Literaturklassiker zum Fest Auf in die Hölle!

Warten Sie nicht auf die Rente mit 67 oder den Zusammenbruch nach der Eurokrise - nutzen Sie die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, um endlich mal einen Klassiker zu lesen! Von Dante bis Tolstoi: SPIEGEL ONLINE empfiehlt sieben gelungene Neuausgaben.

Von , , und Hans-Jost Weyandt

Listig wie Odysseus, scheinheilig wie Old Shatterhand: Coverdetail der Dumas-Neuausgabe

Listig wie Odysseus, scheinheilig wie Old Shatterhand: Coverdetail der Dumas-Neuausgabe


Es war ein Italiener, der auf dem Landweg nach China reiste, es war ein Italiener, der Amerika entdeckte - fast logisch, dass das einzige Ziel, für das es bis heute keinen "Lonely Planet"-Reiseführer gibt, schon vor 700 Jahren von einem Italiener besucht wurde: Die Hölle. Dante Alighieri persönlich macht sich im berühmtesten Teil seiner "Göttlichen Komödie" auf ins Jenseits. Wenn der Teufel tatsächlich ein Verführer ist, der es den Menschen leicht macht, ihm zu folgen, dann hat Hartmut Köhler in seiner Neuübersetzung "La Commedia/Die Göttliche Komödie" (Reclam Bibliothek) in seinem Sinn gearbeitet. Er hat auf die Reime Dantes verzichtet, den Text in heutiges Deutsch übersetzt, und so gleitet man geradezu unmerklich hinein in den Schlund der Unterwelt. Vorbei an der Pforte, deren weltbekannte Inschrift Köhler allerdings geändert hat: "Lasst alle Hoffnung fahren, wenn ihr hier hereinkommt". "Eintreten" war ihm zu feierlich. Das begründet Köhler ausführlich in einer Anmerkung. Die vielen Fußnoten sind eine weitere Stärke dieser Neuausgabe - so ist der Leser nicht nur im Jenseits unterwegs, sondern in der gesamten Kulturgeschichte.

Ist Dantes "Hölle" so interessant, weil es eines der elaboriertesten und zugleich seltsamsten Phantasieprodukte ist, das zu Papier gebracht wurde, sind Samuel Pepys' "Tagebücher" (Haffmans & Tolkemitt über Zweitausendeins.de) das menschlichste Werk, das jemals erschienen ist. Von 1660 bis 1669 schrieb der Londoner offenbar über beinahe alles, was einem zwischen dem 27. und 34. Lebensjahr so durch den Kopf rauscht: Frauen, Vergnügen, Karriere - und das daraus resultierende schlechte Gewissen. Pepys berichtet von Zeitereignissen wie der Pest und dem Seekrieg gegen die Niederländer. Zeitlos und ziemlich unterhaltsam wirken seine Tagebücher, weil er derart arglos und ungekünstelt schreibt - am 15. August 1665 zum Beispiel: "Ich träumte, ich hielte Lady Castlemaine in den Armen und dürfte alles mit ihr tun. Und dann träumte ich, dass dies doch unmöglich sei, sondern nur ein Traum sein könne. Wie großartig wäre es doch, könnten wir in unserem Grab träumen - weil wir dann den Tod nicht so zu fürchten bräuchten, wie jetzt in dieser Zeit der Pest."

"Lolita" wird bis heute für erotische Intelligenz gepriesen, "Fahles Feuer" ob seiner formalen Radikalität bewundert - aber das Spätwerk "Ada - oder Das Verlangen" (Rowohlt), 1969 veröffentlicht, ist der Roman Vladimir Nabokovs, der wirklich geliebt wird. Dabei macht diese Geliebte es einem nicht leicht. Sie ist überheblich, sprunghaft, anspruchsvoll. Wer sich aber wirklich auf sie einlässt, entdeckt Zärtlichkeit, Poesie, Lebensfreude. Jetzt ist diese Schönheit als 11. Band der Nabokov-Werkausgabe erschienen. Ein herrlicher Grund, sich erneut in diesem überbordenden Roman zu verlieren, in der Liebesgeschichte der hinreißend verdorbenen Halbgeschwister Ada und Van, in diesem "Vom Winde verweht" für Intellektuelle.

Seit Odysseus zur Feier seiner Rückkehr nach Ithaka unter den Freiern seiner Frau ein Schlachtfest anrichtete, durfte, wer meinte, im Leben zu kurz gekommen zu sein (also irgendwie wir alle), selten einmal so lang anhaltend Schadenfreude genießen, wie bei der Lektüre von Alexandre Dumas' monumentalem "Der Graf von Monte Christo" (dtv), der Geschichte vom napoleontreuen Kämpen Edmond Dantès, der überaus gründlich Rache übt an den intriganten Fieslingen, die ihn zu Tod und Vergessen im Kerkerloch verdammen wollten.

Selten einmal im Deutschen konnte der gebeutelte Held sich so ausgiebig weiden am tiefen Fall seiner Widersacher wie in dieser "vollständigen Ausgabe", die Thomas Zirnbauer herausgebracht und mit einem sehr klugen Nachwort versehen hat. Das Ganze dauert auch deshalb so lange, weil Dantès nicht nur listig wie Odysseus, sondern obendrein scheinheilig wie Old Shatterhand ist: Jeder Racheakt muss zugleich ein Beweis der Verwerflichkeit seiner Opfer sein. Solche Festakte bürgerlicher Bigotterie bedürfen delikater Arrangements - und Dumas ist ein vorzüglicher Zeremonienmeister.

