Schriftsteller gegen Rechtsruck Der Sauerstoff wird knapp

Seit Uwe Tellkamps AfD-nahen Äußerungen setzt sich die Literaturszene verstärkt mit rechten Gedanken auseinander - ein Kollektiv will Strategien gegen rechts entwickeln. Kann man von den Schriftstellern etwas lernen?

Konferenz "Ängst is now a Weltanschauung"
Sabrina Richmann

Konferenz "Ängst is now a Weltanschauung"

Von Katharina Schipkowski


Langsam werde ich ungeduldig. Wir sitzen schon seit vier Stunden in einem Stuhlkreis und diskutieren über die Rettung der Demokratie. Aber eine Lösung ist nicht mal annähernd in Sicht - dabei sind hier 20 schlaue Köpfe versammelt; Schriftsteller, Theatermacher, Literaturinteressierte, Künstler. Das Autorenkollektiv "Nazis und Goldmund" hat zur Konferenz nach Berlin eingeladen. Das Ziel der Tagung: Gegenstandpunkte zu nationalistischen und neonazistischen Tendenzen in der Öffentlichkeit zu entwickeln.

In dem Raum mit dem Stuhlkreis findet das Panel "Die Rolle von Kunst, Kultur und Medien in Neoliberalismus und Postdemokratie" statt. Gerade geht es darum, was die Rolle von jemandem, der als Künstler spricht, von der Rolle desjenigen, der als Linker oder als Aktivist spricht, unterscheidet.

Aber niemand antwortet. Alle stellen nur weitere Fragen. Eine Frau mit pinkfarbenem Oberteil will wissen, was eigentlich aus den konservativen Intellektuellen geworden ist. Der Autor und Philosoph Reinhard Olschanksi fragt, ob wir einen linken Populismus brauchen, empfiehlt dann aber, lieber Marx zu lesen.

Eine lange Fußnote

Keine sechs Kilometer von uns redet Markus Söder (CSU) davon, dass man den "Asyltourismus" beenden müsse. Innenminister Horst Seehofer (CSU) will Flüchtlinge an der bayerischen Grenze abweisen. In dem Raum mit den 20 schlauen Leuten zieht sich die Diskussion in die Länge. Es geht jetzt um den Sozialphilosophen Max Scheler und das Wilhelminische Reich. Der Sauerstoff wird knapp.

"Ängst is now a Weltanschauung", heißt die Literaturkonferenz, die auch vom Berliner Senat gefördert wird. "Ängst", wie das deutsche Wort Angst, aber englisch ausgesprochen, wegen des englischen Begriffs "German Angst". Dieser bezeichnet eine Überreaktion auf vermeintliche Bedrohungen, wie sie häufig in deutschen Medien zum Ausdruck kommt, wenn es um die "Flüchtlingskrise" geht. "Wer Angst hat, hat deshalb nicht recht", hat die Autorin Jagoda Marinic in ihrem Eröffnungsvortrag gesagt, "und er hat auch nicht das Recht auf eine Politik, die auf seine Angst zugeschnitten ist."

Im Stuhlkreis sagt Olschanski jetzt, dass er mal eine lange Fußnote darüber geschrieben hat, wie man von Carl Schmitt zur Demokratie kommt. Ein Mann mit einem roten Pulli, der Frank heißt und außer mir und einem österreichischen Musiker wahrscheinlich der Einzige im Raum ist, der nichts mit Schriftstellerei zu tun hat, fragt, was denn jetzt die konkrete Position der Künstler gegen den Rechtsruck sei. Nora Bossong sagt, dass sich Literatur viel Raum nehmen könne, im Gegensatz zu Journalismus, der immer alles verkürzt darstellen müsse. Dann ist Pause.

Zu kurz, um eine Strategie zu entwickeln?

Auch in der deutschen Literaturlandschaft drängen rechte Positionen in die Öffentlichkeit. Das ist spätestens seit Uwe Tellkamp und der "Erklärung 2018" klar. Seit anderthalb Jahren, also schon vor Tellkamps rechter Positionierung in der Öffentlichkeit, betreibt das Kollektiv "Nazis und Goldmund" einen Blog, auf dem Schriftsteller wöchentlich Texte gegen die Verschiebung des Diskurses publizieren. Da steht auch ein Manifest, das sie das Hydra-Manifest nennen. Hydra, weil sie, wie die Schlange in der griechischen Mythologie, vielköpfig sind.

Aus dem Hydra-Manifest: "Hydra sagt: Die Unterscheidung zwischen Kriegsflüchtlingen und Arbeitsmigration operiert mit dem Wert des Leidens, nicht des Geldes. Jene, die mehr erlitten haben, erhalten mehr Rechte. Historisch aber hängen Kriege, Kapital, Arbeit und Migration tiefgreifend zusammen. Gegen die Vereinnahmung des Leidens! Für eine Offenlegung der Ausbeutungszusammenhänge. Hydra sagt auch: Der Dialog ist dem Menschen zumutbar."

Bei Reis mit Rohkost und Tofu erzählt Frank, dass er es komisch findet, dass das Panel, auf dem wir zusammen sitzen, schon seit Stunden läuft und wir noch keine Ergebnisse haben. Ich bin dankbar, dass er ausspricht, was mich quält. Der Schriftsteller Jan Böttcher, der neben uns raucht, versteht die Ungeduld nicht. Die Konferenz geht insgesamt vier Tage und heute ist erst der zweite. Frank mit dem roten Pulli und ich sind nur einen Tag hier. Zu kurz, um eine Strategie zu entwickeln?

Plötzlich könnte man so vieles machen

Kurz bevor das Panel in das Abendprogramm mit DJs übergeht, schlägt jemand vor, sich Begriffe wie "Heimat" wieder anzueignen. Der Begriff sei nationalistisch besetzt und man müsste ihn umdeuten. Da Heimat für Rechte etwas Starres ist, das vom Boden abhängt und womöglich auch von Blut, schlägt Maria Milisavljevic vor, ein Museum der fluiden Heimat zu gründen. Plötzlich hagelt es Vorschläge: Man könnte die "Erklärung 2018" umschreiben, man könnte Breitbartnews hacken und den Blog von Nazis und Goldmund davorschalten, man könnte den CSU-Landesverband Berlin gründen. Plötzlich könnte man so vieles machen.

Im Zug versuche ich, die Konferenz auszuwerten. Meine Ungeduld war den Schriftstellern fremd. Vielleicht ist sie ihnen sogar reaktionär vorgekommen, denn ging es nicht darum, den Prozess in den Vordergrund zu stellen, anstelle des Ergebnisses? Und bin ich jetzt auch schon dazu übergegangen, nur noch Fragen zu stellen?

Vielleicht so: Reden ist gut, weil auch Menschen, die keine Rechten sind, oft sprachlos sind. Weil sie nicht wissen, wie sie über Heimat reden sollen, über Identität, Muslime, das Kopftuch. Aber trotzdem ist es manchmal auch gut, Antworten zu finden. Davor sollte man keine Angst haben.



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