaten und die Juroren hinter ihren Holzkisten in Klagenfurt. Der Tag hatte zwar gerade erst begonnen, aber vielleicht war das genau der Grund, vielleicht war die Nacht davor zu kurz gewesen, oder die vergangenen Tage waren zu lang und zu voll von Texten, von lähmenden, klappernden und maultrommelnden Texten, Texten über das Scheitern, gescheiterten Texten. Und dann sitzt da plötzlich eine junge Frau in Camouflage-Shirt, liest, beeindruckt und gewinnt. Den Ingeborg-Bachmann-Preis. Und den Publikumspreis gleich noch dazu. Und alle fragen sich: Wer ist Kathrin Passig?

Dabei könnten sie es eigentlich wissen.

Bachmann-Preis-Gewinnerin Passig: Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur"
DPA

Bachmann-Preis-Gewinnerin Passig: Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur"

Es gab da zum Beispiel jene drei Buchstaben, die auf dem T-Shirt zu lesen waren, das die Preisträgerin dann am Tag der Preisverleihung trug, die Buchstaben "ZIA" unter einem gezeichneten Computer, und mit ein wenig detektivischem Spürsinn oder einfach nur Neugier hätte man schnell herausfinden können, wofür diese Abkürzung steht. Denn das rätselhafte Kürzel hat in Klagenfurt schon fast Tradition: 2004 trug der Publikumspreisträger Wolfgang Herrndorf ein T-Shirt mit demselben Logo. Und auch die Gewinnerin des Ernst-Willner-Preises 2005, Natalie Balkow, hatte etwas mit ZIA zu tun, auch wenn sie das Logo gemeinerweise unter einem grauen Sakko versteckte.

Aber vielleicht hätte das alles auch nichts geholfen.

Was das nämlich genau sein soll, ZIA, das erschließt sich nicht unbedingt sofort nach einem Besuch der Website dieser Organisation, der "Zentralen Intelligenz Agentur"; das immerhin hat die Gruppe mit dem echten Geheimdienst gemeinsam, den sie in ihrem Namen parodiert. Es handle sich um ein "kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture", ist dort zu lesen, das "an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst" arbeite; es gibt eine Mitarbeiterkartei, unterteilt in Agenten, Inoffizielle Mitarbeiter und Schläfer. Passig, die die Agentur 2001 zusammen mit Holm Friebe und anderen gegründet hat, ist Agentin für "Taktik, Technik und Theorie", Balkow firmiert als "Senior Consultant", Herrndorf ist IM.

Zu den "Operationen" der ZIA gehören Kolumnen für die "Berliner Zeitung" und die "taz", Newsletter für Werbeagenturen oder Werbetexte für BMW. Man veranstaltet abwegige Lesungen wie die "Bunny Lectures", eine Comedy-Reihe, bei der die beiden Figuren "Supatopcheckerbunny" und "Hilfscheckerbunny", beides Charaktere aus dem gleichnamigen "Titanic"-Comic des Zeichners Tex Rubinowitz, zum Leben erweckt werden. Seit Anfang des Jahres gibt es auch sogenannte "Après Bunny Formate" wie das "Powerpoint Karaoke", bei dem sich Besucher an kreativen Improvisationen zu Powerpoint-Vorträgen aus dem Internet versuchen. Das Zentralorgan der Agentur allerdings ist das vor kurzem mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete Blog "Riesenmaschine", das sich als kollaboratives Weblog zum Thema "Fortschritt" versteht und mit dem Anspruch antritt, den Blog-Journalismus in Deutschland nach amerikanischem Vorbild zu professionalisieren. Statt Tagebuchnotizen und Befindlichkeitsimpressionen verfassen die Autoren feuilletonistische Einträge über wissenschaftliche und mediale Entwicklungen. Ein "Blog mit Bügelfalte" nannten das die Grimme-Juroren. Darüber hinaus bietet die ZIA auch "Gehirnstrom-Protokolle" zu beliebigen Themen an, für 100 Euro pro teilnehmendem Experten aus der Kartei.

