Literaturmuseum der Moderne Spurensuche auf Kaugummipapier

Die Socken von Schiller und das Taufhemd von Thomas Mann: Auch solche Exponate zeigt das Literaturmuseum der Moderne in Marbach neben Text-Originalen von Kafka, Döblin und Kästner.  Heute Abend eröffnete Bundespräsident Horst Köhler den neuen Literaturtempel am Neckar.

Von Arndt Breitfeld


Marbach - Man ist stolz auf die Einzigartigkeit in Marbach am Neckar: "Es gibt unseres Wissens weltweit sonst kein Museum, das nur für die Ausstellung von Literatur gebaut ist", sagte Christiane Dätsch vom Literaturmuseum der Moderne heute zu SPIEGEL ONLINE. "Es gibt zwar viele Geburts- und Sterbehäuser von Dichtern, Denkern und Schriftstellern, für deren Andenken das Haus umgebaut wurde. Aber nie hat ein Architekt nur für die Literatur gebaut."

Auch Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich am Abend in seiner Eröffnungsrede begeistert: Das Literaturmuseum auf der Marbacher Schillerhöhe in Baden-Württemberg sei eine "Schatzkammer" und "ein Tempel des Geistes und der Schrift". Zwölf Millionen Euro hat der Bau den Bund und das Land Baden-Württemberg gekostet. In Berlin befand Kulturstaatsminister Bernd Neumann: "Ein weiteres überzeugendes Beispiel für die Leistungsfähigkeit des kooperativen Kulturföderalismus."

Das neue Museum speist sich aus dem Marbacher Literaturarchiv, eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen der Welt. Sein Sinn und Ziel: "Erkenntnis aus originalen Quellen fördern und Freude an der Literatur wecken" heißt es auf der Website des Archivs. Im Zentrum der Sammlung stehen die Nachlässe von etwa 1200 Schriftstellern, eine riesige Quellen- und Forschungsbibliothek zur deutschen Literatur, rund 750.000 Bücher und 200.000 Exponate. Auch die werden gezeigt: Das Museum beweise damit "den Mut, uns die literarischen Nachlässe, die Kostbarkeiten und auch die Seltsamkeiten wie einen Schatz zu präsentieren" so Köhler. Mit Seltsamkeiten meinte er wohl das Röntgenbild des lungenkranken Karl Jaspers oder das Kaugummipapier, auf dem der Dramatiker Thomas Strittmatter bisweilen seine Gedanken festhielt.

Seit über 100 Jahren steht das eng verbundene Schiller-Nationalmuseum im regen Austausch mit dem öffentlich zugänglichen Archiv. Mittlerweile stammen 80 Prozent des Archivbestands aus dem 20. Jahrhundert; das neue Literaturmuseum war demnach auch die Antwort auf eine Platzfrage. "Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es einfach ein breites Interesse des Publikums an einer Dauerausstellung gibt" so Dätsch zu SPIEGEL ONLINE. Im Schillerjahr 2005 verdoppelte sich die jährliche Besucherzahl auf 42.000.

Wegweiser durch die "Baustellen der Phantasie"

Heute kam also das Literaturmuseum der Moderne dazu, kurz, schick und liebevoll "LiMo" getauft. Zum ersten Mal zeigte es in großem Umfang das, was vom 20. Jahrhundert im Gedächtnis des Marbacher Literaturarchivs erhalten geblieben ist.

Die Dauerausstellung trennt zwischen Literatur und Leben, "zwischen den Baustellen der Phantasie und den Resten des gelebten Lebens", also zwischen der erschaffenen Literatur als solcher und den materiellen, greifbaren Fragmenten.

