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Literaturfestival im Kosovo: "Natürlich kann immer eine Bombe hochgehen"

Ein Interview von Elke Schmitter

Seit fünf Jahren findet im Kosovo das Literaturfestival Polip statt. Die ersten Lesungen mussten noch unter Polizeischutz abgehalten werden. Jetzt ist die Lage entspannter, doch das Kosovo leidet unter mangelnder Pressefreiheit, so der Polip-Organisator.

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Edi Matic

Jeton Neziraj: Chef des Literaturfestivals Polip im Kosovo

Zur Person
Jeton Neziraj, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Dramatiker und Autor im Kosovo. Von 2008 bis 2011 war er künstlerischer Leiter des Nationaltheaters im Kosovo. Er ist Gründer und Direktor der Produktionsgesellschaft Qendra Multimedia, die auch das Literaturfestival Polip in Pristina organisiert. Die fünfte Ausgabe von Polip startet an diesem Freitag.
SPIEGEL ONLINE: Herr Neziraj, Polip findet seit fünf Jahren statt. Gibt es durch die akute Krise in Mazedonien, wo sich Polizei und Armee Feuergefechte mit mutmaßlichen albanischen Terroristen geliefert haben, Probleme?

Neziraj: Bis jetzt sieht es gut aus. Eine Autorin, die aus Skopje über die Grenze kommen müsste, zögert noch. Wir versuchen sie zu beruhigen. Natürlich kann im Kosovo immer eine Bombe hochgehen, aber das ist ja nichts Besonderes.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Festival läuft unter dem Titel "Let's talk about freedom". Für "Reporter ohne Grenzen" gilt die Region des ehemaligen Jugoslawien derzeit als "schwierig", etwa gleichweit vom Himmel Norwegens und der Hölle im Sudan entfernt. Wie steht es aus Ihrer Sicht um das freie Wort, und welchen Einfluss hat die Literatur?

Neziraj: Von einer freien Presse kann in unserer Region jedenfalls nicht die Rede sein. Die meisten Medien sind inoffizielle Organe der jeweiligen Regierung. Sie werden von großen Geschäftsleuten finanziert und kontrolliert und sind journalistisch von Papageien bevölkert, die nachplappern, was die Regierungen vorgeben. Die Literatur ist praktisch ohne Einfluss, vor allem die erzählende Literatur siecht dahin, schwer belastet von der jahrzehntelangen Tradition der "patriotischen Kunst". In der Lyrik und im Theater sieht es lebendiger aus; es gibt exzellente, vor allem junge Lyriker. Die alten Trennlinien sind im Übrigen immer noch da: Hier die große Gruppe derer, die vor allem von staatlichen Zuwendungen lebt und der jeweiligen "nationalen Sache" dient, dort die anderen, die zur kulturellen Opposition gehören und "schwierige Fragen" stellen. Und natürlich gibt es Einzelgänger, die sich weder der einen noch der anderen Seite anschließen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in Pristina über "Charlie Hebdo" diskutieren. Ist das "Ihr" Problem?

Neziraj: Letztes Jahr tourte ich mit meiner Theatertruppe mit dem Stück "Die Zerstörung des Eiffelturms" durch Europa. Das Stück über islamistischen Terror war damals noch als 'satirische Projektion' gedacht, inzwischen hat die Realität uns auf drastische Weise überholt. Auch hier im Kosovo ist der islamische Extremismus in den vergangenen Jahren stärker geworden. Was in Paris passiert ist, wurde hier als direkter Angriff auf unsere Freiheit empfunden, auf die vielbeschworenen 'gemeinsamen europäischen Werte'. Aber ich bezweifle sehr, dass der Islamismus hier eine Zukunft hat. Die kosovarische Gesellschaft ist religiös liberal, und ich glaube nicht, dass ein paar durchgeknallte Verbrecher unsere Zukunft ruinieren können.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seit dem Start von Polip verändert?

Neziraj: Sehr viel. Zum einen sind durch die internationalen Verbindungen Dichter übersetzt worden, wir sind aus dem totalen Abseits heraus. Vor allem die deutschen Förderungen - durch das Übersetzerprogramm TRADUKI von der S. Fischer Stiftung, durch das Goethe-Institut und die Allianz Stiftung - haben hier sehr viel bewegt. Aber auch politisch hat sich Enormes getan. Im ersten Jahr gab es noch Autoren, die nicht gemeinsam mit serbischen Kollegen auftreten wollten, und die ganze Veranstaltung stand unter Polizeischutz. Damals hat zum ersten Mal seit dem Krieg überhaupt ein Autor aus Serbien öffentlich im Kosovo gelesen. Inzwischen ist die Nationalitätenfrage kein Thema mehr, die Lage hat sich in jeder Hinsicht entspannt. Und die Polizei taucht nur noch auf, wenn sie aus Jux gerufen wird, weil irgend jemand zu viel getrunken hat.


Das Programm von Polip finden Sie hier.

Offenlegung: Elke Schmitter wird bei Polip im Rahmen einer Diskussionsrunde zur Pressefreiheit auftreten.

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