Und zwischendurch gewinnt man eben den Bachmann-Preis

Herrndorf, Balkow, Passig: Nach drei Jahren hat es nun geklappt mit dem ganz großen Coup, und es liegt nicht nur an der von der ZIA bereitgestellten Geheimdienst-Metaphorik, daß einem die ganze Geschichte vorkommt wie die Unterwanderung einer ahnungslosen Institution. "Mission erfüllt!" lobt die Website der ZIA in ihrem "Lagebericht" Agentin Passig. Aber auch aus den harmloseren Aussagen der Preisträgerin spricht, wenn man sie nicht als Koketterie versteht, sondern als die Dreistigkeit, als die sie gemeint sind, derselbe Mangel an Respekt vor dem Wettbewerb. "Das kann ich auch", habe sie sich nach einem Besuch in Klagenfurt im vergangenen Jahr gedacht, als handle es sich um einen Gedichtwettbewerb der örtlichen Bücherei, sie habe dann einfach die größten Fehler vermieden, habe versucht, keinen komischen Text zu schreiben, keine schlechten Dialoge und nicht über Beziehungsprobleme. So einfach ist das. So ähnlich reden Fußballspieler, wenn man sie fragt, wie sie ein geniales Tor geschossen haben: "Ich habe einfach den Ball ins Tor gehauen."

Und trotzdem ist es nicht leicht zu sagen, worin überhaupt der Coup der ZIA besteht. Es wurden keine Regeln gebrochen und keine Juroren bestochen, und wenn sich trotzdem Menschen an der Nase herumgeführt fühlen, dann liegt das eher daran, daß sie ein sehr verklärtes Bild von Literatur haben. Jana Hensel etwa warf Kathrin Passig in der Online-Ausgabe der "Zeit" vor, sie habe keine "Autorenstimme" und tat ihren Text als "Schreibkurs-Arbeit" und "intellektuelle Spielerei" ab. Hensels Kritik ist exemplarisch für die Forderung nach literarischer Wahrhaftigkeit, die Passig gnadenlos torpediert. Mit der Authentizitätspose eines Clemens Meyer etwa hat Passigs Text nicht viel zu tun, es ist ein abgeklärter und zurückhaltender, vor allem aber ist es ein kalkulierter Text. Und dieses Kalkül ist es wohl, das irritiert. Hensel hat es zu der absurden Klage veranlaßt, heutige Autoren würden, statt etwas zu erleben, einfach "irgendwelche Geschichten" ausdenken.

Die Jurorin Iris Radisch hat in diesem Jahr gerne mit der Metapher des Spielgelds hantiert, und natürlich zahlt auch Passig, aus der Sicht einer an Wirklichkeitsbeschreibung orientierten Ökonomie, mit Spielgeld; wenn nicht mit Falschgeld. Die Frage ist nur, ob ihre Haltung und ihre Motive für die Interpretation des Textes überhaupt eine Relevanz haben. Worin besteht der Betrug? In der Tatsache, daß ein paar dahergelaufene Blogger einen wichtigen Literaturpreis gewinnen? Daß Passigs Text nicht aus ihrem Herzen käme, sondern aus ihrem Hirn? Und wie soll das überhaupt funktionieren: Literatur zu fälschen? Am Ende geht es um den Text, und dieser war offensichtlich auch als Blüte gut genug, um alle echten Scheine auszustechen.

"Das Geheimnis ist: Es gibt kein Geheimnis", sagt Holm Friebe, wenn man ihn nach dem Erfolg der ZIA-Autoren in Klagenfurt fragt. Und trotzdem hat Passigs Sieg etwas von einem Streich. Er besteht schon allein darin, die Durchschaubarkeit der Bachmann-Jury nicht lediglich zu behaupten, wie das ja Kritiker seit langem tun, sondern diese auf eine Weise zu entblößen, die dann doch niemand für möglich gehalten hätte. Wie sehr Klagenfurt-Texte zu einem eigenen Genre geworden sind, das kann man kaum besser demonstrieren. Schon mit ihrem Videoporträt, das sie zusammen mit anderen Mitgliedern der ZIA gedreht hatte und in dem nicht nur Kollege Herrndorf als Bettler vorkommt, diesmal in einem T-Shirt mit dem Schriftzug des Kärtner Energieversorgers Kelag, dem Sponsor des Publikumspreises, sondern auch herrlich hirnverbrannte Off-Kommentare ("Jeder Anschlag ein Anschlag auf das Nichts") gegeben werden, zerlegte Passig ein zur drögen Form gewordenes Klagenfurt-Format. Im nachhinein läßt sich das Video durchaus als Prolog zu ihrem Text lesen. Was sie über das Autorenporträt sagt, galt ja auch irgendwie für die ganze Veranstaltung: "Das lag schon so mit hingestreckter Halsschlagader da."

