Literaturnobelpreis für Alice Munro Diese Frau fasst sich kurz

Eine große Schriftstellerin ist mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden. Und damit ganz Nordamerika: Der Stockholmer Entscheidung für Alice Munro fehlt der Beigeschmack politischen Kalküls. Sie würdigt die wichtigste Erzähltradition der Gegenwart und die große Kunst der Short Story.

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DPA/ Man Booker Prize

Dass sie Schriftstellerin werden wolle, sei ihr bereits als Schülerin bewusst gewesen, berichtete Alice Munro einmal in einem Interview. Damals habe sie Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau" gelesen - dessen Ausgang aber als allzu traurig empfunden: "So ging ich ums Haus und dachte mir ein glücklicheres Ende aus."

Es war der Beginn eines langen Weges, der sie bis zum Literaturnobelpreis führen sollte. Ihre Eltern waren kanadische Farmer, die für ihre Tochter ein Leben als Farmersfrau vorgesehen hatten. Doch Alice Munro studierte, brach das Studium ab - und begann als Hausfrau und Mutter in den fünfziger Jahren zu schreiben.

Bereits in ihrem ersten Erzählungsband "Tanz der seligen Geister" von 1968 - erst 2010 in deutscher Übersetzung im Dörlemann Verlag erschienen - erwies sich die damals 37-Jährige als eine Schriftstellerin, die es verstand, Alltagsgeschehnisse und vermeintlich alltägliche Gefühle kondensiert wiederzugeben. Diese Kunst hat sie bis zu ihrem jüngsten Erzählungsband "Zu viel Glück" perfektioniert.

Die Short Story ist eine Form vor allem der nordamerikanischen Literatur, verbunden mit Namen wie Ernest Hemingway oder Raymond Carver. Oftmals aus Männerperspektive dargeboten. Lakonisch, knapp. Gerade lang genug für eine kräftige Zigarette und das dazu gehörige Gläschen Bourbon. Und auch der nordamerikanische Roman wird beherrscht von männlichen Autoren wie Philip Roth, deren Welt ja vor allem eine Männerwelt und deren Tinte das Testosteron ist.

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Eine sympathische Pointe, dass es nun eine kluge, feinfühlige Erzählerin ist und kein alternder Kerl, die von der Stockholmer Jury stellvertretend für die nordamerikanische Literatur geehrt wird. Es ist die erste Würdigung dieser weltweit einflussreichen Erzähltradition, der wahrscheinlich wirkungsmächtigsten des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, seit Toni Morisson vor zwanzig Jahren den Literaturnobelpreis erhielt. Und diese Würdigung war lange erwartet worden: Wie Roth oder Thomas Pynchon wurde auch Alice Munro immer dann genannt, wenn es darum ging, jene Schriftsteller aufzuzählen, die den Preis dringend verdient hätten.

Dass sie ihn nun tatsächlich bekommen hat, ist, anders als manche Entscheidung der Stockholmer Jury in den vergangenen Jahren - so 2012 für den chinesischen Schriftsteller Mo Yan - nicht mit dem Beigeschmack politisch-strategischen Kalküls befrachtet. Hier geht es nicht darum, eine moralische Haltung zu ehren, oder die Literatur einer bislang sträflich übersehenen Weltregion aufzuwerten. Die Entscheidung für Munro ist die Entscheidung für eine große Schriftstellerin, oder wie es der Stockholmer Jury-Sekretär Peter Englund ausdrückte, für "die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte."

Munros Texte haben etwas Klassisches, fast Altmeisterliches. Ihr Bewunderer Jonathan Franzen vergleicht sie mit den größten Autoren der Literaturgeschichte: "Mit ihr kann es auf diesem Planeten allenfalls eine Handvoll Schriftsteller aufnehmen", meint er. Munro habe im Bereich der Kurzgeschichte Tschechow übertroffen - "Und der war nicht gerade ein Anfänger."

Mittlerweile 82 Jahre alt, hat die zierliche Autorin, die den Großteil ihres Lebens im Hinterland der kanadischen Provinz Ontario verbracht hat, längst erkannt, dass das glückliche Ende, das sie der "Kleinen Meerjungfrau" als junges Mädchen hatte angedeihen lassen wollen, nicht selbstverständlich ist. "Glück ist kompliziert", sagt sie, "Glück ist harte Arbeit."

Das gilt auch für ihr Werk. Alice Munro ist eine Autorin, die ihr Metier derart gut beherrscht, dass das, was sie schreibt, wie von leichter Hand hingeworfen scheint. Dass es das allerdings nicht sein kann, lässt sich ablesen an der gründlich ausgearbeiteten, psychologisch stimmigen Komposition ihrer Sätze und Kurzgeschichten. In ihrer Klarheit und Makellosigkeit wirkt Munros Ästhetik wie ein Gegenentwurf zu den Büchern Terézia Moras, deren Roman "Das Ungeheuer" 2013 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zwei ganz verschiedene Autorinnen, die ihre Leser beide tief beeindrucken - und doch könnte man den Unterschied zwischen deutschsprachiger und angelsächsischer Literatur kaum deutlicher machen als mit ihren Werken.

Besonders die lange beim Leser nachhallenden Schlusssätze von Munros Erzählungen sind immer wieder gewürdigt worden. Die titelgebende Geschichte ihres 2004 erschienen Bandes "Tricks" endet mit den Worten: "Sie würde es gern jemandem erzählen können. Ihm."

Alice Munro hat es jemandem erzählt, nicht nur ihm oder ihr - spätestens nach der Vergabe des Literaturnobelpreises ist ihr Publikum die ganze lesende Welt.



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