Literaturfest-Kurator Politycki "Ein richtiger Schriftsteller braucht keinen Entertainerlärm"

Charlotte Roche einladen? Nicht mit Matthias Politycki, Kurator beim Münchner Literaturfest. Im Interview spricht der Schriftsteller über sein Qualitätsverständnis, echte Klempner und erklärt, warum er sich am liebsten mit usbekischen Bergführern unterhält.

Politycki-Thema Roche: "Jeder Zahnarzt findet es traurig"
dapd

Politycki-Thema Roche: "Jeder Zahnarzt findet es traurig"


SPIEGEL ONLINE: Herr Politycki, Ihre Kuratorenstelle beim Literaturfest München haben Sie mit dem Anspruch angetreten, eine "Standortbestimmung der deutschen Literatur" zu präsentieren. Ganz schön hochtrabend, oder?

Matthias Politycki: Wir haben 50 Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ausgewählt, die wir für wirklich gut halten, zum Beispiel den großen alten Schriftsteller Paul Nizon, der mindestens so bedeutend ist wie Martin Walser. Abgesehen von ihren Lesungen, werden sie - zusammen mit 20 Kritikern, die wir ebenfalls eingeladen haben - auch alle je fünf Minuten lang "Klartext" in unserem täglichen Debattenforum reden, ein Statement darüber abgeben, was ihnen im Augenblick in Bezug auf die deutschsprachige Literatur wichtig ist. Das kann eine Polemik darüber sein, ob wir die Rückkehr des Reims in die Gegenwartslyrik tatsächlich brauchen, eine Tirade über den Zustand des Feuilletons, oder eine Abhandlung über die Frage, ob die deutschsprachige Literatur dringend noch mehr Familienromane braucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie versprechen "eine Erkundung dessen, was Stil hat, Haltung, Relevanz". Warum fehlen ausgerechnet die beiden Bestsellerlieblinge dieses Herbstes, der Familienromanautor Eugen Ruge und die Tragödienberichterstatterin Charlotte Roche, in Ihrem Programm?

Politycki: Ruge tritt immerhin im Parallelprogramm der Münchner Bücherschau auf, das kann man schade finden. Der Fall Roche liegt anders. In unserer Auswahl konzentrieren wir uns auf Menschen, die sich auch als Schriftsteller verstehen, und das tut Frau Roche explizit nicht. Ein richtiger Schriftsteller ist etwas anderes als eine Moderatorin, die ein Buch schreibt, oder ein Fußballer, der sich dabei helfen lässt. Uns geht es um Literatur im engeren Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Aha. Und was heißt das genau?

Politycki: Ich glaube, wir leiden alle unter der gegenwärtigen Aufweichung des Literaturbegriffs. Ich wünsche mir wieder eine Konzentration, eine Rückbesinnung aufs Eigentliche. Dabei bin ich selber ganz sicher kein elitärer Schriftsteller, ich rede am liebsten mit Barkeepern, mit kubanischen Hallodris oder usbekischen Bergführern. Aber man darf nicht immer Äpfel und Birnen zusammenwerfen, wie es viele, auch erfolgreiche, Literaturfestivals tun. Jeder Klempner und jeder Zahnarzt, der seinen Beruf Ernst nimmt, findet es traurig, wie wenig Hobbyklempner und Hobbyzahnärzte von ihrem Handwerk verstehen. Da geht es mir ähnlich. Wir wollen uns gar nicht an der deutschen Prominentenliteratur messen. Aber wir wollen die eigentliche Literatur, und nur sie, wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen.

SPIEGEL ONLINE: Und was kann man sich darunter zum Beispiel vorstellen?

Politycki: Einem wirklichen Schriftsteller geht es nicht um Event und Auflage, sondern um sein Werk. Wie auch um seine Leser, er ist ja nur Schriftsteller, weil er - gerne - für Leser schreibt. Aber dazu braucht er keinen Entertainerlärm. In der wirklichen Literatur ist brutto immer gleich netto.

Das Interview führte Wolfgang Höbel


Literaturfest München, 10.-27. November 2011

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
wortmannin 10.11.2011
1. Kann ihr doch wurscht sein!
Hat dieser Herr mit dem griechischen Namen schon irgendwann einmal einen Bestseller veröffentlicht? Wohl kaum! Wenn doch, kann er den Griechen ja mit dem verdienten Geld unter die Arme greifen.
m0t 10.11.2011
2. qwertz
Zitat von wortmanninHat dieser Herr mit dem griechischen Namen schon irgendwann einmal einen Bestseller veröffentlicht? Wohl kaum! Wenn doch, kann er den Griechen ja mit dem verdienten Geld unter die Arme greifen.
quantität bedeutet nicht gleich qualität. die bestsellerliste zeigt dies leider viel zu oft...
dongerdo 10.11.2011
3. -
Auch wenn ich seine Einschränkung, dass Bücher die so nebenbei von Fussballern und Moderatoren geschrieben werden noch lange nicht mit dem Begriff "Literatur" zu bezeichnen sind, teile, Aussagen wie ---Zitat--- Einem wirklichen Schriftsteller geht es nicht um Event und Auflage, sondern um sein Werk. Wie auch um seine Leser, er ist ja nur Schriftsteller, weil er - gerne - für Leser schreibt. Aber dazu braucht er keinen Entertainerlärm. In der wirklichen Literatur ist brutto immer gleich netto. ---Zitatende--- deuten allerdings erstens auf eine gewisse Verklärtheit und zweitens auch auf eine gehörige Portion Standesdünkel hin.... Diese intellektuelle Bräsigkeit den "wahren" Schriftsteller zu definieren zwingt einen schon zum schmunzeln (besonders wenn dabei eine quasi stille Selbstlosigkeit als zentrales Kriterium hervorgehoben wird...)
ante24 10.11.2011
4. Bestseller - Qualität oder Marketing?
Rettet die Literatur - kauft keine Bestseller!
synoptiker 10.11.2011
5. Wort - Entmannung
Wortmannin giftet völlig daneben: Namen auf icki oder ycki sind niemals griechisch, sondern polnisch! (Reich-Ranicki) Warum so giftig? Es geht um eine Autorin, die zwei Bücher nur über ihr Geschlecht geschrieben hat, die können nur deshalb Erfolg haben, weil sie eine Fernsehmoderatorin ist. Das hat mit "wirklicher" Literatur nichts zu tun. Jede Prominente hätte mit solchen "Romanen" eine ähnliche Wirkung erzielt. Ich will da gar keine Vorschläge ausbreiten. Es ist eine Form von medialem Striptease mit Pornovorführung. Und neu oder aufklärerisch ist daran auch nichts. 1935 erschien der "Wendekreis des Krebses" von Henry Miller.
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