Daß Passigs Text endlich ein wenig Leben nach Klagenfurt brachte, daß er mit kühlem Humor, Stilsicherheit und souveräner Ausstrahlung nicht nur den Hauptpreis gewann, sondern auch die Juroren zu seltener Einigkeit und Emphase verleitete, gibt der Veranstaltung eine neue Energie, von der sie sich so schnell nicht erholen wird. Allein in Heinrich Deterings Erlösungsjubel, mit dem er nach der Lesung den Reigen des Passig-Lobs eröffnete, entlud sich eine in Jahren angestaute Emphase: "Wir haben eine sehr gute deutsche Schriftstellerin entdeckt." Endlich, endlich. Nur leider stimmt an diesem Satz etwas nicht: das Wörtchen wir. Es ist schon eher umgekehrt: Kathrin Passig und die ZIA haben Klagenfurt entdeckt. Wenn Passig im Gespräch erzählt, daß der Bachmann-Preis schon immer ein großer Spaß war, dem sich das Autorenkollektiv am liebsten aus der Perspektive von "Waldorf & Stadler", der beiden Alten aus der Muppet Show, genähert hat, indem sie das Geschehen live über das Internet kommentierte; wenn sie davon spricht, daß sie dann doch ein wenig Angst hatte, als "Buntstiftleckerin" enttarnt zu werden, wie damals der "Titanic"-Redakteur bei "Wetten daß ...!", dann offenbart das einen Umgang mit der Institution Klagenfurt, den man auch nicht anders als spielerisch nennen kann.

All jene aber, die dachten, daß die deutschen Großverlage für ewige Zeiten das Monopol auf die Produktion von Nachwuchsliteratur besitzen; all jene, denen die ZIA-Agenten mit ihren T-Shirts vorkommen wie ein Flashmob, wie eine Invasion aus einem Paralleluniversum, die sollten dann doch gelegentlich ihre pauschalen Dünkel gegen eine Literatur überdenken, die woanders entsteht als in stillen Kämmerlein. Man kann die Ironie der ZIA zwar albern finden, aber man darf sich nicht von ihr täuschen lassen: Sie ist nur der Schutzschild, hinter (und an) dem eine neue Generation von Autoren sehr ernsthaft arbeitet. Auch sie ist nur eine Tarnung. Vermutlich können die einzelnen Mitarbeiter schon lange nicht mehr über sie lachen. Und trotzdem fühlen sie sich sehr gut aufgehoben in einer Gemeinschaft, die man heute so gerne Netzwerk nennt, einer flexiblen Gruppe von Autoren und Kreativen, von Halb- und Wahl- und Gesinnungsberlinern, die vielleicht am ehesten das teilen, was man früher bei Suhrkamp und heute bei KiWi eine Kultur nennt: eine gemeinsame Haltung, einen gemeinsamen Stil – oder zumindest die Aversion gegen überholte Schreibweisen, gegen das, was Mitarbeiter Philipp Albers ganz einfach "Erlebnisschrott" nennt.

Vielleicht darf man von den Klagenfurt-Juroren nicht erwarten, diesen Schutzschild zu durchbrechen, von jenen Kritikern, von denen man gelegentlich den Eindruck hat, daß sie nach den Bachmann-Tagen wieder in ihre Holzkisten verpackt werden, mit einem Stapel Bücher und einer Taschenlampe, um bis zum nächsten Jahr möglichst wenig von der Welt mitzubekommen. Es mag ihnen dieser Tage nicht viel anders ergehen als den Bewohnern der bayerischen Ortschaft Pappenheim, in der die Mitglieder des Internetforums "Wir höflichen Paparazzi", in dem sich der Großteil der Agenten kennengelernt hatte, an einem Wochenende im Jahr 2002 tagten. Wann immer die Einheimischen fragten, wo diese jungen Leute denn alle herkämen, die ihnen ob ihrer Masse und Andersartigkeit auffielen, bekamen sie, wahrheitsgemäß, folgende Antwort: "Wir kommen aus dem Internet."



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