Literaturkritik Hans Mayer gestorben

Der Literaturwissenschaftler Prof. Hans Mayer, einer der großen deutschen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, ist tot. Er starb in der Nacht zum Samstag im Alter von 94 Jahren in Tübingen.


Tübingen - Genau zwei Monate nach seinem 94. Geburtstag ist Hans Mayer nach längerer Krankheit gestorben, teilte der Frankfurter Suhrkamp Verlag am Samstag mit. Der Literaturkritiker galt als umfassend gebildeter und scharfer, aber zugleich feinfühliger Analytiker mit universalem Horizont. Als Künstler, Schriftsteller, Germanist und Musikwissenschaftler erlangte der Jurist und Sozialforscher Weltruf.

Von den Nazis verfolgt und später auch von der DDR-Bürokratie angefeindet: Hans Mayer
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Von den Nazis verfolgt und später auch von der DDR-Bürokratie angefeindet: Hans Mayer

Mayer fühlte sich als bewusster, aber distanzierter Deutscher. Der Großbürgerssohn, Sozialist und Jude floh 1933 er vor den Nazis aus Deutschland nach Frankreich. Als er bereits im Schweizer Exil lebte, wurde ihm 1938 auch die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Schon 1945 kehrte Mayer nach Deutschland "in die Fremde" heim. Die Amerikaner machten ihn zum Chefredakteur der dpa-Vorgängerin Deutsche Nachrichten-Agentur DENA und später von Radio Frankfurt. Er sei so, darauf legte er stets Wert, einer der dpa-Väter. Für eine Dozentur in Frankfurt/Main "verpasste" er die Mitherausgeberschaft des SPIEGEL.

An der Universität Leipzig befasste er sich ab 1948 vor allem mit den Werken Bertolt Brechts. Mayer hatte sich bewusst für die DDR entschieden, doch als "Kommunist ohne Parteibuch" eckte er bald an. 1963 kehrte er nach 15 Jahren der DDR den Rücken und blieb nach einem Verlagsbesuch in Tübingen. Die Hochschule vermochte aber nicht, nach Ernst Bloch auch ihm eine Dozentur zu geben, so dass er 1965 einen Germanistik-Lehrstuhl in Hannover annahm. Nach der Emeritierung 1973 kehrte Mayer als Honorarprofessor in sein geliebtes Tübingen zurück.

Unter seinen unzähligen Publikationen, darunter mehr als 50 Bücher, gehören die Arbeiten über Georg Büchner, Thomas Mann, Bert Brecht, Richard Wagner zu den bekanntesten. Erst vor kurzem brachte Suhrkamp sein neuestes Buch "Erinnerung an Willy Brandt" heraus. Das Werkverzeichnis umfasst Namen wie Goethe, Schiller, Marx, Kleist, Hauptmann, Sartre und Dürrenmatt.

Als Mayers Hauptwerk gilt "Außenseiter" (1975). Seinen dreibändigen Memoiren von 1982 gab der große Erzähler den bezeichnenden Titel "Ein Deutscher auf Widerruf". Und "Der Turm von Babel" war 1991 ein DDR-Nachruf mit dem Kernsatz: "Das schlechte Ende widerlegt nicht einen möglicherweise guten Anfang."

Ohne Widerruf und mit aufrechtem Gang war Mayer stets ein leidenschaftlicher Aufklärer und unerschrockener Bekenner, der für die Integrität des Individuums, die Achtung des Außenseiters und ein menschenwürdiges Zusammenleben kämpfte und die Widersprüche aufzeigte, die das Leid des Einzelnen auslösen. In den letzten Jahren lebte der noch rüstige und geistig rege Mayer zurückgezogen, auch enttäuscht und verbittert. Als er 1999 Günter Grass in die Tübinger Poetikdozentur einführen sollte, erinnerte sich der sensible Laudator an Angriffe eines auswärtigen Professors vor 20 Jahren und kam nicht.

Sein Schicksal stand exemplarisch für die Widersprüchlichkeit und Tragik der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er hat sich "allen Zerreißproben ausgesetzt, denen sich ein deutscher Schriftsteller in beiden deutschen Staaten aussetzen konnte" (Christa Wolf).



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