Literaturmarkt Rotbuch-Autoren rebellieren gegen Verlagsverkauf

Kultautoren der deutschen Linken wie Peter Schneider bei einem Stasi-freundlichen Verlag? Undenkbar - könnte man meinen. Genau so eine Posse hält der Literaturbetrieb nun aber für einige kritische Autoren bereit: Sie landen mit dem "Todfeind" in einem Bett.


In der Verlagsszene geht es lebendig zu, und deutsche Autoren erleben immer häufiger, dass ihre Bücher wandern, von einem Haus zum andern. Peter Schneider, 66, der mit der Erzählung "Lenz" 1973 zu einem Kultautor der deutschen Linken und der Studentenbewegung wurde, wähnte sich dennoch in einem Alptraum, als er vergangene Woche in einem Rundbrief und nachträglich davon erfuhr, dass seine legendäre Novelle nun, wie andere Aktivposten des Rotbuch Verlages, bei der Eulenspiegel-Verlagsgruppe erscheint.

Autor Schneider: "Im Bett des Todfeinds"
DPA

Autor Schneider: "Im Bett des Todfeinds"

Rotbuch soll "sein bisheriges Profil behalten", wie es in der Mitteilung der Verkäufer Irmela und Axel Rütters, die den Verlag, 1973 als Kollektiv gegründet, 1993 übernommen hatten, heißt – Schneider allerdings sieht sich laut SPIEGEL "im Bett des Todfeinds": Autoren wie Herta Müller, Thomas Brasch, Richard Wagner und er künftig unter dem Dach eines Hauses, "in dem Stasi-Offiziere ihre Erinnerungen pflegen, und man erfährt, dass es eigentlich ganz gemütlich war in der DDR"?

In der Tat hält der Eulenspiegel Verlag treu zum Weltbild der Funktionäre von einst, die sich an die guten alten Zeiten im Geheimdienst und beim Militär erinnern oder auch, "um die nationale Krise abzuwenden, Moskau zu Hilfe riefen": 1968 nach Prag. Die Berliner-Literaturpreis-Trägerin und Rumänien-Exilantin Herta Müller sieht bei dem Verkauf "Zynismus und eine unglaubliche Gleichgültigkeit" am Werk: "Jetzt stehen meine Essays zur Diktatur neben den Memoiren von Egon Krenz, Walter Ulbricht und Markus Wolf. Eine Steigerung wäre nur noch, neben Kim Jong Il zu publizieren."

Der ungarische Dissident und ehemalige Häftling György Dalos, der wegen der im Frühjahr erscheinenden Novelle "Jugendstil" in engem Kontakt zu den ehemaligen Verlegern stand, aber auch von den Verkaufsabsichten nichts erfuhr, tritt aus dem Vertrag für sein Buch aus. "Das Verhalten von Rütters stellt in meinem Fall einen klaren Rechtsverstoß dar. In Ungarn hatte ich 15 Jahre Publikationsverbot; im Umgang mit Überraschungen bin ich trainiert. Ich werde auf der Leipziger Buchmesse aus ,Jugendstil‘ lesen und betrachte mich fortan wieder als freier Autor."

Von dem Verkauf ebenso überrascht wurde der Rotbuch-Mitbegründer F. C. Delius: "Ich finde es skandalös", kommentiert der literarische Aufklärer ("Unsere Siemens-Welt") den Vorgang, "dass ausgerechnet das Erbe des einzigen westdeutschen Verlages, der sich konsequent kritisch gegenüber der DDR-Kulturpolitik erhalten hat, nun in solche Hände kommt." Juristisch ist für die Autoren, ei denen es um Rechte an ursprünglichen Rotbuch-Titeln geht, wohl nicht viel zu machen, aber sie erwägen nun andere Formen des Protests: Gelernt ist gelernt.



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