Literaturnobelpreis-Verschiebung Die Denkpause ist bitter nötig

2018 ohne Literaturnobelpreis: Die Schwedische Akademie zieht die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal, und das ist gut so. Jetzt ist Zeit da für Reformen - gelingt die Ablösung der alten Garde?

Journalisten erwarten die Verkündung des Nobelpreisträgers (Archivbild)
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Journalisten erwarten die Verkündung des Nobelpreisträgers (Archivbild)

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Hand aufs Herz - wer hat sich in den vergangenen Jahren wirklich damit befasst, welches Gremium den Nobelpreis für Literatur vergibt? Vage hatte man ein Bild vor Augen von festlich gekleideten älteren Semestern aus Schweden. Über manche ihrer Urteile wurde gestritten (Bob Dylan!), manche wurden bestaunt (Herta Müller). Andere hinterließen Verwirrung (Jean-Marie Gustave Le Clézio). Doch die Entscheider selbst wurden nicht weiter infrage gestellt.

Wahrscheinlich hätte sich der Preisträger oder die Preisträgerin des Jahres 2018 in der Rückschau in diese etwas erratische, aber eben gleichzeitig hochwürdige Reihe einsortiert - und niemand hätte mehr nach den Umständen der Vergabe gefragt.

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Literaturnobelpreis: Die Gewinner seit 2000

Aber die Bekanntgabe und Vergabe im Herbst 2018 mit all ihren Ritualen wären überschattet gewesen von dem, was um die Schwedische Akademie in den vergangenen Monaten geschehen ist. Die Preisträgerin oder der Preisträger hätte sich damit abfinden müssen, nur ein Thema unter mehreren zu sein. Angesichts der Reihe an Skandalen, die in den vergangenen Wochen ans Tageslicht gekommen sind, ist es richtig, dass die Schwedische Akademie entschieden hat, den Nobelpreis für Literatur 2018 nicht zu vergeben.

Zur Erinnerung: Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs durch Jean-Claude Arnault, den Ehemann des Akademiemitglieds Katarina Frostenson, wurden schon in den Neunzigern an das Gremium herangetragen. Man fand das nicht so wichtig und vertiefte noch die Beziehungen zu der von Arnault betriebenen Kulturbühne Forum.

Als im Zuge der #MeToo-Debatte 18 Frauen im Herbst 2017 in der Zeitung "Dagens Nyheter" ihre Erfahrungen mit Arnault schilderten, tat die damalige Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, das einzig Richtige: Sie ließ die Verbindungen der Akademie zum Forum und ihrem Betreiber extern prüfen.

Ein beauftragtes Anwaltsbüro ermittelte, dass die Namen mehrerer Nobelpreisträger vorab durchgestochen worden sein sollen. Und befand offenbar, dass die Geldflüsse zwischen Akademie und Forum ein Fall für die Polizei seien, Abteilung für Wirtschaftskriminalität.

Daraus folgte für Horace Engdahl, Akademiemitglied seit 1997 und enger Freund Arnaults: Sara Danius sei "die schlechteste Ständige Sekretärin seit 1786", dem Gründungsjahr der Akademie. Jener Engdahl ist noch immer im Amt. Sechs andere Akademiemitglieder haben ihres niedergelegt im Zuge der Affäre.

Lange sprachen die noch Verbliebenen von einem "Weiter-so", als auf Stockholms Straßen schon zur Unterstützung des Aufklärungskurses demonstriert wurde und der König, der Schutzpatron der Akademie, bereits seine Besorgnis geäußert hatte. Inzwischen hat er eine Satzungsänderung auf den Weg gebracht, die eine Erneuerung wenigstens ermöglicht.

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Auf diese Erneuerung müssen sich die Beteiligten nun konzentrieren. "The Times They Are a-Changin'", um mit dem Nobelpreisträger von 2016 zu sprechen. Heute wird mehr Transparenz von einem Gremium verlangt, das über die Vergabe von zahlreichen weiteren Preisen und Stipendien großen Einfluss auf das literarische Leben hat.

