Von Stefan Pannor
Frankreichs Feuilletonisten schäumten, als Stéphane Heuet 1998 den ersten Band seiner Comic-Adaption von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" veröffentlichte. Von "Blasphemie" war die Rede, vom literarischen "Mord" an dem Schriftsteller, von "Travestie".
Dass das Hauptwerk des 1922 verstorbenen Proust schwer zu visualisieren ist - diese Erfahrung hatten schon berühmtere Kulturschaffende gemacht. Volker Schlöndorff etwa scheiterte mit seiner Verfilmung "Eine Liebe von Swann" (1984). Trotz hochkarätiger Besetzung wurde es nur ein fader Film. Prousts wortgewaltige, minutiöse Schilderung in Wort- und Satzkaskaden ist zwar hochgradig bildhaft, doch offenbar schwer in Bilder zu fassen.
Trotzdem zog noch niemand mit einer Proust-Adaption so viel Ablehnung auf sich, wie seinerzeit Stéphane Heuet mit "Combray", dem ersten Band des Comics, der nun endlich auch in Deutschland erschienen ist. Das Ressentiment Ende der Neunziger mochte daher rühren, dass Heuet seinerzeit kein etablierter Comiczeichner war und aus der Werbung kam. Ein Werber, der sich an eines der literarischen Heiligtümer wagt? Das gilt selbst in Frankreich, wo Comics ein wesentlich höheres Ansehen genießen als in Deutschland, als suspekt.
Unbestreitbar allerdings war "Combray" auch ein noch recht halbgares Experiment. Prousts erster Band des Romanzyklus ist eine Art Ouvertüre, die Ton und Thema für das Gesamtwerk setzt. Es geht um vergeudete Zeit, um die Unmöglichkeit der Hauptfiguren, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen - und um eine erstarrte Gesellschaft, in der selbst nebensächliche Gesten strengen Regeln unterliegen.
"Combray", das die Jugend des Ich-Erzählers im gleichnamigen französischen Städtchen schildert, besteht vor allem aus der anekdotischen Aneinanderreihung von Ereignislosigkeit. Ausgelöst durch winzige Reminiszenzen wie einen Traum oder den Geschmack eines Stücks Gebäck, versucht der Erzähler sich an die schwülen Sommer zu erinnern, die er als Knabe in dem fiktiven Dorf verbracht hat. Vor allem lesend in einer winzigen Hütte verkrochen oder damit, den Erwachsenen bei ihrem undurchschaubaren Treiben zuzusehen.
Aufgeräumte Gegenthese zu Prousts Schwelgereien
Der Versuch, die wenigen Ereignisse aus "Combray" in Bilder zu bündeln und gleichzeitig Prousts Sprache in umfangreichen Zitaten zu bewahren, musste die Kritik geradezu herausfordern. Heuet visualisiert die dürre Handlung in einer Vielzahl Einzelbilder, die von fast naiver Direktheit sind. Wenn der Erzähler über Spargel sinniert, ist Spargel zu sehen. Regen - bei Proust ein fast mythisches Ereignis - ist Regen. Die Vieldeutigkeit des Originaltextes bricht er auf Eindeutigkeit herunter. Zum Ausgleich pflastern gewaltige Erzähl- und Dialogkästen mit Proust-Auszügen die Seiten zu.
Trotzdem besitzt bereits "Combray" gerade in seiner erzählerischen Unausgereiftheit eine Menge Schauwert. Mehr als die ersten Kritiker ihm damals zugestehen wollten. Denn der Zeichner orientiert sich für seine Adaption an den Comics des Großmeisters Hergé, dem Schöpfer von "Tim & Struppi". Dessen Bildgeschichten wirken in ihrer aufgeräumten Klarheit wie die Gegenthese zu Prousts barocken Schwelgereien.
In Hergés "ligne claire" ("klare Linie") genanntem Zeichenstil geht es darum, das Bild so weit wie möglich von allem Unnötigen zu befreien. Krumme Linien, Schatten und Schraffuren sind tabu. Alle Gegenstände sind auf ihre äußeren Konturen beschränkt. Ebenso wird auf unnötige, die Handlung nicht vorantreibende Bilder verzichtet.
Heuet nutzt das Konzept der "ligne claire" für eine detailgetreue, atmosphärisch dichte Rekonstruktion von Prousts Fin de Siècle. Doch es ist nicht so sehr der Anblick des reizvollen Dekors der Jahrhundertwende und der penibel recherchierten Details, die begeistert. Es sind vor allem die weiten, offenen Landschaftsdarstellungen, die in ihrem kühlen, minimalistischen Stil einen ganz eigenen Reiz entfalten. "Versuchen Sie, immer ein Stück Himmel über Ihrem Leben zu haben", rät ein Monsieur Legrandin dem Erzähler. Im Comic ist dieser Himmel immer da. Heuet macht Proust optimistischer, auch weil er die komischen und sentimentalen Stellen des Originals klarer herausarbeitet.
Ein Perfektionist wie Hergé
Weil Heuet sich nach dem ersten Band mit jeder Ausgabe gesteigert hat, sind die Kritiker seit 1998 weitgehend verstummt. Fünf Bände später gilt der einstige Buhmann als literarischer Großmeister des Comic-Genres. In Deutschland kommt Heuets Proust-Projekt mit mehr als gehöriger Verspätung an - wohl weil der französische Verlag bisher kein Interesse an einer deutschen Ausgabe hatte.
Womöglich hat der kommerzielle Erfolg die Franzosen umgestimmt. Bis zu einem Dutzend Nachauflagen hat jedes der Alben bisher erlebt. Wie sein Vorbild Hergé ist Heuet Perfektionist. Seine Comics entstehen in enger Absprache mit der aktuellen Proust-Forschung. Wenn sich Fehler einschleichen, etwa vertauschte Dialogzitate, ändert Heuet sie für die Nachauflagen ab.
15 bis 20 Bände soll die "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" am Ende umfassen. Beim derzeitigen Tempo wäre Heuet (Jahrgang 1957) also noch gute 30 Jahre beschäftigt - sofern er die Reihe überhaupt je abschließt. Proust verstarb seinerzeit über der Niederschrift des Wälzers, die letzten Bände liegen nur in einer Rohfassung vor.
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