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Auszeichnung in Stockholm: Literaturnobelpreis geht an Franzosen Patrick Modiano

Mit diesem Namen hatte kaum einer gerechnet. Die Schwedische Akademie vergibt den Literaturnobelpreis an Patrick Modiano. Der Franzose gilt als skeptischer Romantiker - in Deutschland war er bis heute eher unbekannt.

Stockholm/Hamburg - Den Nobelpreis für Literatur 2014 erhält Patrick Modiano. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Die Entscheidung für das Werk des 69 Jahre alten Schriftstellers gilt als große Überraschung. Es waren einerseits als übliche Verdächtige ein paar große Namen gehandelt worden, bei den Buchmachern galt kurz vor der Bekanntgabe der Kenianer Ngugi wa Thiong'o als Favorit.

Modiano wurde im Jahr 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines Geschäftsmanns, der aufgrund seiner jüdischen Konfession während der deutschen Besatzung verfolgt worden war, und einer flämischen Schauspielerin geboren. Er wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte dann seine Jugend im Internat. Der Tod seines zehnjährigen Bruders war ein Schock für ihn.

Modiano zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern der Gegenwart. Sein Werk, schmale Romane in einer klaren, sparsamen Sprache, erscheint in Deutschland im Hanser Verlag. Zuletzt erschienen dort "Place de l'Étoile" (2010), "Im Café der verlorenen Jugend" (2012) und "Der Horizont" (2013).

Der Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française und im Jahr 1978 den Prix Goncourt für "Die Gasse der dunklen Läden". Im Jahr 2012 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen.

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Literaturnobelpreis 2014: Franzose Patrick Modiano siegt überraschend
Seit 1967 arbeitet Modiano als freier Schriftsteller in Paris, er gilt in Frankreich als zeitgenössischer Klassiker und skeptischer Romantiker. Seine Erzählungen lässt er zumeist in den Vierziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts spielen; oft thematisierte er die Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland. "Ich versuche bei den Menschen und den Dingen die Schicht des Vergessens zu durchstoßen", sagte der medienscheue Autor in einem seiner wenigen Interviews vor etwas mehr als einem Jahr.

Mit dem französischen Regiestar Louis Malle ("Fahrstuhl zum Schafott") schrieb Modiano 1974 zusammen das Drehbuch zu dem Weltkriegsdrama "Lacombe, Lucien", das von einem Bauernjungen handelt, der sich während der Besetzung Frankreichs als Gestapo-Helfer verdingt. Der Film wurde vielfach ausgezeichnet und löste Debatten über die Kollaboration vieler Franzosen mit den Nazis aus.

Modiano schreibt zudem über Geschlechterbeziehungen, die daraus resultierenden Konflikte und die Sehnsucht, die damit zusammenhängt. Seine Erinnerungsbilder sind stark von der Beziehung zu seinem jüdischen Vater bestimmt, der während der deutschen Besetzung unter falschem Namen in einem Versteck lebte.

Die mehr als 20 Romane des Autoren wurden nahezu alle ins Deutsche übersetzt. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke hat ihn fürs deutschsprachige Publikum entdeckt. Modiano ist hierzulande zwar anerkannt, konnte sich bislang aber noch nicht richtig durchsetzen. Durch den Literaturnobelpreis könnte er nun in Deutschland seinen großen Durchbruch haben - da er tatsächlich Bücher schreibt, die Hunderttausende begeistern könnten.

Modiano selbst erfuhr offenbar erst mit einiger Verspätung, dass er den Preis erhalten hat. Die schwedische Nobel-Jury hatte ihn zunächst nicht erreichen können, erst nach vielen Stunden und Versuchen gelang es. "Wir konnten noch keine Verbindung zu ihm herstellen, aber wir hoffen, ihn bald zu erreichen", hatte der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, der Weltpresse anfangs gesagt.

Nach Einschätzung seiner schwedischen Verlegerin könnte der Preis Modiano einen Schreck einjagen. "Ich glaube, das ist ein Schock für ihn", sagte Elisabeth Grate, die drei seiner Bücher auf Schwedisch herausgegeben hat, der Zeitung "Svenska Dagbladet".

Ganz so schlimm wurde es dann aber nicht. Die Auszeichnung lasse "Kindheitserinnerungen" in ihm wach werden, etwa an die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an seinen Landsmann Albert Camus 1957, sagte Modiano schließlich in Paris. Es erscheine ihm "ein bisschen unwirklich", nun zum Kreise dieser Menschen zu gehören, "die ich bewundert habe". Den Preis widmete er seinem schwedischen Enkel: "Ich widme ihm diesen Preis, denn es ist sein Land."

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kha/dpa/Reuters

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Schweden-Kronen
emmerot 09.10.2014
Schweden-Kronen sind wenigstens eine stabilere Währung als die Euro-Lire oder Euro-Franc, mit denen wir bezahlen müssen. Und es hilft dem französischen Wirtschaftswachstum.
2. Großartig!
althus 09.10.2014
Wenn jemand den Literaturnobelpreis verdient hat, dann er: Patrick Modiano. Jedes seiner Bücher verzaubert.
3. mmh.
tester_1_2_3_4 09.10.2014
Irgendwie ungerecht. Der Physiker/Chemiker/Mediziner muss sich seinen Preis mit ~3 anderen Teilen und hat Jahre und etwaige Geräte gebraucht und Mitarbeiter bezahlt um zu Forschen bzw. musste sich um etwaige Sponsoren (Unis, Firmen, etc.) bemühen. Der Autor hat in 3-12 Monaten ein Buch geschrieben und bekommt das komplette Preisgeld (ohne das er Geräte und Mitarbeiter bezahlen musste).
4. Wieder ein Sieg des Lobbyismus !
spmc-122226439819235 09.10.2014
Keiner kennt ihn ,geringe Auflage auf die Schaffensjahre gesehen und ohne Sprachgewalt,aber.....,so geht die allmähliche Entwertung eines Preises ,es kommt der nicht alzuferne Tag ,da ist die Preisablehnung besser und auszeichnenter ,als seine Annahme.Ich hoffe bald !
5. Fragwürdige Kategorie
BlogBlab 09.10.2014
Ich finde es ohnehin fragwürdig, für einen Roman Nobelpreise zu verteilen. Wie will man den Wert oder die Bedeutung einer Geschichte für die Menschheit messen? Hier bewegt sich das Nobelpreisgremium auf sehr dünnem Eis und dieser Nobelpreis ist eher mit einer subjektiven Oskarverleihung zu vergleichen.
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Ehrung mit Weltrang - die Nobelpreise
Der Stifter
Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde. Als "Wiedergutmachung" vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Nobel selbst hatte mehr als 350 Patente angemeldet.
Die Auszeichnungen
Die Preise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung stieg von anfangs 150.800 Kronen auf zehn Millionen Kronen (eine Million Euro), wurde 2012 aber wegen der Wirtschaftskrise wieder auf acht Millionen Kronen gesenkt. Bis zu drei Menschen können sich einen wissenschaftlichen Preis teilen. Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen. Höhepunkt ist stets die feierliche Verleihung der Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag von Nobel.
Die Kategorien
Die Preisträger für Physik und Chemie werden immer von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die der Medizin vom Karolinska-Institut in Stockholm und die Literaturpreisträger von der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste ausgewählt. Die Friedenspreisträger bestimmt ein Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo.
Die Alternativen
Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet. Seit 1980 vergibt die "Stiftung zur Auszeichnung richtiger Lebensführung" (Right Livelihood Award Foundation) die Right Livelihood Awards, die oft als alternative Nobelpreise bezeichnet werden.

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