Es war nie richtig, dass eine solche Institution geprägt wird von einem Typus Kulturmann, der im Zeichen der Kunst und Kumpanei die Regeln des zivilisierten Umgangs ignoriert. Und es ist richtig, dass in Zeiten, in denen der Missbrauch von Macht mit sexuellen und anderen Mitteln endlich skandalisiert wird, diese Prägung endlich publik wird.

In den vergangenen Wochen haben wir als Beobachter sehr genau mitbekommen, welche Leute das sind, die in Stockholm über den Literaturnobelpreis entscheiden. Ja, manchmal schaute man sich das an wie Reality-TV. Aber das Vertrauen in diese Personen, in ihre Integrität ist verloren gegangen. Das Gremium sollte die Denkpause, die es sich mit der Verschiebung des Nobelpreises für Literatur gegeben hat, nun sinnvoll nutzen.



insgesamt 11 Beiträge
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pragmat 04.05.2018
1. Feine Gesellschaft
Man braucht sich über die Entlarvung dieses Idols der "Feinen Gesellschaft" in Stockholm wirklich nicht zu wundern. Die hat sich immer im Glanz der schwedischen Monarchie gesonnt und ist an Arroganz und Selbstherrlichkeit kaum zu überbieten. Jetzt wo der König seiner Tochter zuliebe den Schutz entzogen hat, ist der Rausschmiss etlicher Akademie-Mitglieder dringend geboten und möglich. Man hat sich in den Bücherläden der Welt schon lange gewundert, warum die Bücher von Litteratur-Preisträgern bereits fertig in den Regalen lagen, wenn doch das "Abstimmungsergebnis" der Damen und Herren gerade verkündet wurde. Das ist dann auch unter der Rubrik "Wirtschaftskriminalität" zu verbuchen.
Lankoron 04.05.2018
2. Was kann denn der Preis
für das Fehlverhalten seiner Entscheidungsjury? Und wie soll denn nun diese Jury umgebaut werden, wer soll denn nun in Zukunft wie entscheiden? Ich finde es nicht richtig, diesen so wichtigen Preis nicht zu verleihen und sich zurückzuziehen. Anständiges Handeln hätte vor allem öffentliche Aufklärung und Information erfordert und nicht das beleidigte Zurückziehen.
laydi 04.05.2018
3.
Die Betreffenden sollten sich einfach mal schämen und sich für solch ein inakzeptables Verhalten öffentlich entschuldigen. Kirche, Menschenrechtsorganisationen, Sportverbände, Verleihung des Nobelpreises, Filmbranche uvm - was hier passiert ist kaum noch zu ertragen!
Karl Heinz Klaus 04.05.2018
4. Nie verstanden
Ich habe die Vergabe des Liternaturnobelpreises nie verstanden. Im Gegensatz zu Naturwissenschaften ist die Bewertung von Literatur doch viel zu subjektiv und kann überhaupt nicht mit soliden objektiven Kriterien definiert werden. Außerdem wären aus meiner Sicht zwingend sehr gute Kenntnisse der jeweiligen Sprache für eine vernünftige Bewertung erforderlich. Chinesisch unterscheidet sich z.B. gravierend in Struktur, Kommunikationsaufbau und Phonetik von europäischen Sprachen. Eine Übersetzung kann das fast nie zu 100% wiedergeben. Deswegen eine Frage: Wie viele Leute aus dem Nobelpreiskomitee sprechen den zB. fließend chinesisch, um die Kandidaten aus dieser Region zu beurteilen? Hmm?
sogehtdasnicht 04.05.2018
5. Warum stoppt man die Verleihung...?
Es kann doch nicht so schwer sein, dann eben eine andere Gruppe von Literatur-Experten zusammen zu bringen und dann treffen die eben eine Entscheidung. Man kann doch nicht die alten Säcke auch noch so aufwerten, dass es ohne diese nicht mal mehr einen Literaturnobelpreis zu vergeben gibt.
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