Was Swetlana Geier für Dostojewski vollbracht hat, gelang Rosemarie Tietze pünktlich zu dessen 100. Todestag für Leo Tolstoi: Übersetzungen nicht nur nach Maß, sondern mit Seele. So lebensvoll strebte die unglückliche "Anna Karenina" (Hanser) in deutscher Sprache noch nie ihrem Schicksal entgegen, geradezu munter und beschwingt fließen die Sätze, pointierte Wortwahl lässt die Darstellungskunst Tolstois förmlich glühen. Die Übersetzerin findet beinahe in jedem Absatz elegantere und damit wohl richtigere Wendungen im Vergleich zu alten Übersetzungen.

Nicht in schweren Klassikerausgaben, sondern in taschenbuchgroßen Bändchen gibt Diogenes nach den "Maigret"-Romanen eine schöne 50-teilige Georges-Simenon-Ausgabe in Einzelbänden heraus. Band für Band entführt in die Welten des Auflagenweltmeisters, der so knapp und atmosphärisch dicht erzählen konnte, dass die fremden Orte und längst vergangenen Zeiten seltsam vertraut scheinen: Als habe man selbst sie einst verlassen.

Unter den erhabenen Titeln, die der deutschen Wohnzimmerschrankwand den bildungsbürgerlichen Akzent verliehen, ist William Somerset Maughams bis heute erfolgreichster der irreführendste. "Der Menschen Hörigkeit" (Diogenes) lockte und verstaubte zwischen "Die Kraft und die Herrlichkeit" und "Verdammt in alle Ewigkeit". Von dieser Gelsenkirchner-Barockisierung hat sich das 1915 erschienene Werk in Deutschland nie erholt. Das ist jammerschade, denn es erzählt ungemein leichthändig, geradlinig und unprätentiös die Geschichte des jungen Philip, den der großbürgerliche Waise Maugham viel selbst Erfahrenes begegnen lässt. Ein ungemein freier und zugleich redlich diskreter Geist zeigt sich in dieser Prosa, die dank der wunderbar bearbeiteten Erstübersetzung erstmals ihren sanften Klang im Deutschen voll entfaltet.

Sebastian Hammelehle, Marcus Müntefering, Werner Theurich, Hans-Jost Weyandt

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
stanis laus 21.12.2010
1. Diese Bücher sind nur wichtig für die Eitelkeit,
nicht für das Erkennen der Welt. Aber einige Zitate aus einem Klassiker in einem Gespräch locker eingestreut, putzt ungemein. Und den anderen runter, wenn man dazu die Frage stellt: Aus welchem Klassiker ist das? Na? Aus welchen Klassiker ist das: "Putzt ungemein"?
sysop 21.12.2010
2. Mann
Buddenbrooks. Sorry.
Ylex 21.12.2010
3. Meterware fürs Regal
Wollen Sie den Leuten das Lesen abgewöhnen? Für mich sind das alles Schinken, die Sie da als Weihnachtsgeschenke andienen, zum Beispiel „Der Menschen Hörigkeit“ von Somerset Maugham, Zitat aus dem Artikel: „...denn es erzählt ungemein leichthändig, geradlinig und unprätentiös die Geschichte des jungen Philip, den der großbürgerliche Waise Maugham viel selbst Erfahrenes begegnen lässt.“ ...also leichthändig Großbürgerliches über tausend Seiten lang – mein Gott nochmal. Dann irgendwelche Tagebücher aus dem 17. Jahrhundert auf läppischen 4.500 Seiten, „Ada – oder das Verlangen“ 1.100 Seiten. „Der Graf von Monte Christo“ neu auf 1.500 Seiten – das alles ist Meterware fürs Regal, gute Attrappen sind billiger und vor allem leichter. Schon mal etwas von deutschen Schriftstellern der Gegenwart gehört? Man sollte es nicht glauben, doch es gibt sie, es gibt sie sogar zahlreicher als allgemein angenommen – sie produzieren nicht nur anspruchsvolle Literatur, sondern interessante und sehr lesenswerte. Aber ähnlich wie in den meisten Feuilletons werden sie auch vom SPIEGEL vernachlässigt – wenn ich es richtig sehe, haben Sie es tatsächlich wieder fertiggebracht, nur ausländische Autoren anzubieten, dazu mein Glückwunsch. Mit dieser Praxis wird eine lebendige deutschsprachige Literatur geradezu verhindert – was die hochmögenden Literaturkritiker da an exotischen Werken verhackstücken, wird mir immer unverständlicher. Wie aber wär’s beispielsweise mit: „Flughunde“ von Marcel Beyer oder „Die Frau mit den Regenhänden“ von Wolfram Fleischhauer oder „Das Zimmer“ von Andreas Maier? Wer einen Blick auch einmal auf die kleineren ambitionierten Verlage wirft, der wird eine Fülle von bemerkenswerten deutschen Autoren finden – aber so wie die Verhältnisse sind, werden die meisten von ihnen nie aus dem Schatten herauskommen.
dr_gisela_v._kerf-binsing 21.12.2010
4. Hm?
---Zitat--- Rowohlt Verlag; 1145 Seiten; 38,00 Seiten. ---Zitatende--- Da ist öfter mal was durcheinander ;)
deb2006, 21.12.2010
5. .
Zitat von sysopWarten Sie nicht auf die Rente mit 67 oder den Zusammenbruch nach der Eurokrise - nutzen Sie die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, um endlich mal einen Klassiker zu lesen! Von Dante bis Tolstoi: SPIEGEL ONLINE empfiehlt sieben gelungene Neuausgaben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,735667,00.html
Warum wird so getan, als wären das "Buchempfehlungen"? Es sind doch eher Kaufempfehlungen. Daneben steht ja auch gleich, wo man die Bücher bekommt: Im SPON Online-Shop. Naja ...
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