Drei Räume stehen den Besuchern in dem von Star-Architekt David Chipperfield entworfenen Bau zur Verfügung: "stilus", "nexus" und "fluxus". Die lateinischen Namen sind Programm: "Literatur ist nicht einfach und nah. Wer liest, der lässt sich auf ein Denken mit fremden Köpfen ein, konzentriert sich auf Wörter und vergisst die Welt um sich herum". Das erhoffen die Macher auch von ihren Besuchern: Dass sie sich einlassen und die Welt der Literatur auf eigene Faust entdecken.

Im Raum "stilus" stehen kurze, literarische Texte im Vordergrund. Mit dem "M3", einem multimedialen Museumsführer – Informations- und Navigationsgerät in einem – sollen die Besucher in einem Buchstabenmeer nach Buchstaben angeln, hinter denen sich dann mindesten zwei Texte verbergen. Nicht immer aus dem 20. Jahrhundert, aber immer in Bezug dazu. Einmal wird zuerst nur ein Wort sichtbar, ein anderes Mal zuerst das Ausrufezeichen, danach ein ganzer Satz oder alle Reime. Die 50 Lesestücke sollen mit der Zeit erweitert und ausgetauscht werden.

"nexus" ist der größte Ausstellungsraum. Hier ist unter Vitrinenglas zum Beispiel das Taufhemd von Thomas Mann zu sehen: "Da spürt man Ehrfurcht und Schaulust" so Christiane Dätsch. Neben Kafkas Romanmanuskript "Der Proceß" – das wertvollste Stück der Ausstellung – liegen die Manuskripte von Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder Kästners "Emil und die Detektive". Letzteres ist in Steno geschrieben – auch hier hilft der "M3" weiter. So sind tiefe Einblicke auch in die Arbeitswelt der Schriftsteller möglich, sagt Christiane Dätsch: "Man kann sehen: Was hat der Dichter unterstrichen, was hat er gelesen."

Über 1300 Entstehungs- und Rezeptionszeugnisse der Literatur stehen insgesamt in Form von Briefen, Dokumenten und persönlichen Gegenständen zur Verfügung. Christiane Dätsch hat sogar schon Schillers Socken bestaunen dürfen. Die Exponatauswahl wechselt ständig.

Klaus Wagenbach und seine neun Musen

Im "fluxus"-Raum präsentieren prominente Kuratoren ihre aktuelle persönliche Literatur. Lieblingsbücher etwa oder Fundstücke aus dem eigenen Archiv. Der Verleger und Literaturhistoriker Klaus Wagenbach eröffnet den Reigen: Er ist der Bitte des Literaturmuseums nachgekommen und hat einige seiner Erfahrungen und Leidenschaften, darunter die Landschaften Italiens und viele Kaninchen, den neun Musen zugeordnet. Nicht ganz einfach zu verstehen, und soll soll es auch sein: Das LiMo sei kein Haus "nach einem oberflächlich verstandenen Konzept 'Kultur für alle'", so Köhler. Der Bundespräsident rief zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kultur auf: "Kultur ist kein Schnäppchen - und kein Schnupperangebot."   

Dennoch will das neue Literaturhaus besonders Kinder und Jugendliche ansprechen. Spezielle Führungen wenden sich etwa an Schüler der Klassen 7 bis 9. Das Thema des Rundgangs: Liebesbriefe. Denn auch große Schriftsteller haben nicht immer nur Romane, Gedichte und Erzählungen geschrieben. Das LiMo stellt Beispiele aus und fragt: Womit sind die Liebesbriefe geschrieben? Wie haben die Dichter an ihre Lieben geschrieben? Und wie schreiben Jugendliche heute ihre Liebesbriefe? Wem das zu persönlich und peinlich ist, kann sich einem Gerät in der Ausstellung zuwenden: dem Poesie-Automaten von Hans Magnus Enzensberger. Der kann auf Knopfdruck fast unendlich viele – genau gesagt: 10 hoch 36 – Gedichte erzeugen. Das Programm besteht aus 360 Sprachelementen, die alle miteinander kompatibel sind – und immer eine sinnvolle Kombination ergeben.



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